Von Dean Fuss und Dominik Moser

Eigentlich war Fabienne Humm ja gar nicht vorgesehen für die Startelf. Weil dieser Platz normalerweise Lara Dickenmann gehört. Doch der Star der Schweizer Frauen leidet derzeit an Adduktorenproblemen. Und dieses Leiden verschaffte der Aargauerin Humm ihren Eintrag in die Geschichtsbücher der Frauen-WM.

Exakt 274 Sekunden, also nicht einmal fünf Minuten, benötigt die Angreiferin für drei Tore. 3:0, 4:0, 5:0! Oder anders ausgedrückt: Bumm, bumm, Humm!

Damit realisiert die 28-Jährige den schnellsten Hattrick in der Geschichte der Frauen-WM. So richtig bewusst wird ihr der Rekord erst nach dem Spiel. «Ehrlich gesagt, bemerkte ich nicht wirklich, dass zwischen den Toren nicht einmal fünf Minuten vergangen sind.» Humm war damit gut drei Minuten schneller als die Japanerin Mio Otani, die an der WM 2003 innert acht Minuten dreimal traf.

Es war nicht der erste Hattrick von Humm. Bereits im Februar 2014 gelang ihr im WM-Qualifikationsspiel gegen Israel dieses Kunststück. Damals benötigte sie jedoch 30 Minuten.

Für Historisches war aber nicht nur Humm besorgt. Denn bis zu diesem Spiel gegen Ecuador wartete das Schweizer Nationalteam auf ihren ersten Treffer an einer WM. Dafür zuständig war allerdings keine Schweizerin, sondern Ecuadors Abwehrspielerin Angie Ponce. Die 18-Jährige rutschte so unglücklich in den Ball, dass dieser ins eigene Tor kullerte. Es war der Auftakt für ein Schweizer Schützenfest. Neun weitere Tore folgten. Am Ende stand es 10:1.

Wie ist dieser Sieg zu werten? Dank dem deutlichen Erfolg nimmt die Schweiz Kurs Richtung Achtelfinal. Für dieses qualifizieren sich alle Gruppenersten und -zweiten. Dazu kommen die vier besten Gruppendritten. Am nächsten Dienstag (23.00 Uhr, live SRF 2) kämpft die Schweiz gegen das punktgleiche Kamerun um Rang 2. Wegen der besseren Tordifferenz reicht ein Unentschieden zum Weiterkommen. Selbst bei einer Niederlage würde die Schweiz mit grösster Wahrscheinlichkeit in den Achtelfinal kommen. Humm sagt trotzdem: «Wenn wir jetzt Kamerun nicht besiegen, ist das schöne 10:1 nicht mehr viel wert.»

Knapp ein Jahr nachdem die Schweizer Männer an der WM in Brasilien eine Fussball-Euphorie auslösten, könnten nun die Frauen das Märchen fortführen. Der Erfolg kommt nicht überraschend. Bereits vor Beginn der Weltmeisterschaft strotzten die Schweizerinnen vor Selbstvertrauen. «Die Gruppenphase zu überstehen, ist unser Minimalziel. In der K.-o.-Phase ist dann alles möglich», sagte Lara Dickenmann. Und Trainerin Martina Voss-Tecklenburg beschrieb ihren Turniertraum so: «Es wäre grossartig, wenn wir im Halbfinal die Deutschen fordern könnten.»

Die 47-jährige Trainerin lebt das neue Selbstbewusstsein vor. Nach einigen Stationen im Klubfussball hat sie das Schweizer Nationalteam im Jahr 2012 übernommen. Die WM-Qualifikation ist der bisherige Höhepunkt ihrer Karriere als Übungsleiterin.

Bereits unter ihrer Vorgängerin Béatrice von Siebenthal zeigte das Schweizer Frauen-Nationalteam häufig spielerische Qualitäten. Doch das Problem war damals: Es fehlte der Killerinstinkt. «Mittlerweile hat sich die Mentalität im Team geändert», hat Dickenmann beobachtet.

Es mag nicht überraschen, dass es gerade Voss-Tecklenburg gelungen ist, das Team im eigenen Selbstverständnis weiterzubringen. Als Spielerin hat sie fast alles gewonnen: In ihrer Heimat feierte sie sechs Meister- und vier Pokal-Titel. Viermal wurde sie mit Deutschland Europameisterin. Dieses Winner-Gen hat sie auf das Schweizer Team übertragen. Und damit auch den Glauben, Grosses erreichen zu können.

Doch auch der Umgang mit Enttäuschung ist Voss-Tecklenburg nicht fremd. So stand sie 1995 im WM-Final, der gegen Norwegen mit 0:2 verloren ging. Diese Erfahrungen helfen jetzt, Enttäuschungen wie das 0:1 zum WM-Auftakt gegen Japan schnell wegzustecken. Auch privat musste Voss-Tecklenburg einige Enttäuschungen überwinden. Nach dem Beziehungsaus mit einem Mann begann sie eine Liebesbeziehung mit der deutschen Starspielerin Inka Grings. Als diese zu Ende war, wurde Voss-Tecklenburg im Jahr 2000 aus dem Team geworfen.

Heute ist Voss-Tecklenburg wieder mit einem Mann verheiratet, der wie ihre Tochter aus der ersten Beziehung in Deutschland lebt. Voss-Tecklenburg selbst wohnt im Kanton Aargau und besucht die Heimat am Wochenende – wenn es die Zeit zulässt.

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper