Roger Brennwald blickt optimistisch auf die Zeit nach dem Auslaufen des aktuellen Vertrags mit der ATP: «Der Besitzstand der Swiss Indoors ist nicht in Gefahr, unsere Spitzenposition im Bereich der 500erTurniere ist von der ATP erkannt.» Der langjährige Direktor des grössten Schweizer Sportanlasses geht noch weiter: «Ich kann mir nicht vorstellen, dass die ATP auf Basel verzichten will. Auf ein Turnier, das seit Jahren beste Werbung für Tennis macht und bei den Spielern sehr hohes Ansehen geniesst.»

Eine realistische Einschätzung? Oder fühlt sich Roger Brennwald am Ende zu sicher? Und welche Rolle spielt Roger Federer bei der Zukunft seines Heimturniers?

Der Vertrag zwischen den Swiss Indoors und der ATP läuft bis und mit 2018. Auf den ersten Blick sind zwei Jahre eine lange Zeit. Doch diese wird relativiert, wenn man an die zwölf Festangestellten und die unzähligen vom Tennisturnier abhängigen Dienstleister denkt. «Am liebsten hätten wir Planungssicherheit für die nächsten zehn Jahre», sagt denn auch Brennwald. Doch das ist Wunschdenken. Gespräche mit der ATP über die Zeit nach 2018 haben bislang nicht stattgefunden. «Frühestens vor Wimbledon 2017 kommt es dazu», sagt Brennwald.

Für die Verzögerung gibt es zwei Gründe: Erstens dreht die ATP gerade jeden Stein im Tenniszirkus um und bastelt an der Zukunft. ATP-Sprecher Simon Higson sagt gegenüber der «Schweiz am Sonntag»: «Die ATP unterzieht sich einer strategischen Überprüfung. Das Ziel ist, das Potenzial der Tour für 2019 und darüber hinaus zu maximieren. Sie soll so effizient wie möglich werden.» Verkürzung der Sätze auf vier Games, Abschaffung des Deuce, neue Zählweisen – alles kommt auf den Tisch.

Zweitens sind die Swiss Indoors im weltweiten Vergleich ein kleiner Player. Über allem thronen die vier Grand-SlamTurniere, gefolgt von den 1000er-Turnieren der Masters-Series: Die Events in diesen Kategorien dürften auch in Zukunft unantastbar sein. Alles darunter – das zeigt der Blick auf die Rotation der vergangenen Jahre – ist austauschbar.

Vieles spricht für Basel
Welche Trümpfe hat Roger Brennwald in der Hand, wenn es in die Zukunftsverhandlungen geht? Sicher die topmoderne St. Jakobshalle, deren Sanierung 2018 abgeschlossen sein soll. Ausserdem kann Basel mit seiner langen Tradition punkten. Ausser John Newcombe haben alle Weltranglistenersten der Tennis-Geschichte mindestens einmal an den Swiss Indoors gespielt. Ebenfalls für das Turnier sprechen die perfekte Organisation, die Übersichtlichkeit und die Beliebtheit bei den Spielern: Für viele Stars sind die Swiss Indoors ein nicht diskutabler Fixpunkt in ihrer Agenda, weil sie sich hier sehr wohl fühlen.

Zusammengefasst: Bei den Soft-Faktoren ist Basel im weltweiten Vergleich wohl unschlagbar. Gut möglich, dass Werte und Traditionen im Tennis (noch) mehr wert sind als etwa im Fussball, wo nur noch Geld die Richtung vorgibt. Gut möglich, dass die Gralshüter der ATP diesen Soft-Faktoren weiterhin grosses Gewicht geben. Auf Anfrage sagt ATP-Sprecher Higson: «Die Swiss Indoors haben eine lange und erfolgreiche Tradition und haben sich als Eckpfeiler der europäischen Hallensaison etabliert. Die Neuverteilung der Lizenzen für 2019 und darüber hinaus bedeutet nicht, dass wir die Tour von Grund auf neu zusammenstellen. Alle Veränderungen brauchen die Zustimmung des ATP-Verwaltungsrats, natürlich sind Komponenten wie Tradition und geografische Verteilung wichtige Faktoren.»

Bald wieder selbst vermarktet?
Möglich aber auch, dass die Waffen der Swiss Indoors im Kampf um die begehrten Plätze im Turnierkalender stumpfer werden. Sprich im Kampf mit den Konkurrenten aus Asien und Nahost das Geld fehlt, um die stets steigenden Preisgelder und Antrittsgagen zu bezahlen. Entlastung in dieser Hinsicht würde ein neuer Titelsponsor bringen. «Mehr Geld heisst mehr Freiheit und mehr Sicherheit», sagt Brennwald. Zur Erinnerung: Bevor sich Davidoff 2010 wegen des Verbots von Tabakwerbung als Titelsponsor zurückzog, zahlte die Firma gemäss «NZZ» jährlich fünf Millionen Franken.

Doch die Suche nach einem Nachfolger von Davidoff ist bislang ertragslos: Mit dieser hat Brennwald vor zwei Jahren «Infront Ringier» beauftragt. Die Agentur hat mit etlichen Firmen gesprochen – ohne Erfolg. «Natürlich haben wir uns mehr erhofft», sagt Brennwald, «aber was nicht ist, kann noch werden. Ich hüte mich davor, Dinge vorschnell übers Knie zu brechen.»

Diplomatische Worte, hinter denen sich viel Zündstoff verbirgt: Zwar gibt es auch heuer nach dem Turnier wieder Gespräche zwischen den Swiss Indoors und «Infront Ringier» – doch gemäss Recherchen der «Schweiz am Sonntag» wird in diesen nur das Ende der Zusammenarbeit geregelt. Ein schnelles Ende der Ehe zwischen dem grössten Schweizer Medienhaus und dem grössten Schweizer Sportanlass. «Vielleicht müssen wir die Sache wieder selber in die Hand nehmen», sagt Brennwald und verweist auf sein Team, das über 1000 Verträge mit grossen und kleinen Sponsoren ausgehandelt und so das Turnier breit abgestützt hat.

Aber warum findet sich kein Hauptsponsor für den Schweizer Vorzeigeevent? Branchenkenner sagen: Zum einen, weil der Sportevent zu gross für Schweizer Sponsoren geworden ist, gleichzeitig aber zu klein ist für Weltfirmen.

Das ist der eine Teil der Antwort. Der zweite Teil hat mit Roger Federer zu tun. Der Superstar hat Sponsoring-Verträge mit Rolex, Mercedes oder der Credit Suisse. Somit sind Deals mit anderen Firmen aus diesen lukrativen Branchen blockiert. Anders gesagt: Warum soll zum Beispiel Audi Titelsponsor der Swiss Indoors sein, wenn im TV dann doch ständig der Mercedes zu sehen ist, in dem Federer vor der St. Jakobshalle vorfährt?

No Federer, no Party
Die gleichen Stimmen behaupten, die Zukunft der Swiss Indoors steht und fällt mit Federer. Quasi: No Federer, no Party! Wenn in absehbarer Zeit kein sportliches, einheimisches Aushängeschild mehr existiere, müsse man die Marke Federer anderweitig einbinden. Federer als Botschafter, Federer als Teil des Organisationskomitees, Federer als was auch immer.

Konfrontiert man Brennwald mit dem Thema, ist ein gewisser Überdruss auszumachen. «Ich gehe davon aus und hoffe, dass Roger Federer im nächsten Jahr mit neuem Elan zurückkehren und die ATP-Tour erfolgreich ergänzen und beflügeln wird.» Auch wenn die beiden Parteien auf verschiedenen Kanälen betonen, das Verhältnis sei gut – man wird den Verdacht des Gegenteils nicht los. Oder warum hat Federer verzichtet, in diesen Tagen «seinem» Heimturnier einen Besuch abzustatten, wenn er schon in der Schweiz ist? Brennwald sagt zwar: «Roger weiss, dass wir ihn bei uns jederzeit herzlich willkommen heissen. Aber ich denke, er hat anderes zu tun, als in Basel Tennis zu schauen. Er konzentriert sich auf sein Comeback. Da muss ich ihn nicht anrufen und bitten, hier Autogramme zu geben. Das ist realitätsfremd.»

Trotzdem: Zeit genug für einen Besuch in Basel hätte Federer: Zwei Tage vor Beginn der Swiss Indoors war er auf Stippvisite bei Sponsor «Jura». Federer lässt verlauten, er wolle niemandem die Show stehlen. Doch die Show stiehlt einer wie Federer sowieso. Auch dann, wenn er nicht physisch präsent ist. Seit er vor einigen Jahren sein Interesse an einer Übernahme der Swiss Indoors bekräftigte, hören die Spekulationen nicht mehr auf. Roger Brennwald, im Juni 70 geworden, äussert sich im «Tages-Anzeiger» pointiert zu diesem Thema: «Ich muss all jene enttäuschen, die lieber hätten, dass ich wandern oder fischen gehe. Ich bleibe, bis ich umfalle.»

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