Von Etienne Wuillemin und Céline Feller

Zwei Stunden lang beantworten Breel Embolo und Marco Streller im Einkaufszentrum St. Jakob-Park Fragen der Fans, schreiben Autogramme und posieren für Fotos. Embolo ist der Shootingstar des Schweizer Fussballs. Noch ist er beim FCB, aber: Bleibt
er oder geht er? «Es ist wichtig, den nächsten Schritt zu tun», sagt er einmal auf Französisch. Dann wieder: «Ich weiss noch nicht, wie es weitergeht.» Spätabends nimmt sich der 19-Jährige Zeit für ein Gespräch mit der «Schweiz am Sonntag».

Wenn Ihnen damals Ihre Mutter gesagt hätte: «Breel, mit 19 wird ein Bundesliga-Klub 30 Millionen Franken für dich bieten» – wie hätten Sie reagiert?
Breel Embolo: Meine Mutter hat ja nicht wirklich grosse Ahnung vom Fussball. Sie wäre wohl kaum auf so eine Idee gekommen (lacht).

Und trotzdem hat sich Ihre Mutter um Sie gesorgt: Als im Boulevard zu lesen war, Sie hätten schon in Wolfsburg unterschrieben.
Sie erhielt aus dem Nichts unzählige Telefonanrufe. Alle gratulierten, sagten, wie schön es sei, dass ihr Sohn nach Wolfsburg wechsle. Weil ich in der Schule war, rief sie erst meinen Bruder an. Er beruhigte sie zwar ein wenig. Aber sie blieb misstrauisch, also versuchte sie es nochmals bei mir. Und dachte: «Breel will sicher etwas verbergen, weil er das Handy nicht abnimmt.» Als ich Sie zurückrief, fragte sie: «Na Bub, wo bist du? In Wolfsburg?» Ihre Erleichterung war gross, als ich sagte, ich sei in wenigen Minuten zurück von der Schule.

Wann merkten Sie, dass Sie den Durchbruch als Profi schaffen?
Ich war ja schon einmal beim FCB, als 12-Jähriger. Damals hat es mir nicht so gut gefallen. Es war mir zu streng. Und ich vermisste meine Kollegen. Ich ging nach einem Training zu meiner Mutter und sagte: «Ich glaube, das ist nichts für mich.» Alles war geplant und strukturiert. Plötzlich konnte ich nicht mehr selbst wählen, wann ich trainieren möchte.

Und sind darum zurückgetreten?
Ja, aber nur für gut zwei Monate (lacht). Dann überzeugte mich ein Freund, wieder zu beginnen. Bei den Old Boys Basel. Da stimmte die Mischung zwischen Spass und Ernst wieder. In dieser Zeit lernte ich viel, was das Leben neben dem Platz betrifft. Sei es nur, pünktlich zu sein. Oder, was die Spiel-Vorbereitung im Kopf betrifft.

Vor einem Jahr besiegte der FCB den FCZ 5:1. Sie erzielten drei Tore. Danach sagte Fabian Frei: «Breel lebt in einer Traumwelt – hoffentlich kann er davon zehren, wenn es einmal nicht so gut läuft.» Ist Ihnen das gelungen in den 147 Tagen, in denen Sie torlos blieben?
Ich denke schon. Gedanken würde ich mir machen, wenn ich nicht spielen dürfte. Das wäre schlimm für mich. Die Gegner bereiten sich mittlerweile explizit auf mich vor. Ich habe keinen Freipass mehr wie letzte Saison. Da wusste noch niemand, was ich genau kann. Aber das ist gut so. Nur so komme ich weitere Schritte vorwärts.

Wie ist das Jahr eins ohne Marco Streller?
Ich vermisse ihn immer noch.

