VON MARCEL KUCHTA

Manchmal spielt das Schicksal bittere Streiche. 39 Sekunden hatte Andy Schleck am vergangenen Montag in jener denkwürdigen, viel diskutieren, 15. Etappe der Tour de France durch seinen Verschalter im dümmsten Moment im Aufstieg zum Port de Balès auf Alberto Contador verloren. Das Verhalten des Spaniers, der ausgerechnet im Moment von Schlecks Malheur das Weite gesucht hatte, teilte die Meinungen bei Fans, Mitfahrern und Medien.

Die einen warfen dem 27-Jährigen unsportliches Verhalten vor und riefen «Foul». Die Anderen verwiesen auf Rennsituationen während der ersten Tour-Woche, in welchen die Gegner auf Contadors Situation ebenso wenig Rücksicht genommen hatten. Welch Ironie des Schicksals also, dass die beiden grossen Kontrahenten im Kampf um den Tour-de-France-Gesamtsieg gestern nach dem 52 Kilometer langen, entscheidenden Zeitfahren zwischen Bordeaux und Pauillac durch genau diese 39 Sekunden getrennt sind. Nur 31 Sekunden verlor Andy Schleck am Ende auf den als deutlich besser eingestuften Zeitfahrer Alberto Contador – genau so gross war sein Vorsprung vor jener 15. Etappe gewesen.

Während Contador auf den ersten Kilometern des Parcours unruhig auf seinem Sattel herumrutschte und sichtlich Mühe hatte, seinen Rhythmus zu finden, zeigte Schleck eine für seine Verhältnisse sehr gute Leistung. Bei der ersten Zwischenzeit, nach 18 Kilometern, hatte der entfesselt gestartete Luxemburger sogar sechs Sekunden auf den zu Beginn unglaublich verkrampft wirkenden Contador gutgemacht.

Erst im weiteren Verlauf des Zeitfahrens schaffte es der Spanier, seine Vorteile – wenn auch nur auf tiefem Niveau – umzumünzen. Sekunde um Sekunde baute Contador seinen Vorsprung gegenüber dem nun sichtlich am Limit fahrenden Schleck aus. Wie unsicher sich der Titelverteidiger seiner Sache jedoch war, zeigte sich jedenfalls ganz am Ende, als er auch nach der Überquerung der Ziellinie noch insistierte und erst einige Meter später bremste.

Wie schwach Alberto Contador für seine Verhältnisse unterwegs war, zeigt auch die Tatsache, dass der drittplatzierte Russe Denis Mentschow seinen Rückstand im Gesamtklassement von 3:53 noch auf etwas mehr als zwei Minuten reduzieren konnte. «Dieser Sieg ist der emotionalste für mich. Ich habe die letzten Jahre sehr hart gearbeitet, aber diesmal hing alles am seidenen Faden», sagte der Spanier später, den Tränen nahe. Schon bei der Siegerehrung hatte der erschöpfte Contador nach seinem Höllenritt zum dritten Tour-Triumph sichtlich mit der Fassung gerungen.

«Ich habe stets gesagt, dass ich bis zum Schluss kämpfen werde. Meine Fortschritte sind unverkennbar, aber es ist nicht leicht, Contador zu schlagen. Ich habe zwei Etappen gewonnen, was mich zufrieden stimmt. Ich werde nächstes Jahr wieder zur Tour kommen, und dann gewinne ich, denn auch ein Contador weist einmal eine Schwäche auf», analysierte der unterlegene Schleck und spekulierte, dass «das Rennen vielleicht anders verlaufen wäre, hätte ich meinen Bruder Fränk an meiner Seite gehabt.»

Letztlich wird es Alberto Contador herzlich egal sein, wie sein dritter Tour-de-France-Gesamtsieg nach 2007 und 2009 zustande gekommen ist. Stilnoten werden dafür bekanntlich nicht vergeben. Weder seine Attacke zur Unzeit am Port de Balès noch der alles andere als souveräne Auftritt beim gestrigen Zeitfahren spielen eine Rolle.

Er wird heute – sollte er auf der abschliessenden Etappe nicht noch schwer stürzen oder schwer erkranken – zum dritten Mal in seiner Karriere im Maillot jaune die Ziellinie auf den Champs-Elysées überqueren und sich unter dem Arc de Triomphe als Tour-Sieger feiern lassen.

Neben ihm Andy Schleck, der vermutlich daran denken wird, wo und wie er auf den in den vergangenen drei Wochen abgespulten, 3642 Kilometern die vergleichsweise mickrigen 39 Sekunden verloren hat – und vielleicht auch ein wenig mit dem Schicksal hadert.

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