Von Manuel Fasol

Obwohl Barack Obama erst Ende Jahr sein Amt als amerikanischer Präsident abgibt, hat er schon jetzt die Gewalt über sein Land verloren. Zumindest in diesen Tagen, denn es regiert König Football. Wenn heute die Carolina Panthers und die Denver Broncos in der Super Bowl aufeinandertreffen, steht Amerika still. Mit über 110 Millionen Fernsehzuschauern allein in den Vereinigten Staaten gehört die Super Bowl zu den grössten Einzelsportanlässen der Welt. In vielen Ländern, in denen American Football nicht zu den Hauptsportarten gehört, ist es die einzige Zeit, in der sich der Sport in der breiten Öffentlichkeit profilieren kann. Da ist die Schweiz keine Ausnahme. Insgesamt spielen nur 18 aktive Football-Mannschaften in der Schweiz, aufgeteilt in drei Stärkeklassen. Verglichen mit Fussball oder Eishockey eine winzige Community.

So erstaunt es nicht, dass noch kein Schweizer Footballer den Sprung in die beste Liga der Welt, die National Football League (NFL), geschafft hat. Dennoch haben schon einige Schweizer Footballer den Sprung über den Grossen Teich gewagt. Vor 15 Jahren versuchten sich die ersten in Probetrainings, um auf direktem Weg in amerikanische Profiteams zu gelangen. In jüngerer Vergangenheit wollen die Schweizer Spieler vermehrt via College Fuss fassen.

Es ist ein Leben zwischen Büchern und Footballfeld, zwischen amerikanischem Traum und knallharter Realität. Denn die Konkurrenz ist fast unüberschaubar: Es gibt Hunderte Colleges, aber nur 32 Profi-Teams, und von den Zehntausenden College-Footballspielern schaffen es nur zwei Prozent in die NFL. Es zählt also nicht nur harte Arbeit und viel Talent, man muss auch zur rechten Zeit am rechten Ort sein. Glück haben also.

Diese Fortune hatte Daniel Glauser nicht. Der Aargauer ist der bisher erfolgreichste Schweizer Footballspieler in Nordamerika. Als 19-Jähriger ging er in die USA. Mit der Florida State, einer Schule in der höchsten Division im College-Football, gewann er die Orange Bowl – quasi die Super Bowl der College-Spieler. Er war sogar All-American, gehörte also zu den besten des Landes auf seiner Position. Aber trotz des Leistungsausweises wurde Glauser im folgenden NFL-Draft nicht berücksichtigt. Es war ein jähes Ende aller NFL-Ambitionen und die Kehrseite des amerikanischen Traums.

Es sei aber durchaus möglich, auch als Schweizer in der NFL Fuss zu fassen, sagt der 1,97-Meter-Hüne. «Aber es muss unglaublich viel zusammenpassen. Am besten wäre es, bereits in der High School einzusteigen, denn da sind schon die ersten Scouts fürs College und die Ausbildung ist hervorragend.» Aber bereits als Teenager die Schule in der Schweiz abzubrechen, um in den USA einem Traum nachzujagen, sei halt nicht einfach.

Wer sich nicht als Jugendlicher den Scouts präsentieren kann, muss anders auf sich aufmerksam machen. Spieler aus Europa machen das mit Videos, in denen sie ihr Können zeigen. Diese Aufnahmen werden den Coaches und Schulen in den USA zugeschickt. Wer gut genug ist, erhält ein Stipendium. So kam auch Dea Baumann, ehemaliger Spielmacher des Schweizer Serienmeisters Calanda Broncos, ans Fullerton College. Seit letztem Sommer spielt der 21-Jährige für die Schule in Kalifornien. Allerdings hatte er einen entscheidenden Vorteil, wie er im Skype-Interview verrät: «Ein ehemaliger Coach, mit dem ich schon bei den Broncos gearbeitet hatte, ist jetzt bei Fullerton Assistenz-Trainer. Durch ihn bekam ich überhaupt die Möglichkeit, am College aufgenommen zu werden.»

Einen Zusatzbonus hatte Baumann im Team dadurch aber nicht. Gleich im ersten Training traf ihn die beinharte Realität: Neben ihm gab es zehn (!) weitere Quarterbacks, die sich um eine von zwei Positionen im Team stritten. Angesichts dieser Konkurrenz entschied sich der Bündner, kurzerhand auf die Position des Linebackers zu wechseln. Anstatt die Bälle zu verteilen, ist er nun einer der schweren Jungs, die versuchen, den Gegner am Punkten zu hindern. Die Umstellung sei kein Problem, er sei mittlerweile nur noch ein paar Kilo leichter als seine Kameraden auf derselben Position. «Mit dem Training und dem Essen in Kalifornien ging das relativ schnell», erzählt er lachend.

Das Training hat es in sich für die Footballspieler am College. Morgens um sieben steht die erste Trainingseinheit im Kraftraum an, kurz nach acht beginnt der Schulunterricht. Nach dem Mittag steht dann das eigentliche Footballtraining auf dem Feld auf dem Programm. Fünf Stunden täglich.

Aber trotz der guten Ausbildung hat Dea Baumann kaum Chancen, jemals in der NFL zu spielen. Viel zu gross ist die Konkurrenz. Im kommenden Sommer kann sich der Churer den Scouts besserer Schulen präsentieren, deren Teams in höheren Divisionen spielen. Überzeugt Baumann die Späher, würde es ein neues Stipendium bedeuten. Im besten Fall hiesse das, dass er nochmals vier Jahre in den USA Football spielen und seinen Abschluss machen könnte. «Wenn ich das nicht schaffe, gehe ich im Sommer halt zurück in die Schweiz», sagt er. «Mit einem Jahr voller super Erinnerungen im Gepäck.»

Glauser ist mittlerweile wieder in der Schweiz, nachdem er zuvor zwei Jahre als Assistenztrainer an der Florida State blieb und seinen Abschluss machte. Der Schweizer Football könnte viel von den Erfahrungen von Spielern wie Glauser profitieren. Wenn sie richtig eingesetzt würden. Das will Glenn Chase, der seit November Präsident des Schweizerischen American-Football-Verbandes ist, in naher Zukunft bewirken. Der US-Amerikaner verfügt über die nötige Erfahrung, war er doch selbst ein erfolgreicher College-Footballspieler. Der heute 59-Jährige spielte zusammen mit Legenden wie Tony Dorsett, ein Hall of Famer der Dallas Cowboys. In Nordamerika beginnen Kinder ungefähr mit acht Jahren Football zu spielen, sagt Chase, der den Sprung in die NFL wegen einer Verletzung verpasste. «In der Schweiz hingegen ist das durchschnittliche Einstiegsalter etwa 14. Da fehlen den Spielern bereits entscheidende Jahre.»

Chase will in den nächsten Jahren nun gezielte Trainings veranstalten, mit ehemaligen Footballspielern und Coaches aus den USA. So will er einerseits Fachwissen vermitteln, andererseits wäre es aber auch Werbung für den Sport, und könnte junge Schweizer Spieler anlocken. «Zum jetzigen Zeitpunkt gibt es zwar noch keine konkreten Pläne, aber ich glaube, es braucht nun Neuerungen, um den Schweizer Football auf ein höheres Level zu hieven.»

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