Als Stanislas Wawrinka in den grossen Pressesaal kam, da standen dem erfolgreichen Sand-Gladiator die Spuren des viereinhalbstündigen Kampfes noch deutlich im Gesicht geschrieben. Die Haare standen Wawrinka etwas wirr vom Kopf, die Wangen waren schwer gerötet, und als eine der ersten Fragen sich dann um seinen körperlichen Zustand drehte, sagte der 27-Jährige mit etwas matter Stimme: «Ich bin ganz schön kaputt. Aber auch glücklich. Wenn du gewinnst, ist die Müdigkeit nicht so schlimm.»

Und tatsächlich: Spiele und Siege wie an jenem ersten Junitag des Jahres sind es, die sogar abgebrühte Profis wie Wawrinka in einen emotionalen Ausnahmezustand versetzen können. 1:2-Sätze hatte der Romand gegen seinen Freund Gilles Simon auf der grossen Tennisbühne Suzanne Lenglen im Rückstand gelegen, im vierten Satz sah es nicht besser aus, bei einem 1:3-Rückstand und Breakball Simon zum 1:4, doch Wawrinka bog die Partie mit einer trotzigen Fighterattitüde und einer der grössten Energieleistungen seiner Karriere um: «Für solche Spiele lebst du als Profi», sagte er anderntags, als er sich schon auf den nächsten potenziellen French-Open-Thriller im Achtelfinal vorbereitete – gegen Jo-Wilfried Tsonga. Und damit gegen einen weiteren Kumpel im Tourbetrieb. Und gegen den Mann, den er im letzten French-Open-Jahr in einer durchaus denkwürdigen Partie ebenfalls in fünf Sätzen ausgeschaltet hatte.

Wawrinka, kein Zweifel, war eine der beeindruckendsten Figuren im Grand-Slam-Theater von Paris, in einer ersten Woche, die in der Männerkonkurrenz noch ohne die dicken Schlagzeilen und grossen Favoritenstürze auskam. 14 Sätze in drei Auftaktspielen machten den Weltranglisten-21. zum Marathon-Mann, der soweit noch immer den letzten entscheidenden Punch für sich setzen konnte. Es waren abenteuerliche Berg-und-Tal-Fahrten, die Wawrinka durchlitt und seinen Fans bescherte, aber es war – gerade gegen Simon – eben auch beste Grand-Slam-Unterhaltung. Tennis als schier endloses Drama mit ungewissem Ausgang, es war zum Mitleiden, selbst für Roger Federer, den Mitfavoriten, der sich in seinem zeitgleichen Match gegen Nicolas Mahut stets up to date hielt und innerlich aufatmete, «als der Stand dann durch war»: «Ich freue mich riesig für ihn. Er spielt bisher ein grosses Turnier.»

Apropos Federer: Seine Spiele liefen rein ergebnistechnisch – wie jene der beiden anderen Topfavoriten Nadal und Djokovic – unter dem Radar durch. Doch so recht in Schwung kam der Maestro bisher noch nicht auf den vergleichsweise langsamen Plätzen im Turnierareal von Roland Garros, gleich zwei Mal leistete er sich in den drei Auftaktmatches einen Satzverlust. «Ich spiele hier noch gedanklich so, als wäre ich in Madrid. Wo es sehr schnell zu ging», sagte er am Freitagabend, «ich muss mich jetzt wirklich richtig umstellen.» Er sei «noch nicht glücklich» mit der Form und Verfassung bisher, so Federer, «das muss jetzt besser werden.»

Vermutlich gibt ihm die Achtelfinal-Partie gegen den 21-jährigen Belgier David Goffin noch die Möglichkeit, endlich auf Betriebstemperatur zu kommen – der als Lucky Loser ins Hauptfeld geratene Überraschungsmann dürfte trotz bemerkenswerter Resultate keine ernsthafte Bedrohung für den 16-maligen Grand-Slam-Champion sein. Federer will sich jetzt, wo die French Open so richtig an Dynamik gewinnen, auch nicht durch die Turbulenzen um seinen bisherigen Management-Partner IMG aus der Ruhe und dem Gleichgewicht bringen lassen. «Das stört mich überhaupt nicht», sagte er, als bekannt geworden war, dass IMG ihn vorerst nicht mehr repräsentiert und dass auch sein bisheriger IMG-Berater Tony Godsick den Marketingriesen verlässt. Die naheliegende Vermutung, dass Godsick ihn künftig als eigenständiger Unternehmer beraten könne, wollte Federer weder bestätigen noch dementieren. Er wisse selbst nicht, «wie die Dinge sich weiterentwickeln werden», sagte Federer.

Für Wawrinka, den olympischen Goldmedaillenpartner Federers, geht es ohne Verschnaufpause weiter durch den Grand-Slam-Titelkampf. Gegen Tsonga und 14 000 feurige Franzosen muss er sich heute erst mal behaupten. Das wird schwer genug, ist «aber echt machbar», wie Tennis-Channel-Kommentator Brad Gilbert behauptet, einst der Startrainer von Andre Agassi: «Stan hat hier den genau richtigen Biss und eine Supermoral, um noch ein paar Überraschungen auf den Platz zu zaubern.» Vielleicht dann ja auch noch einmal im Viertelfinal. Dort könnte er auf Novak Djokovic treffen, der auf historischer Mission unterwegs ist in Paris, der als erster Spieler im modernen Tennis alle vier Titel gleichzeitig in seinem Besitz halten könnte. «So weit denke ich nicht voraus. Nie», sagt Wawrinka, «das nächste Spiel wird schwer genug.»

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper!