GC hat Glück: Es darf Gennaro Gattuso präsentieren. Die grösste Attraktion seit 25 Jahren. Zu besichtigen heute im Letzigrund, wenn der 34-Jährige den FC Sion auf den Platz führt. Mit der Nummer 8 auf dem Rücken und der Captainbinde am Arm. «Der Grösste, der je bei uns gespielt hat», sagt Christian Constantin. Der Präsident der Walliser, in der letzten Saison noch der grosse Buhmann der Liga, hat ein bisschen Wiedergutmachung geleistet und mit der ablösefreien Verpflichtung von Gattuso einen Coup gelandet. Ein Vierteljahrhundert hat der Schweizer Klubfussball auf einen solchen Namen gewartet. «Eine Grosstat», sagt Günter Netzer, der prominenteste Akteur, der je in der Schweiz aufgelaufen ist. «Ich kann Constantin nicht für vieles loben, für diese Bombe aber muss ich es tun.»

25 Jahre sind es her, seit die oberste Spielklasse fast strotzte vor Kalibern wie Gattuso. Die Nationalliga A war auf 12 Klubs reduziert worden und wurde durch Weltstars wie Uli Stielike (Xamax), Karl-Heinz Rummenigge (Servette), Giancarlo Antognoni (Lausanne) und Marco Tardelli (St. Gallen) repräsentiert. Daneben tummelten sich Hochkaräter wie Paulo Cesar (GC), John Eriksen, José Sinval (beide Servette), Jürgen Mohr (Luzern), Wynton Rufer (Aarau) und die Talente Stéphane Chapuisat (Lausanne) und Kubilay Türkyilmaz (Bellinzona).

Aber nicht alle erfüllten die Erwartungen. Der 33-jährige Antognoni, nach 15 Jahren bei der AC Fiorentina und 73 Länderspielen eine grosse Nummer, lockte zum ersten Spiel lediglich 6500 Zuschauer auf die Pontaise, schoss zwar das erste Saisontor, blieb aber vor allem im zweiten Jahr vieles schuldig und sass auf der Ersatzbank. Der gleichaltrige Marco Tardelli, 1982 mit Antognoni Weltmeister geworden, war physisch überfordert und brachte es auf ganze 14 Einsätze. «Menschlich war er jedoch top», sagt der damalige St. Galler Trainer Markus Frei.

Die Geschichte zeigt: Titel und Triumphe helfen nichts, wenn der Körper nicht mehr mag. Da kann der Wille noch so gross sein. «Ich hoffe, dass Gattuso unseren Fussball nicht unterschätzt», sagt Raimondo Ponte, heute Trainer von Bellinzona und vor 36 Jahren bei Netzers Ankunft in der Schweiz hautnah dabei. Ponte hätte lieber eine spielerisch grosse Figur wie Netzer gesehen statt eines Kämpfers vom Stil Gattusos. Er fragt: «Bisher war Gattuso von Stars umgeben. Jetzt muss er führen. Kann er das?»

Noch ist es zu früh, um darauf eine Antwort zu finden. Selbst wenn der Kalabrier – nach José Altafini, Nestor Clausen, Christian Karembeu, Netzer, Tardelli und Antognoni der siebte Weltmeister in der Schweizer Liga – , von allen Seiten gelobt wird. «Gennaro ist ein Glücksfall, wie ein Sechser im Lotto», sagt der Sittener Trainer Sébastien Fournier, der nur siebeneinhalb Jahre älter ist als sein verlängerter Arm auf dem Rasen. «Am meisten beeindruckt mich seine Professionalität», sagt Verteidiger Arnaud Bühler, «er ist immer eine halbe Stunde früher im Training.» Aufbauer Didier Crettenand sagt: «Das Erste, was er zu mir gesagt hat, war: Ich will Meister werden.»

Es gibt keinen Grund zu zweifeln, dass Gattuso mit der richtigen Einstellung nach Sion gekommen ist. «Er gibt Vollgas, ist im Training immer zuvorderst und ein grosses Vorbild», hat Goalietrainer Stephan Lehmann beobachtet. «Ich bin mir sicher, dass er so zur Sache geht, wie er das schon immer getan hat», sagt Netzer. «Ein Fussballer kann nicht plötzlich anders spielen.» Gattuso sagt: «Die Walliser erinnern mich an meine Wurzeln in Kalabrien», und er lobt die Siegermentalität seiner Mitspieler. Er sagt Sätze wie: «Ich hatte Offerten aus Italien, Russland, China, Katar, Schottland und den USA, aber nach einem zweistündigen Gespräch mit Christian Constantin wusste ich, dass es nur Sion sein kann.» – «Ich denke 24 Stunden an Fussball.» – «Ich bin ein Verrückter; aber unser Präsident ist ja auch ein bisschen so.» – «Ich bin nicht des Geldes wegen hier.» – «Wir wollen die Vorherrschaft von Basel brechen.» – «Ich bin total infiziert von dieser Herausforderung.» – «Wir bauen hier nicht den FC Hollywood, sondern ein hungriges Team, das weiss, was es heisst, zu rennen.»

