Durch die Vormittagsidylle in der Basler Innenstadt fährt ein schwarzer Mercedes. Direkt vor dem Café Huguenin, mitten in der Fussgängerzone, verstummt der Motor. Heraus steigt René C. Jäggi, mit dem Handy am Ohr. Ein Blick auf die Uhr – er kommt leicht verspätet zum Interviewtermin.

Herr Jäggi, es ist Sommerferienzeit und Sie wirken gehetzt, Weshalb gehen Sie nicht in den Urlaub?
René C. Jäggi: Ich bin überhaupt nicht gehetzt, ich bin die Ruhe selbst, aber soll ich mich auf Ibiza oder Mallorca an den überfüllten Strand legen und nichts tun? Das geht gar nicht. Mein Telefon würde sowieso die ganze Zeit klingeln. Ein verlängertes Wochenende zwischendurch reicht.

Wann haben Sie das letzte Mal Ihr Handy zwei Tage ausgeschaltet?
Ich habs irgendwo vergessen. Das war für mich aber kein Problem. Ich rufe ja selten irgendjemanden an. Die Leute rufen mich an.

Ist dieser Lebensstil gesund? Sie sind ja immerhin schon 67 Jahre alt.
Ich habe lange genug in Asien gelebt und gelernt, auf meinen Körper zu hören. Ich trainiere fast jeden Tag locker. Nicht mehr so ehrgeizig wie früher. Aber ich schreibe seit Jahren alle meine Trainings auf, zum Beispiel wenn ich von Riehen Grenze zum Karussell in den Langen Erlen und retour renne. Mein Geist und mein Körper befinden sich absolut im Gleichklang.

Wie lange benötigen Sie für diese Joggingstrecke?
Mit zwanzig Jahren brauchte ich 37 Minuten. Heute ist es knapp eine Stunde. Ich bin etwas zu schwer.

Was ist Ihr Ziel?
Ich habe im Sport kein Ziel mehr, damit habe ich aufgehört, ich will nur gesund bleiben, rauche nicht und trinke wenig. Kürzlich war ich in Budapest morgens im Fitness. Rechts von mir strampelte Tennisspieler Ilie Nastase auf dem Laufband, links Nadia Comaneci, eine der besten Turnerinnen aller Zeiten. In der Mitte ganz gemächlich ich. Aber Nadia sagte mir nachher beim Frühstück: Lieber jeden Tag eine Stunde aktiv sein, anstatt nur einmal in der Woche wie ein Gestörter zu trainieren. In unserem Alter ist die Regelmässigkeit wichtiger als die Spitzenwerte.

Fiebern Sie mit, wenn der FC Basel heute in die Saison startet?
Ich gehe regelmässig an die Spiele und stehe auch mit dem Präsidium in Kontakt. Aber mitfiebern tue ich nicht mehr so intensiv. Es ist einfach etwas zu langweilig geworden. Die Frage in der Schweizer Liga ist doch nur, wer Zweiter wird. Mich interessiert vor allem die Effizienz der Mittel. Momentan schiesst der FCB mit Kanonen auf Spatzen. Er bewegt sich in einer anderen Liga.

Setzt der FCB seine Millionen nicht effizient ein?
Wenn der FCB nur Schweizer Meister wird, dann ist die Bilanz zu mager. Er würde auch mit der Hälfte des Budgets Meister. Man erwartet aber in Basel, dass er jedes Jahr das Double erreicht und in der Champions League in den Viertelfinal kommt. In Europa kann sich der FCB aber trotzdem nicht mit Manchester United und Real Madrid und anderen Grossclubs messen. Der FCB könnte derzeit mehr Geld auf die Seite legen. Aber da er keine Bank ist, kann ich es nachvollziehen, dass er es vernünftig investiert. Man muss sich auf alle Fälle keine Sorgen um den Club machen, weil der Verein enorm gut und hoch professionell geführt wird.

Sie führten den Verein in turbulenteren Zeiten.
Das ist nicht vergleichbar. Ich flog ein einmotoriges Flugzeug; da ist fliegen noch fliegen, vor allem bei Gegenwind. Nun ist der FCB ein Jumbo und alle denken, der Job des Piloten werde dadurch einfacher. Aber das ist Blödsinn. Man kann die Zeiten nicht vergleichen.

Der FC Zürich ist derzeit eine einmotorige Maschine. Hätten Sie Interesse, sich ins Cockpit zu setzen?
Ich bleibe rot-blau. Ich kann FCZ-Präsident Ancillo Canepa helfen und ihm Tipps geben. Aber solange er raucht auf der Tribüne und selbst auf der Spielerbank sitzt, kann er kein Vorbild für junge Profifussballspieler mehr sein. Doch es ist sein Club und sein Geld. Die FCZ-Fans müssen wissen, ob sie das wollen.

