Hopp Schwiiz» ist nun auch für die Linken populär. Schliesslich jubeln sie einer Masseneinwanderungs-Nati zu. Und für die Rechten ist es Pflicht, bei jeder sich bietenden Gelegenheit die Schweizer Fahne zu hissen. Trotzdem hat die goldene Schweizer Fussballer-Generation Mühe, sich in Brasilien in unsere Herzen zu dribbeln. Warum? Warum tun wir uns schwer, über Shaqiris Lamentieren hinwegzusehen? Warum schnöden wir über Behrami? Weil er Ferrari fährt? Warum nehmen wir Ottmar Hitzfeld nicht als einen von uns wahr? Warum finden wir Dzemailis Frisur doof? Und warum nervt uns Xhaka, wenn er seinen Treffer zum 2:5 gegen Frankreich zelebriert, als hätte er die WM entschieden?

Es ist nie so gut wie das erste Mal. 1994 war für zwei Generationen das erste Mal. Denn die 28 Jahre davor hat sich die Nati mit ehrenvollen Niederlagen begnügt. Doch 1994 war sie an der WM dabei. Und wie! Mit einem cholerischen Engländer (Roy Hodgson) an der Linie. Mit einem Goalie (Marco Pascolo), der zwischen Wahnsinn und Genie wandelte und uns schon deswegen nie kaltliess. Mit einem querdenkenden Paradiesvogel (Alain Sutter), der mit einer gebrochenen Zehe ein Tor schoss und entgegen seinem Naturell zum unzerstörbaren Helden stilisiert wurde. Mit einer vaterländischen Figur (Georges Bregy). Und mit wilden Emporkömmlingen (Ciriaco Sforza, Stéphane Chapuisat und Adrian Knup), die sich aus den Fesseln des traditionellen Understatements, das unsere Fussballer Jahrzehnte begleitet hat wie der Misserfolg, befreit hatten.



Wir liebten die 1994er-Ausgabe, wir liebten auch die 2006er. Obschon dieser Jahrgang etwas geschliffener war. Doch auf dem Weg an die WM 2006 in Deutschland gab es ein Ereignis, das die Fussballer mit dem Fussvolk verschmolz: die Schande von Istanbul. Man las, sah und hörte, wie niederträchtig die Schweizer Nati auf dem Atatürk-Flughafen empfangen worden war. Man litt mit den Spielern. Man wollte sie beschützen. Doch die Fans zu Hause konnten nichts tun als fassungslos zuschauen. Für eine Gemeinschaft gibt es kaum stärkere Bande als ein gemeinsames Feindbild – und dieses war für mehr als bloss vier Tage die Türkei.



Und dann war da der Köbi-Faktor. Ein Idol für die Älteren, die ihn noch als Fussballer erlebt hatten. Eine Vaterfigur für die werberelevante Altersgruppe. Und ein Traum-Opa für die Kinder. Köbi Kuhn – schweizerischer gehts kaum. Ein Mann des Volks. Unaufgeregt, väterlich. Ein Kind aus einem Zürcher Arbeiterquartier. Wenig Glamour, nichts Abgehobenes. Erst recht nicht in seiner Kommunikation. Ein Mann mit sichtbaren Schwächen, die wir an uns selber feststellen. Kuhn schwebte nie über dem Fussballvolk. Schon deshalb war er mehr als bloss Nationaltrainer. Kuhn war eine Identifikationsfigur.

Kuhn – der Bauchmensch – wurde geliebt, Ottmar Hitzfeld – der Kopfmensch – wird wegen seiner weltweit anerkannten Erfolge geachtet. Das liegt nicht daran, dass Hitzfeld ennet der Grenze in Lörrach aufgewachsen ist. Nein. Es ist seine Distanz, seine Abgeklärtheit und seine Professionalität, die ihn mit den Jahren unnahbar gemacht haben. Hitzfeld, einst Mathematik-Student, hat spätestens im Haifischbecken der Bundesliga die Formel für die Unantastbarkeit entdeckt: Trete ins Rampenlicht, aber sage nicht zu viel. Wenn trotz der Distanz einmal etwas an die Öffentlichkeit dringt (Affäre mit einer jungen Brasilianerin), mea culpa, Teflonhaut. Und die Sache ist gegessen.

Die aktuelle Nati vereint fussballerische Qualität wie keine vor ihr, aber wie ihr Trainer wird sie nicht bedingungslos geliebt. Obwohl sie vordergründig beste Voraussetzungen hätte. Weil sie Linke und Rechte ins Boot holt. Weil sie als Sinnbild einer neuen Schweiz dient, als Beispiel für unsere viel gelobte Integrationspolitik. Was unterdessen so strapaziert wird, dass es klingt wie das Cinderella-Märchen. Oder mit Frankreich zur Jahrtausendwende verglichen wird. 1998, als sie Weltmeister, und 2000, als sie Europameister wurden, glaubten die Franzosen, es gäbe kein schwarz und weiss mehr. 2002 dann, mit dem Aus in der WM-Gruppenphase, sang Frankreich schon nicht mehr «Black, blanc, beur».



Die Toleranz gegenüber unserem Nationalteam ist deutlich kleiner als 2006 und erst recht als 1994. Es gibt Leute, denen es sehr leicht fällt, sich nach einem Misserfolg von dem Team zu distanzieren. Für sie ist Spieler X nicht mehr der Schweizer Held, dem man einen schlechten Tag verzeiht. Sondern der Zufalls-Schweizer, der Söldner, der nicht einmal die Nationalhymne mitsingt; die gockelhafte Kunstfigur mit dem Ferrari unter dem «Füdle»; das seelenlose Marketinginstrument, dem man fünfmal begegnet, bevor der Einkaufswagen gefüllt ist.

Wahrscheinlich zieht sich bei uns ein Graben zwischen den Generationen hindurch, vielleicht auch zwischen Stadt und Land. Die Kinder verehren Xherdan Shaqiri, weil er ein Popstar ist und sie reich und berühmt werden wollen wie er. Die jungen Erwachsenen finden ihn cool, weil einer der ihren den sozialen Aufstieg geschafft hat. Die mittleren Alters finden ihn gut, wenn er der Mann für die entscheidenden, ja magischen Momente ist – und nerven sich, wenn er auf dem Platz die Hände verwirft und zu lamentieren beginnt. Die Älteren fanden ihn putzig, weil er unbeschwert dahergeredet hat. Mittlerweile ist Shaqiri bei Bayern München und darin geschult, wie er sich in der Öffentlichkeit zu verhalten hat.

Auch ist die Erwartungshaltung eine andere. Früher waren wir dankbar, wenn sich die Schweiz für eine Endrunde qualifizierte. Heute gehört es zur Pflicht, mindestens die Gruppenspiele zu überstehen. Und es ist vollkommen normal, dass Spieler wie Johan Djourou und Philippe Senderos, die als Teenager ins Ausland gegangen sind, noch nie auch nur eine Minute in der Super League gespielt haben.

Der Fussball ist globaler und strukturierter. Der Fussballer stromlinienförmiger, anpassungsfähiger. Kein Platz für Chaos. Kaum Raum für Individualität.

Doch der Sport bleibt für das Volk eine gigantische Projektionsfläche. Wir flüchten gern in die heile Welt, zu Heidi und Geissenpeter: Beispielsweise wenn Dominique Gisin nach ihrem Triumph in der Olympia-Abfahrt aus dem Strom ihrer Tränen ihre Grosseltern anruft; wenn Trachtenmädchen ihren König küren; wenn Athleten aus den hintersten Tälern (Bernhard Russi, Pirmin Zurbriggen) – also von da, wo die Welt noch in Ordnung ist – aufs Podest rasen. Alles tapfere, bodenständige Ur-Schweizer.

Widerspiegelt diese Welt unsere Realität? Ist es nicht an der Zeit, Russi durch Shaqiri und Zurbriggen durch Drmic zu ersetzen?

Beantworten Sie dazu die Sonntagsfrage.

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