Wir neigen dazu, Sepp Blatter die grössere Macht zuzusprechen. Schliesslich hat seine Fifa die Schweizer Fussballfunktionäre dazu gezwungen, sich vor ihm in den Staub zu werfen und Christian Constantins FC Sion mit der absurdesten und jenseits aller Verstandesgrenzen liegenden Strafe zu belegen: minus 36 Punkte. Hier geht es nicht mehr um Recht und Gesetz. Hier geht es nur noch um pure Machtausübung. Macht vor Recht. Kann man also mächtiger sein als Fifa-Präsident Blatter?

Ja. Wir können das Ganze nämlich auch anders sehen: Christian Constantin hat die Macht, das ganze Fussball-Universum herauszufordern und Blatter zu einem Schritt zu provozieren, der ihn in seiner Heimat zur «Unperson» macht. Obwohl es dem grossen Fifa-Zampano am Herzen liegt, daheim im Wallis geehrt und geliebt zu werden. Blatter hat den Machtkampf gegen Constantin für den Augenblick zwar gewonnen – aber die Verehrung im Wallis verloren. Constantin hat also den Kampf um Ehre und Ansehen im Wallis gegen Blatter gewonnen.

Unsere Fussballgeneräle haben also vor Blatter kapituliert, weil sie rechnen können: Es ist billiger, jahrelang gegen Christian Constantin zu prozessieren, als den FC Basel für den Ausschluss aus der Champions League zu entschädigen und nie mehr bei der Euro- und der WM-Qualifikation mitspielen, ja nicht einmal mehr ein Länderspiel austragen zu dürfen.

Aber haben sie richtig gerechnet? Das muss sich noch weisen. Niemand kann nämlich Christian Constantin zur Räson bringen. Ganz im Gegenteil: Er ist jetzt in seiner Heimat ein Freiheitsheld, der sich gegen die «Achse des Bösen» Fussballverband/Fifa erhebt und einen heiligen Krieg für das Wallis führt. Aus dieser Ausgangslage wird er Energie schöpfen, und das Geld zum Prozessieren wird ihm nie ausgehen: Er wird sogar Freunde finden, die ihm diesen Freiheitskampf im Namen des teuren Vaterlandes Wallis finanzieren werden. Dass sich dabei das Ansehen unseres Fussballs im prozessualen Pulverdampf auflöst, ist gerade im Wallis unerheblich.

Christian Constantin ist erst 54. Er hat Geld und Kraft, um die Schweizer Fussballobrigkeit für jeden abgezogenen Punkt mit einem Jahr Prozess zu belegen. Unsere Machtparade ist also eine Momentaufnahme. Deshalb ist Blatter mächtiger. Ob er das auch auf Dauer sein wird, ist fraglich. Unsere Liste führt die Mächtigen im Schweizer Sport auf. Sie ist eigentlich zu kurz und damit in einem gewissen Sinne willkürlich.

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