Sie sind im Verwaltungsrat der Immoinvest AG, die sich mit einem Team erfolglos für den Bau des Zürcher Fussballstadions Hardturm beworben hat. Woran scheiterten Sie?
Es gab vier Verlierer und nur einen Gewinner. Aber ich bin Demokrat genug und nehme den Entscheid hin. Die Resonanz, die wir von den beiden Vereinen erhielten, deutete schon darauf hin, dass unser Projekt den Clubs besser gefallen hätte. Der Regierung war aber die Stadtentwicklung wichtiger. Zürich ist ohnehin eine komische Stadt, wenn es ums Bauen geht. Da ist unser Baudepartement um Lichtjahre weiter. In Basel ist das Bauen leichter.

Hat die rot-grüne Basler Regierung also einen guten Job gemacht?
Ja, grundsätzlich schon. Ich verstehe aber nicht, dass sie die Autos aus der Innenstadt verbannen will.

Dagegen rebellieren Sie: Während dieses Gesprächs steht Ihr Mercedes am Barfüsserplatz auf dem Trottoir.
Als Postfachbesitzer bei der Hauptpost darf ich bis elf Uhr morgens zufahren. Zudem ist rund um den Barfi eine Riesen- baustelle wie überall in der Stadt.

Sie sind ein Mandatesammler. Neu sitzen Sie im Verwaltungsrat der Rennbahnklinik in Muttenz. Weshalb?
Ich sammle keine Mandate, ich werde angefragt. Ich bin mit dem ehemaligen Klinikdirektor Bernhard Sägesser befreundet und kannte die alte Klinik sehr gut. Die neue Klinikführung fragte mich nicht, weil es der Klinik schlecht geht, sondern weil wir gemeinsam an neuen Marketingkonzepten arbeiten wollen und einige Vorurteile abbauen möchten.

Welche Vorurteile?
Bisher herrschte in der Region die Vorstellung, dass nur Spitzensportler wie Alex Meier von der Eintracht Frankfurt und Privatpatienten in die Rennbahnklinik dürfen. Das ist aber nicht richtig. Eine Klinik ist wie ein Markenprodukt, und deshalb kann ich sicherlich auch einen Beitrag leisten, das Produkt noch besser in der Region zu verankern.

Im Fussballbusiness ärgerten Sie sich über zu hohe Löhne. Auch die Gehälter von Privatärzten sind gestiegen.
Ich habe nichts gegen hohe Gehälter, wenn die Leistung stimmt. Mario Basler musste ich in Kaiserslautern fünf Millionen zahlen – für nichts. Viele Profisportler, auch Fussballer, sind überbezahlt, aber sicherlich nicht die Ärzte, vor allem wenn man die lange Ausbildungszeit berücksichtigt. Wenn ich todkrank bin und medizinisch optimal betreut werde, ist das nicht nur eine Frage des Geldes.

Was bedeutet Ihnen Geld persönlich?
Damit beschäftige ich mich nicht übermässig. Leistung zieht Geld an. Wer seine Karriere nur um des Geldes willen aufbaut, der wird oft scheitern. Viele Junge denken heute zuerst ans Geld. Das ist auch bei den Fussballern so: Das Geld und das schnelle Auto sind vielen zu wichtig. Die Persönlichkeitsentwicklung kommt dadurch zu kurz.

Sie selber haben aber auch gut verdient.
Ja, vielleicht, aber ich bin kein Mitglied des Jetsets und verhalte mich normal. Luxus und endlose Smalltalk-Sessions sind mir immer noch zuwider.

Persönlich achten Sie bei anderen Leuten aber immer zuerst auf die Schuhe, wie Sie zu sagen pflegen.
Das stimmt. Meine Mutter hat mir beigebracht, dass man an der Sauberkeit bei den Schuhabsätzen eines Mannes einen Teil seines Charakters erkennen könne. Deshalb bin ich der Meinung, Schuhe sollten immer sauber sein. Genauso wie die Fingernägel. Ein gepflegtes Aussehen hat aber an Wert verloren. Heute tragen viele Männer einen Halbbart und lassen sich tätowieren. Eine gewisse Etikette ist damit verloren gegangen, das fällt mir vor allem in Basel auf. Im Vergleich zu Zürich und anderen Grossstädten legt man hier weniger Wert auf solche Dinge.

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