Der Moment der Aufregung kommt um 18.49 Uhr. David Trezeguet, EM-Held der Franzosen seit 2000, öffnet die Loskugel und streckt den Zettel mit der Aufschrift «Switzerland» in die Kameras. Gruppe A also. Gegen Frankreich, gegen Rumänien – und vor allem: gegen Albanien. «Ich kann es nicht glauben», twittert Valon Behrami. Nationaltrainer Vladimir Petkovic sagt: «Das wird sicher interessant und emotional.»

Wie denken über dieses Los? Ist die Freude über das holde Glück grösser? Oder doch die Skepsis vor dem nervenaufreibenden und emotionalen Bruderduell gegen Albanien? Die Tendenz ist eindeutig: Die Freude darf überwiegen. Es ist ein gutes Los für die Schweiz. Wieder einmal ist die Ausgangslage optimal. Nur muss sie Trainer Vladimir Petkovic mit seinem Team auch nützen. Bei keiner ihrer drei bisherigen EM-Teilnahmen hat die Schweiz die K.-o.-Phase erreicht. Jetzt ist dieser Schritt Pflicht – zumal 16 von 24 Mannschaften diesen Sprung schaffen, also auch vier Gruppendritte. Der Achtelfinal kann aber nur das Minimalziel sein. Zum Erfolg wird diese EM erst, wenn die Schweiz den Viertelfinal erreicht.

Die grossen Gefühle sind reserviert für den ersten Schweizer EM-Auftritt. Es wartet, am 11. Juni nachmittags um 15 Uhr in Lens, gleich Albanien. Die Meinungen im Schweizer Team waren längst gemacht. Jene Spieler mit Wurzeln im Kosovo wie Behrami, Shaqiri, Mehmedi oder Xhaka wollten dieses Duell auf keinen Fall. «Da geht es um vieles – nur nicht um den Sport», sagte Behrami stellvertretend. Dagegen wünschten sich praktisch alle Spieler der «Ur-Schweizer-Fraktion» ein Spiel gegen Albanien. Nun kommt es tatsächlich dazu. Und natürlich wird vor allem die Familie Xhaka im Mittelpunkt sein. Granit, der Schweizer Nationalspieler, gegen Taulant, den albanischen Nationalspieler. Es wird das erste Bruderduell der Geschichte.

Im letzten Oktober, kurz nach der EM-Qualifikation der Schweiz und Albanien, rief Ragip Xhaka, der Vater der beiden, ins Telefon: «Meine Frau und ich sind die stolzesten Eltern überhaupt. Wir könnten die ganze Welt umarmen.» Aber er sagte, angesprochen auf ein mögliches Duell seiner Söhne, auch: «Wenn es sein muss, dann bitte erst im Final.» Natürlich wird Taulant Xhaka besonders motiviert sein. Weil er, der Ältere, den Sprung ins Schweizer Nationalteam nicht geschafft hat. Und nun beweisen will, dass es ein Fehler des Schweizer Verbands war, sich nicht um ihn zu bemühen.

Granit Xhaka sagte einst: «Die Leute in der Heimat nennen uns Verräter, weil wir uns für die Schweiz entschieden haben.» Diese Diskussionen und Geschichten neben dem Feld werden sowohl ihn wie auch Shaqiri, Behrami oder Mehmedi in den nächsten Monaten erneut einholen. Es ist keine einfache Ausgangslage. Andererseits sorgt sie auch dafür, dass der Fokus von allem Anfang an da ist. Das wäre bei einem Gegner wie Nordirland oder Wales nicht garantiert gewesen.

Der Abend der Auslosung steht nicht nur im Zeichen des Fussballs. Ein Monat ist vergangen seit den Terror-Anschlägen in Paris, die 130 Menschen das Leben kosteten. Jetzt wird die EM – bei allem Schmerz über das Geschehene – zum Symbol der Freiheit. Zum Symbol auch für den Willen, sich die Lust am Fussball nicht nehmen zu lassen. Uefa-Generalsekretär Gianni Infantino spricht von «tragischen Ereignissen» und versichert Frankreich im Namen der Uefa «absolute Solidarität».

Der grosse Abwesende im Palais des Congrès heisst Michel Platini. Ausgerechnet er, der Frankreich an der letzten Heim-EM 1984 mit neun Treffern zum Titel schoss, darf nicht dabei sein. Der Uefa-Präsident, der so gerne Fifa-Präsident würde, ist noch immer von der Fifa-Ethikkommission gesperrt. Daran hat auch der Gang vor den internationalen Sportgerichtshof nichts geändert.
Platini verpasst, wie England in dieselbe Gruppe wie Wales gelost wird. Derweil wird Robert Lewandowski mit Polen versuchen, seine deutschen Kollegen von Bayern München zu ärgern. Österreich, mit dem Schweizer Trainer Marcel Koller, darf sich in der Gruppe mit Portugal, Island und Ungarn grosse Hoffnungen auf ein Weiterkommen machen. Die attraktivste Gruppe scheint jene mit Belgien, Italien, Schweden und Irland.

Wer Tickets für EM-Spiele möchte, kann sich ab Montag auf der Homepage der Uefa dafür bewerben. Die Startgage für alle EM-Teilnehmer beträgt acht Millionen Euro. Für einen Sieg in der Gruppenphase gibt es eine Million, ein Remis ist 500 000 Franken wert. Die Achtelfinal-Qualifikation bringt 1,5 Millionen ein, jene für den Viertelfinal gar 2,5 Millionen – das sind die Aussichten der Schweizer Nationalmannschaft.

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