Der halbherzige Reformer

Fifa-Präsident Joseph Blatter am Freitag bei der Veröffentlichung des ersten Governance-Berichts.

Fifa-Präsident Joseph Blatter am Freitag bei der Veröffentlichung des ersten Governance-Berichts.

Joseph Blatter lässt daran zweifeln, ob es der Fifa im Kampf gegen Korruption wirklich ernst ist.

Mit Korruptionsfällen sorgt der Weltfussballverband Fifa immer wieder für Schlagzeilen. Unter dem Druck der Öffentlichkeit hat Präsident Joseph Blatter deshalb vor drei Jahren einen Reformprozess angestossen, der verbandsinterne Interessenkonflikte unterbinden und den angeschlagenen Ruf wiederherstellen sollte.

Tatsächlich hat die Fifa etliche Fortschritte vorzuweisen, wie ihr erster Governance-Bericht zeigt, den sie am Freitag veröffentlicht hat. So wird die Vergabe der Weltmeisterschaften nicht mehr hinter verschlossenen Türen vom Exekutivkomitee, einem von korrupten Mitgliedern durchsetzten Altherrenklub, nach geheim gehaltenen Kriterien vorgenommen. Künftig ist dafür der Fifa-Kongress zuständig, dessen 209 Mitglieder in aller Öffentlichkeit tagen. Gemauschel wird damit schwierig.

Fortschritte hat die Fifa auch bei der internen Kontrolle gemacht. Sie hat eine unabhängige Ethikkommission geschaffen, die über die Einhaltung des neuen Ethikreglements und des neuen Verhaltenskodex’ wacht. Dieser schreibt «Nulltoleranz gegenüber Bestechung und Korruption» vor. Vorsitzender der Kommission ist der frühere US-Staatsanwalt Michael Garcia. Überführt er einen hohen Fifa-Funktionär der Korruption, kann er ihn seines Amtes entheben.

Um die Geldströme innerhalb der Fifa besser zu überwachen, hat Blatter ausserdem eine unabhängige Audit- und Compliance-Kommission eingesetzt. Ihr Vorsitzender ist Domenico Scala, der ehemalige Chef des Schweizer Zahnimplantateherstellers Nobel Biocare. Er hat etliche Erfolge vorzuweisen. So führte er eine unabhängige Überprüfung der Löhne fürs Management ein und sorgte für eine bessere Kontrolle der Finanzströme.

Neu müssen sich die Mitgliederverbände innerhalb von fünf Jahren mindestens einmal einer Buchprüfung unterziehen, was eine unlautere Verwendung der Geldmittel erschwert. Auch werden seit letztem Jahr alle Projekte und die Namen der mit Fifa-Geld beauftragten Firmen im Internet veröffentlicht. Damit wird Verbandsfunktionären ein Riegel geschoben, die Freunden oder ihrer Familie Aufträge zuschanzen.

Die Willkür bei der Vergabe von Geldern wurde zudem gemindert, indem die Fifa klare Kriterien für die Teilnahme an ihren Programmen zur Förderung und Entwicklung des Fussballs aufstellte, darunter eine Buchprüfung der Jahresrechnung und eine Ausschreibung aller Arbeiten. Damit kann die Fifa-Spitze die Gelder nicht mehr einsetzen, um Landesverbände zur Stimmabgabe in ihrem Sinn zu bewegen. Bis heute hat Scalas Kommission mehr als 20 Projektanträge zurückgewiesen, die ungenügend begründet waren oder bei denen Rechnungsbelege fehlten.

Die bessere Kontrolle war dringend nötig, denn unter Blatter ist die Fifa zu einer Geldmaschine geworden, die mit einem weltweit tätigen Konzern vergleichbar ist. Für das vergangene Jahr weist sie Rekordeinnahmen von 1,3 Milliarden Dollar und Reserven von 1,4 Milliarden aus.

Wie ernst es der Fifa mit dem Kampf gegen Korruption ist, muss sich allerdings erst noch weisen. Joseph Blatter weigerte sich am Freitag standhaft, Stellung zu den neusten Bestechungsvorwürfen im Zusammenhang mit der Vergabe der WM 2022 an Katar zu nehmen. Stutzig macht auch, dass im Geschäftsbericht behauptet wird, der Reformprozess sei «abgeschlossen». Das ist offensichtlich nicht der Fall. So fehlen bis heute klare Kriterien, wie die WM-Austragungsorte ausgewählt werden. Vom Fall Katar aufgeschreckt, ist die Fifa nun aber dem Vernehmen nach daran, die Vergabe neu zu regeln und Kriterien wie Menschenrechte, Sozial- und Umweltstandards einzubeziehen.

Hingegen weigert sich die Fifa weiterhin, ihre Spitzengehälter offenzulegen und die Machtfülle ihres Präsidenten zu beschneiden, der gleichzeitig dem Exekutivkomitee, dem Kongress und der Direktion vorsteht. Aufgeschoben ist auch die Amtszeitbeschränkung für den Präsidenten. Der 78-Jährige, der für eine fünfte Amtszeit kandidieren will, kündigte am Freitag an, er werde diese Frage im Juni in São Paulo dem Fifa-Kongress vorlegen.

Dass Blatter der geeignetste Vorkämpfer gegen Korruption ist, muss auch bezweifelt werden, weil die Fifa die Rechte für den Verkauf von VIP-Tickets und Luxusreisen zu den Weltmeisterschaften an die Firma Match Hospitality vergeben hat. An dieser wiederum ist der Sportrechtevermarkter Infront beteiligt – und dessen Präsident ist Philippe Blatter, ein Neffe von Joseph Blatter.

Mit aller Macht stemmt sich die Fifa zudem gegen eine Verschärfung des Korruptionsstrafrechts in der Schweiz. Noch vor drei Jahren sprach sich Blatter für die strafrechtliche Verfolgung korrupter Sportfunktionäre aus. Doch im vergangenen September machte die Fifa kehrt: Sie liess kein gutes Haar am Entwurf des Bundesrates, der Privatbestechung neu im Strafgesetzbuch regeln und sie zum Offizialdelikt machen will. Stattdessen will die Fifa, dass Privatbestechung weiterhin nur auf Anzeige verfolgt wird. Das ist ganz nach dem Gusto von Joseph Blatter, der Kritik an der Fifa gerne mit dem Hinweis pariert, Probleme würden «innerhalb der Fifa-Familie» gelöst.

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