Die Aussage war typisch für Uli Forte. Er, der sich so gerne in Bildern ausdrückt, sagte am Freitag: «Ich bin der Hirte, der schaut, dass alle Schafe dabeibleiben und keines verloren geht.»

Seit gestern Morgen ist alles anders. Der Hirte Forte verlässt die Grasshoppers als Erster. Ab heute ist er, mit einem 3-Jahres-Vertrag ausgestattet, verantwortlich für YB. Er wird künftig fast 750 000 Franken verdienen – mehr als das Doppelte seiner Bezüge bei GC.

Am Donnerstagnachmittag rief Forte GC-Präsident André Dosé an und informierte ihn über die Kontaktaufnahme von YB. Am Abend trafen sich Forte, Dosé und GC-Sportchef Dragan Rapic zum Essen. Es dauerte bis weit nach Mitternacht. Einen Tag später konkretisierte sich das YB-Interesse und Forte wusste, dass er wechseln möchte und deshalb von seiner Ausstiegsklausel im Vertrag Gebrauch macht. Am Samstagmorgen um 9.30 Uhr informierte er Dosé über die definitive Zusage. YB muss GC für Forte eine Ablöse in der Höhe von gut 150 000 Franken zahlen.

Forte wird heute in Bern vorgestellt und sich erst dann erklären. Nach seinem letzten Spiel als GC-Trainer bevorzugte er es, zu schweigen. Die Fans reagierten während des Spiels mit Pfiffen und Schmährufen und Transparenten. «Uli – charakterlose Lump», stand da geschrieben. Oder: «Wie isch das gsi mit dä Schaf & em Hirt?»

In einem Interview mit der «NZZ» hatte Forte am Freitag auch noch über GC und dessen Aussichten gesprochen. Er sagte, natürlich in einem Bild verpackt: «Am liebsten würden wir einen Prime Tower bauen. Aber das ist finanziell nicht möglich. Wir haben jetzt bei GC ein hübsches Reihenhäuschen mit einem stabilen Kellergeschoss.»

Jetzt verzichtet Forte auf die Weiterentwicklung des Reihenhäuschens. Sein neues Zuhause heisst YB. Jenes YB, das etwa die Stabilität eines Zeltes aufweist. Vielleicht nicht einmal wasserdicht.

Die Young Boys sind von der Sehnsucht getrieben nach einem Titel. 25 Jahre ist es her, 1987 gewannen sie den Cup, zuvor 1986 den Titel. Ihr Umfeld ist gekennzeichnet durch stetige Hektik.

In den letzten Jahren wurde dies wieder einmal besonders augenfällig. Grossspurig wurde die «Phase 3» ausgerufen, YB sollte zum Bayern München der Schweiz werden. Ohne Not wurde Vladimir Petkovic entlassen. Der Reihe nach scheiterten Christian Gross, Martin Rueda und nun Bernard Challandes.

Das alles ist Forte natürlich bewusst. Trotzdem ist die Aufgabe für ihn sehr reizvoll. Bei GC ist er auf dem Zenit angekommen. YB dagegen liegt in Scherben. Die Situation ähnelt jener vor 14 Monaten, als er zu GC kam.

Nach etwas mehr als 13 Monaten verlässt Forte die Grasshoppers wieder. Vielleicht aus Angst vor der Fallhöhe, die er und sein Team nach dem Cupsieg und dem 2. Platz in der Meisterschaft erreichten. Die Frage aber bleibt, ob er sich so selbst einen Gefallen tut.

Fortes Leistungen bei GC sind unbestritten. Er stabilisierte das Team und disziplinierte die Spieler. Aber auch er selbst musste reifen. Einmal, als er fünf Minuten zu spät zum gemeinsamen Frühstück auf dem Campus erschien, nahm ihn Captain Salatic danach beiseite, sagte: «Trainer, 9 Uhr, nicht fünf nach!»

Der Sohn italienischer Einwanderer besitzt die Gabe, mit seinen Worten die Zuhörer zu fesseln. Als Forte ohne Job war, hospierte er einst bei Arno Del Curto, dem Trainer des HC Davos. Er fasste den Auftrag, in der Garderobe über Fussball zu referieren. «Nach fünf Minuten wusste ich: Forte hat alles, um Erfolg zu haben», erinnert sich Del Curto.

Und nun also YB. Dafür verzichtet Forte auf die Möglichkeit, mit GC um die Qualifikation für die Champions League zu spielen. Wie einst Hans-Peter Latour mit dem FC Thun, als er zu Köln wechselte. Es ist ein Preis, den der 39-Jährige gerne zahlt.

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