Auf oder neben dem Platz?
Beides. Er fehlt menschlich. Seine Sprüche. Aber auch auf dem Platz. Er könnte locker noch ein, zwei Jahre spielen, und das weiss er eigentlich auch. Im Training hatten wir immer kleine Wettbewerbe. Wer aus Direktabnahmen mehr Tore schiesst zum Beispiel. Manchmal hatte ich das Gefühl, er haut von neun Volleys zehn rein (lacht). Aber so ist eben Fussball. Die einen gehen, weil sie den Verein wechseln. Die anderen, weil sie aufhören.

Bald beginnt die EM. Sie sind Hoffnungsträger der Schweiz. Ist das Freude oder Last?
Bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Ich muss weiter meine Leistungen bringen, dass ich überhaupt aufgeboten werde.

Sind Sie wirklich unsicher, ob Sie im Nati-Aufgebot stehen für die EM?
(überlegt) Ja. Es kann alles passieren im Fussball.

Klar, niemand ist immun gegen Verletzungen. Aber eine EM ohne Embolo – das wäre undenkbar.
Am Ende ist es aber der Trainer, der entscheidet. Ich versuche, ihm Argumente zu liefern für mich. Es ist jedenfalls nicht so einfach, sich für 23 Akteure zu entscheiden, wenn 30, 35 Qualitätsspieler zur Verfügung stehen. Ich würde nicht gerne in seiner Haut stecken.

Nochmals: Hoffnungsträger zu sein, ist das eher Freude als Last?
Ich bin einer, der sich viel vornimmt. Ich bin nicht gerne ein Mitläufer. Ich versuche – sei es mit Basel oder im Nationalteam –, meine Momente zu bringen, die entscheidend sein können. Aber ich finde es wichtig, auch selbstkritisch zu sein, wenn es nicht läuft. Und wenn es eben nicht läuft, dann bin ich der Erste, der sagt, ich gehöre nicht in die Nati.

Granit Xhaka sagte in der «Rheinischen Post»: «Mit ein bisschen Glück und guten Leistungen können wir auch den EM-Titel holen.» Was denken Sie?
Den EM-Titel? Warum nicht! Griechenland hat 2004 auch gezeigt, dass es geht. Niemand rechnete mit Griechenland. Und ich denke, auch wenn das natürlich sehr schwierig wird, wir könnten für eine Überraschung sorgen.

Das ist eine grosse Ankündigung.
Ja. Aber eben: In so einem Turnier ist das Leben im Moment wichtig. Wie läuft das erste Spiel ab? Wie wohl fühlst du dich? Gelingt es, Fahrt aufzunehmen, Selbstvertrauen zu schöpfen? An der letzten WM dachten vor dem Achtelfinal Schweiz gegen Argentinien die meisten auch, das wird eine klare Sache – am Ende hätte die Schweiz genauso gut gewinnen können. Wir dürfen einfach nicht zu viel planen. Nicht schon rechnen, dass wir nach zwei Spielen sechs Punkte haben oder solche Dinge. Schliesslich haben unsere Gegner auch zwei Beine und bereiten sich seriös vor. Das unterschätzt man ein bisschen.

Wie bewerten Sie die verlorenen Testspiele gegen Irland (0:1) und Bosnien (0:2)?
Die Kommentare fielen etwas zu negativ aus. Wir sind eine junge Mannschaft. Mit viel Potenzial. In einer Phase, die nicht so einfach ist. Es gab viele Wechsel oder Verletzungen. Das geht nicht spurlos an einem Team vorbei. Manchmal kommt es uns vor, als hofften gewisse Leute, dass wir verlieren. Dabei sollte es doch umgekehrt sein!

Denken Sie das wirklich?
Ja, manchmal schon. Wir bleiben aber konzentriert. Die Freundschaftsspiele haben uns gutgetan. Aus den Niederlagen lernen wir mehr, als wenn wir gewonnen hätten. Vielleicht wird es gegen Albanien und Rumänien ähnlich – jetzt haben wir solche Situationen schon einmal erlebt. Diese Erfahrung wird uns helfen. Lieber die Testspiele verlieren als an der EM.

Also können die Schweizer Fans die Reisen bis in den Halbfinal buchen?
Ich packe meinen Koffer bis für den Final (lacht).

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