Der Wille ist da . Keine Frage. Wie belastbar aber ist ein Körper nach Stationen in Perugia, bei den Glasgow Rangers, in Salernitana, nach 13 Jahren bei der AC Milan und 73 Länderspielen? Nach einem Kreuzbandriss Ende 2008 und einer langwierigen Augenverletzung im letzten Jahr? «Gattuso muss niemandem mehr etwas beweisen, er kann ohne Druck spielen», entwarnt Netzer. «Ich fühle mich unter Druck», sagt Gattuso, über dessen Salär Constantin keine Angaben macht. «Ich habe in 20 Jahren Profifussball gelernt, dass bei Misserfolg immer die Leistungsträger schuld sind.»

Die Landsleute Tardelli und Antognoni könnten was erzählen. Andere dagegen, wie die Deutschen Stielike und Rummenigge, wurden bejubelt. Ersterer für zwei Meistertitel und grosse Europacupnächte mit Xamax gegen Real Madrid und Bayern München, Zweiterer, weil er 1989 Torschützenkönig wurde. Und auch Netzer, der ein Jahrzehnt zuvor eine grosse Transfersensation gewesen war, ist in bester Erinnerung geblieben. «Im Nachhinein muss ich zugeben, das Ganze völlig falsch beurteilt zu haben», sagt Heinz Kägi. Der heute 73-Jährige war unter dem damaligen Präsidenten Karl Oberholzer Sportchef bei den Grasshoppers gewesen und hatte sich so vehement gegen Netzers Verpflichtung gewehrt, dass ihn nur noch ein Rücktritt vor dem Rauswurf bewahrte. «Ich war einzig und allein deshalb dagegen, weil ich mir sicher war, dass uns Netzer sportlich nichts mehr bringt», sagt Kägi. Heute sagt er: «Netzer war eine hervorragende PR-Aktion und nicht des Geldes wegen nach Zürich gekommen. Er hat unseren jungen Spielern gezeigt, was Profitum ist.»

Ponte, damals 21 Jahre jung und der designierte GC-Spielmacher, sagt: «Nach einem Tag habe ich aus Respekt meine Nummer 10 abgegeben.» Mit mehreren Besuchen in Madrid hatte Oberholzer das Unmögliche geschafft: Jener Mann, der in Mönchengladbach und Real Madrid ein Weltstar war, der mit wehendem Haar traumhafte Pässe schlug und teure Sportautos fuhr, stand plötzlich da und sagte: «Ich bin der Günter.» So erinnert sich Aussenverteidiger Kurt Becker an den Mittelfeldstrategen. «Er war einfach der Günter und hat nie den Star herausgehängt.» Der 32-jährige Welt- und Europameister war zwar nicht mehr der Schnellste und auch einige Zeit verletzt, «aber es war fantastisch, wie wir von ihm lernen konnten», sagt Becker. «Dank Netzer kamen mehr Zuschauer, und obwohl wir nur Vierte wurden, bin ich davon überzeugt, dass Netzer damals unsere Grosserfolge in den folgenden Spielzeiten aufgegleist hat.

Auch Netzer selbst, der 1977 seine Karriere beendet hatte, um danach während acht Jahren erfolgreich als Sportchef des Hamburger SV tätig zu sein, denkt gern an jenes Jahr unter Trainer Helmuth Johannsen zurück. «Ich war nicht zu GC gekommen, um meinen Altenteil abzuholen. Ich spielte in Wettingen vor 3000 Zuschauern mit derselben Einstellung wie zuvor im Bernabeu vor 120 000. Und ich vermittelte den Jungen, wie ich den Fussball sehe.» Auch privat hatte das Jahr in Zürich einschneidende Folgen. Nach der Zeit in Hamburg kehrte Netzer in die Limmatstadt zurück und – lebt mittlerweile seit 25 Jahren hier.

Wie einst der Deutsche in Zürich, so denkt auch Gattuso in Sion nicht daran, seine Karriere locker ausklingen zu lassen. «Ich bin nicht ins Wallis gekommen, um Ferien zu machen. Alles ist auf null gestellt. Die Vergangenheit zählt nichts.»

Die Fussballschweiz ist gespannt auf Weltmeister Gennaro Gattuso.

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