29 Fahrer hatten ihr Pensum hinter sich, unter ihnen alle Favoriten. Aksel Lund Svindal durfte sich langsam damit anfreunden, nach dem Triumph in Lake Louise auch den zweiten Super-G des Winters gewonnen zu haben. Doch dann kam einer, den niemand auf der Rechnung hatte: Sandro Viletta. Der mit der Nummer 30 gestartete Bündner unterbot die Zeit des Norwegers um zwei Zehntel und sorgte damit für ungläubiges Staunen im Zielraum und die bislang grösste Überraschung in der noch jungen Saison. Wer es bisher ein einziges Mal in einem Super-G, als Siebenter im vergangenen Februar bei der WM-Hauptprobe in Hinterstoder (Ö), in die ersten zehn geschafft hat, wer erst seinen siebenten Einsatz in dieser Sparte auf höchstem Niveau vor sich und im Weltcup noch keinen Podestplatz in seinem Palmarès stehen hat, dem wird verständlicherweise in Bezug auf die Topklassierungen keine Beachtung geschenkt.

Auch Viletta selber schien vorerst gar nicht richtig realisiert zu haben, was er da eben vollbracht hatte. «Das ist unglaublich, einfach sensationell», sagte der 25-Jährige kopfschüttelnd. «Im oberen Teil habe ich alles riskiert. Endlich ist einmal alles aufgegangen.» In jenen Passagen sorgte er auch für die entscheidende Differenz. Von jener Sekunde Vorsprung, die er im ersten Streckenviertel herausgefahren hatte, zehrte er bis ins Ziel.

Mit Viletta steht ein weiterer Athlet aus der von Sepp Brunner geleiteten Trainingsgruppe von Swiss-Ski ganz oben in der Rangliste. Zuvor hatte der Österreicher schon Marc Berthod, Daniel Albrecht, Carlo Janka und Beat Feuz zu Siegern im Weltcup geformt. Vor allem als Zimmerkollege von Carlo Janka war es für Viletta nicht immer einfach gewesen. Janka eilte von Erfolg zu Erfolg, er selber musste mehrheitlich unten durch. «Da habe ich mich schon oft gefragt: „Warum nicht auch ich? Das waren schon schwierige Momente für mich, obwohl ich ‚Jänks‘ die Erfolge natürlich gegönnt habe», blickt Viletta zurück. Ans Aufgeben habe er trotz allem nie gedacht. «Der Rücktritt war für mich nie ein Thema.» Janka seinerseits fand auch im Super-G nicht aus seinem Tief; der Obersaxer hat mit Rang 20 eine weitere Enttäuschung zu verkraften.

Talent wurde Viletta stets ebenso viel bescheinigt wie den anderen «jungen Wilden» aus Brunners Equipe. Anhaltende Probleme im Rückenbereich hinderten ihn aber bislang stets daran, sein volles Leistungsvermögen zur Entfaltung zu bringen. Die Schmerzen halten sich zwar mittlerweile in erträglichem Rahmen, der Rücken bestimmt aber gleichwohl nach wie vor seinen Alltag als Skirennfahrer; Viletta ist auch heute noch zu dosiertem Training gezwungen.

Die letzte Pause hatte er am Tag vor seinem grossen Triumph eingelegt. «Ich wäre gestern liebend gerne noch einige Riesenslalom-Läufe gefahren, doch ich musste Vernunft walten lassen.» Viletta hat gelernt, mit seiner Schwachstelle umzugehen. Am Morgen steht jeweils ein spezielles Aufwärmen im Programm, am Abend folgen auf seine Bedürfnisse abgestimmte Gymnastik-Übungen. Auch gegen seine Flugangst hat Viletta in Nordamerika ein probates Mittel gefunden. Auf Vermittlung von Chefcoach Osi Inglin liess er sich nach dem Flug nach Calgary von einer Fachfrau mit Akupunktur behandeln.

Beat Feuz machte mit seinem dritten Rang Vilettas Glückstag noch spezieller. Der Emmentaler ist bei Salomon sein Markenkollege, mit Bruno Inniger, der einst für die Ski von Urs Kälin, Paul Accola und Marco Büchel verantwortlich gewesen ist, haben sie den gleichen Servicemann. Im Speed-Bereich teilen sie sich ausserdem die Ski. «Wir haben zusammen etwa zwanzig Paar, die wir gemeinsam nutzen», sagt Feuz. Der Schangnauer selber wuchs ebenfalls ein weiteres Mal über sich hinaus. Er war erst zum neunten Mal in einem Super-G am Start und hatte zuvor Platz 13 im Januar in Kitzbühel als Bestergebnis ausgewiesen. Doch das immense Selbstvertrauen scheint für Feuz alles möglich zu machen. «Im Moment scheint mich wirklich nichts am Erfolg hindern zu können», sagte der Berner nach seinem dritten Podiumsplatz im vierten Speed-Rennen des Winters.

Didier Cuche belegte Platz 9. Doch für den Neuenburger war seine eigene Leistung an diesem denkwürdigen Tag nebensächlich. «Ich freue mich einfach für Sandro und Beat. Vor allem Sandro hat sich das längstens verdient», sagte Cuche und sorgte im selben Atemzug noch für laute Lacher. «Wenn die Jungen so weiterfahren, dann höre ich am Ende der Saison ganz sicher auf.»

Dominique Gisin konnte in der zweiten Abfahrt von Lake Louise nicht ganz an die Leistung vom Freitag anschliessen. Als Fünfter fehlten der Engelbergerin fünf Hundertstel zum neuerlichen Podestplatz. Lara Gut (8.) schaffte es in Kanada erstmals in die Top 10. Ansonsten gab es vom Swiss-Ski-Team nur noch für Fabienne Suter Weltcup-Punkte. Die Schwyzerin belegte wie schon am Freitag den 14. Platz. Fränzi Aufdenblatten (am Freitag noch Zehnte) und Marianne Kaufmann-Abderhalden (23.) schieden in der zweiten Abfahrt aus. Die 25-jährige St. Gallerin lag gut im Rennen und war nach einer Fahrzeit von knapp einer Minute auf Podestkurs. Dann allerdings konnte sie einen Sturz nur knapp verhindern. Weil sie sich bei dieser Aktion offenbar am Knie verletzte, unterbrach Kaufmann-Abderhalden ihre Fahrt.

Die Siegerin hiess wie erwartet Lindsey Vonn. Bei ihrem 44. Weltcupsieg, dem zweiten innert 24 Stunden, war die Amerikanerin der Konkurrenz immer noch weit entrückt. Der Vorsprung betrug statt 1,95 immer noch 1,68 Sekunden. «Best of the rest» war die Französin Marie Marchand-Arvier.

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