Die Freundlichkeit überrascht. «Was darf es sein?», fragt der Mann am Wurststand. Die Wurst wird sorgfältig ins Papier eingewickelt, «en Guete». Tatsächlich: Die Wurst schmeckt perfekt. Wohlen ist nicht Zürich. Von Besuchen im Letzigrund ist man sich anderes gewohnt. Man erhält eine lauwarme Wurst in die Hand gedrückt. Bezahlt zu viel dafür und bekommt nicht mal ein «Dankeschön» zurück. Zürich ist nicht Wohlen. Zwar wird auch im aargauischen Freiamt guter Fussball geboten wie beim 1:1 gegen Chiasso. Aber das Ambiente ist anders: provinziell, authentisch, nahbar.

In Wohlen macht sich keiner in einem Löwenkostüm zum Affen und hüpft vor dem Spiel auf dem Rasen herum, um so erfolglos die Zuschauer zu animieren. In Wohlen gibt es keine Ladies Night und keinen Kids Day. Es gibt kein schwachsinniges Pausenspiel eines Hauptsponsors, wo eh keiner hinschaut. Und auch kein Stadion-TV mit so ausgefallenen Ideen wie der Einblendung von küssenden Paaren während der Halbzeitpause. In Wohlen ist das Marketing so handgestrickt und ehrlich wie der Sport, der gezeigt wird. Doch teilweise wird sogar guter Sport gezeigt, wie am letzten Montag beim 1:1 gegen Chiasso.

Dieser Match wurde sogar im Farbfernsehen gezeigt. Dort wirkt es natürlich wenig prickelnd, wenn die Kameras des Schweizer Sportfernsehens die Gegentribüne zeigen, wo die Zuschauer über die gesamte Länge maximal zwei Reihen bilden. Solche Bilder vermitteln den Eindruck, als hätte man sich an das Derby zwischen Oberbüren und Niederbüren verirrt. Solche Bilder lassen sich nur schwer vermarkten. Auch deshalb wollen die Mächtigen des Schweizer Fussballs die Challenge League weiter professionalisieren und streben deshalb im Hinblick auf die übernächste Saison eine Reduktion von 16 auf 10 Teams an. Das würde bedeuten, dass in der kommenden Saison sechs Teams in die neu gebildete 1. Liga Promotion absteigen müssten. Nach dem aktuellen Tabellenstand wären dies Yverdon, Locarno, Aarau, Kriens, Winterthur und Schaffhausen.

«Die Arroganz der Mächtigen», so beschreibt Wohlens Verwaltungsratspräsident René Meier die Haltung der Reformer, deren Kern die Grossklubs bilden. «Wir wollen aus der Challenge League eine vollwertige zweite Profiliga bilden, sie sich selbstständig vermarkten lässt und die sich in der TV-Landschaft eigenständig positionieren kann wie die zweite Bundesliga in Deutschland», sagt Ancillo Canepa. Der FCZ-Präsident wirkt in der Arbeitsgruppe, die den Vorschlag mit der abgespeckten Challenge League ausgearbeitet und den Vertretern der Profiklubs der Swiss Football League (Super und Challenge League) im Herbst des letzten Jahres unterbreitet hat. Damals gab es aus dem Gremium der Swiss Football League kaum Widerstand. Das hat sich nun geändert. Die Klubpräsidenten von Delémont, Wohlen und Locarno haben zur Opposition aufgerufen und bereits Aarau, Kriens, Bellinzona, Nyon und Chiasso auf ihre Seite gebracht.

Die Entscheidung über die Ligareduktion fällt am 21. Mai anlässlich der Delegiertenversammlung des Fussballverbandes. Um die Reform durchzusetzen, braucht es drei Viertel der Stimmen. Canepa ist ob des jüngst entfachten Widerstands zwar nicht beunruhigt, aber offensichtlich doch verstimmt. «Wir haben in der Swiss Football League eine konsultative Abstimmung durchgeführt.» Der Vorschlag zur Reduktion sei beinahe einstimmig angenommen worden. «Ich lebe nach dem Prinzip: Ein Mann, ein Wort. Ich hätte wenig Verständnis, wenn nun einige ihr Vereinsfähnchen schwenken und an der Delegiertenversammlung opportunistisch abstimmen würden. Betrachtet man die Reduktion in einem grösseren Kontext, würden die Gegner ein Eigentor schiessen, wenn der Vorschlag abgelehnt wird.»

Pleiteliga, mit diesem wenig schmeichelhaften Begriff wird die Challenge League auch betitelt. Und er ist nicht ganz falsch. Erst vor zwei Jahren sind beispielsweise Concordia Basel und La Chaux-de-Fonds pleitegegangen. Auch Meier sagt, dass sich sein Klub finanziell nach der Decke strecken müsse. Und er sei einer Reform grundsätzlich nicht abgeneigt. Aber sie dürfe nicht in dieser Radikalität umgesetzt werden. Denn wer garantiere, dass sich die wirtschaftlichen Probleme durch die Einführung einer Zehnerliga verflüchtigten? Oder steigen automatisch die Zuschauerzahlen, die Spielqualität, die TV-Präsenz und die Sponsoringgelder? Meier: «Man kann die Schweiz nicht mit Deutschland vergleichen. Kein anderes Land lebt so sehr von der Vielfalt wie die Schweiz. Das gilt auch für den Profifussball.» Womit wir bei der romantischen Sicht der Dinge sind. Canepa meint: «Auch die Super League hat durch die Reduktion von zwölf auf zehn Teams in jeder Hinsicht einen Sprung gemacht.» Trotzdem kommt es in der Super League weiterhin zu Zwischenfällen, die stark von der proklamierten Professionalität divergieren.

Wie gestern, als sich der Anstoss zum Spiel Sion - FCZ leicht verzögerte, weil die Walliser die regelkonformen Stulpen in Martigny vergessen hatten. Konkrete Anhaltspunkte für eine Verbesserung der Gesamtsituation in der Challenge League sind zurzeit aber noch rar. Zusätzliche 100000 Franken aus dem Topf der SFL pro Challenge-League-Klub – das ist bis heute das einzige konkrete Zugeständnis. Schlechter als ein Nullsummen-Spiel, so das Urteil Meiers. «Wer seinen Platz in einer Zehnerliga behalten will, muss sein Budget um mehr als nur 100000 Franken aufstocken.» Canepa kontert: «Es geht bei der Reduktion nicht darum, das vorhandene Geld auf weniger Klubs zu verteilen. Ziel ist es, dass eine abgespeckte Challenge League ein attraktiveres Produkt darstellt und deshalb mehr Geld generiert als bisher.»

Betreffend TV-Präsenz verweist Canepa auf laufende Gespräche. «Wir suchen einen Titel- und einen Partnersponsor für die neue Challenge League. Je besser die Spiele, je besser die Infrastruktur, desto leichter ist es, Sponsoren zu finden.» Doch es ist zu bezweifeln, dass Vaduz gegen Servette in einer Zehnerliga mehr als die 1408 Zuschauer anlocken wird, die dieses Spiel in dieser Saison live gesehen haben. Vaduz gegen Servette wird nie grosses Kino sein. Eher ist zu befürchten, dass in einer Zehnerliga die reizvollen Derbys, die es heute gibt, wegfallen werden.

Ein weiterer Streitpunkt ist die Stadionsituation. Meier befürchtet, dass Projekte oder Überlegungen für einen Neubau in Aarau, Biel, Wil und Schaffhausen zurückgestellt werden, solange Unklarheit darüber herrscht, ob diese Klubs weiterhin einen realistischen Anspruch auf einen Platz im Profifussball stellen können. «Der Verband kann nicht vorschreiben, dass man neue Stadien baut, und den Klubs dann die Grundlage entziehen. Ich befürchte, dass einige Herren im Verband den Bezug zur Realität verloren haben.» Canepa kontert: «Für eine erfolgreiche Vermarktung braucht es die entsprechende Infrastruktur. Ein neues Stadion kann auch ein Dynamo sein, um wieder hochzukommen. Für uns ist es teilweise enorm schwierig, einem jungen Spieler, der bei uns keinen Platz in der ersten Mannschaft hat, einen Wechsel in die Challenge League schmackhaft zu machen.»

Als Ausbildungsliga hat die Challenge League offenbar ausgedient. Erst recht, wenn die Teilnehmerzahl auf zehn reduziert wird. Dieses Vakuum soll durch die neue 1.-Liga-Promotion mit 16 Klubs – wobei vier Plätze durch die besten U21-Teams der letzten drei oder vier Jahre besetzt sind – kompensiert werden. Für Meier entspricht diese Spielklasse einer «Pleiteliga» und «Totgeburt». Ausserdem herrscht unter den Befürwortern der Modusänderung Unklarheit über die Definition der 1.-Liga-Promotion. Canepa spricht von Halbprofitum. Für Kurt Zuppinger, Chef der 1. Liga, ist die Promotion im Amateurbereich anzusiedeln. Trotzdem können sich Canepa und Co. in der Abstimmung vom 21. Mai der Unterstützung durch die Chefs der beiden Kammern 1. Liga und Amateure sicher sein. Denn Zuppinger und Amateurchef Paul Krähenbühl wollen nicht als Verhinderer gelten. Ob das reicht, um den Widerstand der Zwerge zu brechen, ist fraglich. Denn Meier ist überzeugt, bei Vertretern der Amateur- und 1.-Liga-Kammer die fehlenden Stimmen zu rekrutieren, um die Reduktion zu verhindern.

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