Was geht euch durch den Kopf, wenn Ihr das Bild oben betrachtet?
David (zu Philipp): Was war das noch mal?
Philipp: Bundebele (lacht).
David: Ah ja, da ging es um Toko (GC-Spieler; d. Red.).

David, Sie scheinen auf dem Bild nicht gerade nett zu Ihrem Bruder zu sein.
David: Ach, das ist ganz normal, bei uns tagtäglich. Einmal er, einmal ich. In dem Moment sage ich zu ihm: Stopp! Pass auf, dass du keine gelbe Karte bekommst.

Wir haben gehört, dass Ihr euch auf dem Platz oft anschnauzt.
David: Das ist etwas Positives. Weil es zeigt, dass wir grundehrlich zueinander sind. Philipp weiss genau, was ich meine, wenn ich ihn anschnauze. Im Grunde ist es positiv gemeint, ich will ihn anstacheln.

Ist nie einer für längere Zeit verärgert über den anderen?
Philipp: Es gibt immer wieder Themen, in denen wir nicht 100 Prozent übereinstimmen. Deswegen anschweigen? Nein, wir reden immer miteinander.

Braucht Ihr euch gegenseitig als Ventil für den Frustabbau?
Philipp: So, wie wir miteinander umgehen, könnten wir es mit anderen nicht. Wir haben eine eigene Kommunikation.
David: Dieses Verhältnis zu erklären, ist eine Aufgabe, die wir nicht erfüllen können. Es ist tief in uns drin, im Unterbewusstsein.

Anders gefragt. Hat sich die Kommunikation zwischen euch im Laufe der Zeit verändert?
David: Natürlich, das war ein Prozess. Die Persönlichkeiten von mir und Philipp haben sich eigenständig entwickelt, wir mussten immer wieder zueinanderfinden. Es gab Unstimmigkeiten zwischen uns, die den Kollegenkreis betrafen und zu schmerzhaften Trennungen führten. Heute treten wir geschlossener auf. Wir haben gelernt, zwei Meinungen zu einer starken Position zusammenzuführen.

Ihr seid euch heute also enger verbunden als vor zehn Jahren?
Philipp: Definitiv. Durch die vielen Erfahrungen sind wir näher zusammengerückt. Von einigen sogenannten Freunden und Beratern haben wir uns getrennt. Natürlich sage ich heute, dass ich vieles anders gemacht hätte. Aber hätte ich die Fehler nie gemacht, wäre ich nicht der, der ich bin. Heute haben wir ein Umfeld, auf das wir zählen können.

Seid Ihr ausgenützt worden?
Philipp: Nein.
David: Auf keinen Fall.
Philipp: Sagen wir es so: Von Menschen, die uns sehr nahe gestanden sind, wurden wir enttäuscht.

Könnt Ihr ein Beispiel nennen?
Philipp: Nein, das würde nichts bringen.
David: Ich habe es früher erkannt als er.

Ja?
Philipp: Damals schwirrten extrem viele Leute um uns herum. David war kritisch, ich habe das nicht so eng gesehen.
David: Ich habe früh gemerkt, dass viele nur Blutsauger sind, die an unser Geld wollen. Ich musste Philipp in etlichen Gesprächen zur Einsicht bringen. Wir beide werden zwar immer im Doppelpack wahrgenommen – doch es sind zwei Köpfe, die denken.

Wann hat dieser Prozess angefangen?
David: Bei mir 2008 mit dem Schritt zu YB. Ich hatte zwei schwierige Jahre in Gladbach und Basel hinter mir und musste einen Cut machen.

Was war denn vorgefallen?
David: Keine Details. Der Lernprozess nach den Jugendjahren hat so richtig angefangen. Philipp ist später dazugestossen. Heute haben wir uns – auf Deutsch gesagt – vom Dreck gesäubert.

Philipp, wann sind Sie dazugekommen?
Philipp: 2010, als ich von Liverpool zu Stuttgart ausgeliehen worden bin. Da wurde mir klar, dass ich einiges ändern muss. Auch wenn es mir schwerfiel.

Ihr lebt in einer Wohngemeinschaft. Braucht Ihr einander zum Leben?
David: Ja, natürlich.

Also werdet Ihr immer zusammenwohnen?
David: Aha, darauf wollen Sie hinaus. Nein, das hat sich damals so ergeben. Wir haben vorher beide alleine gewohnt und es ist uns gut gegangen.

Vor drei Wochen seid Ihr 30 geworden. Wie lebt es sich mit der 3 auf dem Rücken?
Philipp: Speziell, oder?
David: Ja, sehr speziell (lacht).
Philipp: Ich habe es an der Geburtstagsparty so formuliert: Es beginnt ein neuer Lebensabschnitt. Im Gegensatz zum 20. Geburtstag sind wir jetzt voll im Leben drin. Die Instrumente im Rucksack mit Erfahrungen, die wir gesammelt haben, müssen wir in den nächsten zehn Jahren anwenden. Auch für die Zeit nach der Karriere, die ja irgendwann in den 30er-Jahren zu Ende geht. Wir haben einiges aufgegleist und sind bereit für die Zukunft.

Was habt Ihr, die einander in- und auswendig kennen, euch nach 30 Jahren eigentlich noch zu erzählen?
David: Über unsere Persönlichkeiten gibt es nichts mehr zu sagen. Ich sehe Philipp als meinen Sparringspartner für das Leben. Es mag ungerecht tönen. Aber ich habe in meinem Leben eine einzige Person, auf die ich mich zu 100 Prozent verlassen kann.

Ungerecht für eine zukünftige Partnerin?
David: Nein, damit hat das nichts zu tun. Es mag hart klingen für unsere Geschwister, Eltern und Freunde.

Hat denn eine Frau eine Chance?
David: Wenn Männer Probleme haben, geht es in 99 von 100 Fällen um Frauen oder Geld. Was ich damit sagen will: Eine Frau hat Platz, aber man weiss nie, was im Leben passiert. Sollte die Beziehung zerbrechen, Philipp wäre immer noch da. Bis ich ins Grab gehe.

Wie oft sprecht Ihr neben dem Platz über Fussball?
Philipp: Viel, Fussball ist unser Leben.
David: Aber es kann auch mühsam werden, wenn wir eh schon die ganze Zeit zusammen auf dem Platz stehen.

Also diskutiert Ihr zum Beispiel, warum Alex Frei zu Beginn der Rückrunde nicht gespielt hat?
David: Natürlich. Wir diskutieren auch die Taktik, neue Spieler und so weiter. Ist doch klar. Das Gute ist, dass alles unter uns bleibt (lacht).

Und in der Einschätzung eurer Leistungen seid Ihr euch einig?
David: Finde ich, dass Philipp nicht gut gespielt hat, sage ich ihm das in aller Deutlichkeit. Wir hören oft den Vorwurf, dass wir eine komplett verkehrte Wahrnehmung von unseren Leistungen haben. Ich sehe das nicht so.

Aber eure Wahrnehmungen decken sich?
David: Nein, nicht unbedingt. Aber wir müssen uns keinen Honig um den Mund schmieren. Ob ich gut oder schlecht gespielt habe, muss mir keiner sagen.
Philipp: Das sind Sorgen, die wir uns heutzutage nicht mehr machen.

Macht euch Sorgen, dass in 15 Monaten die WM in Brasilien anfängt und Ihr in der Nati zurzeit kein Thema seid?
Philipp: Wir spielen heute gegen YB und am Donnerstag in St. Petersburg. Ich will Meister werden und gesund bleiben – alles andere interessiert mich nicht.

Eine WM in Brasilien muss doch für jeden Fussballer ein Traum sein.
Philipp: Natürlich will jeder, der den Fussball liebt, dahin. Aber was soll ich mir Gedanken machen, wenn ich es nicht in meiner Hand habe?
David: Die beste WM aller Zeiten haben wir eh schon erlebt. Die Stimmung von 2006 in Deutschland zu toppen, ist in meinen Augen nicht möglich.

Aber Ihr würdet euch nicht weigern, ein Aufgebot der Nati anzunehmen?
David: Nie im Leben! Herr Hitzfeld kennt unsere Nummern.
Philipp: Mit 30 haben wir gelernt, uns zu fokussieren. Mit 30 haben wir gelernt, die Dinge so zu nehmen, wie sie sind.

Vor ein paar Jahren hätten beide noch ganz anders geredet.
Philipp: Klar, man weiss ja, wie ich gewesen bin: vogelwild.

David, Sie haben vier Jahre für die Young Boys gespielt; heute euer Gegner. Können Sie uns aufklären, weshalb YB einfach nicht vom Fleck kommt?
David: Als Erstes: Ich hatte bei YB eine schöne Zeit. Mir tun die Fans und das ganze Umfeld leid, die schon so lange auf Erfolge warten. Es ist schade, dass die Young Boys immer wieder mit denselben Problemen zu kämpfen haben.

Seit zwei Monaten ist Fredy Bickel da.
David: Mit ihm hat man einen super Mann geholt. Dazu hat YB mit den Gebrüdern Rihs zwei hervorragende Aktionäre, die ich total schätze. Bickel traue ich zu, die Weichen so zu stellen, dass YB das Potenzial nützen kann. Sie müssten doch unser Hauptkonkurrent sein.

Weshalb hat der FCB eine Sieger-, YB aber eine Loser-Mentalität?
David: Das kann ich nicht beantworten.

Ein Kopfproblem?
David: Sicher auch ein Kopfproblem. Was soll ich dazu sagen? Der FCB hat Leute, die mit schwierigen Situationen gut umgehen können. Wir haben Identifikationsfiguren. Aber es liegt nicht an uns FCB-Spielern, Urteile über YB zu fällen.

Apropos Identifikationsfigur. Mit Beni Huggel ist beim FCB bereits eine zurückgetreten, im Sommer folgt Alex Frei, Marco Streller spielt auch keine fünf Jahre mehr. Seht Ihr euch bald in deren Rolle?
David: Wir wollen Verantwortung übernehmen. Die Frage ist, ob man sie uns auch gibt. Ob man sagt: David und Philipp, ihr seid unsere Eckpfeiler. Wir wollen das, sonst wären wir nicht hier.
Philipp: Wir wollen vorneweg gehen und den Jungen helfen.
David: Wir sind Typen, die reflektieren können. Wenn jemand zu uns kommt und eine ehrliche Meinung haben will, bekommt er sie; selbst, wenn es der Chef ist. Der Chef fällt die Entscheidungen, aber alle sitzen im selben Boot. Und auf diesem Boot muss es möglich sein, kritisch miteinander umzugehen.

Im Fussball ist Ehrlichkeit nicht immer gefragt.
David: Das stimmt zum Teil schon. Für mich ist Bayern München das grosse Vorbild, was Ehrlichkeit anbelangt. Dort zählt ein Wort noch. Wie will man nachhaltig sein, wenn man nicht ehrlich ist?
Philipp: Es ist falsch, alles in sich hineinzufressen und diplomatisch zu sein.

Habt Ihr mit Murat Yakin eigentlich jetzt euren Wunschtrainer?
Philipp: Es gibt keine Wunschtrainer. Ich habe mit «Muri» noch zusammengespielt, das ist vielleicht etwas Spezielles. Er macht seine Sache bis jetzt sicher gut.
David: Ein Trainer ist zu 80 Prozent Psychologe, zu 20 Prozent Lehrer. Das ist das heutige Modell des Profifussballs. Wenn ein Trainer kapiert, wie er jeden individuellen Charakter anpacken muss, dann ist er ein ganz Grosser.

Wer ist ein grosser Trainer?
David: José Mourinho und Jürgen Klopp müssen solche Trainer sein.
Philipp: Wenn ein Spieler für 40 Millionen Euro geholt wird, dann muss ihm der Trainer nicht mehr beibringen, wie man Fussball spielt.

Was für einen Einfluss hat es, dass Ihr Murat Yakin privat kennt?
David: Keinen! Ich bin in Genf auf der Bank gesessen – ich habe überhaupt keinen Vorteil. Wir haben seine Entscheidungen zu akzeptieren.

Yakin hat über Sie, David, gesagt, Sie seien derzeit stark mit sich selber beschäftigt. Darum habe er Sie einige Male draussen gelassen.
David: Diese Meinung darf er haben. Ich werde ihn aber fragen, wie er das meint.

Nun fallen Sie mit einem Bänderriss einige Wochen aus.
David: Ich bin froh, dass es nach der Heilung in ein paar Wochen weitergeht und dass es nicht schlimmer ausgefallen ist.

Nochmals zu vorhin: Wir haben das Gefühl, dass Sie im Herbst besser waren.
David: Vielleicht haben wir im Herbst offensiver gespielt.

Sie scheinen frustriert.
David: Nein, ich habe einfach einen anderen Anspruch an mich als auf der Bank zu sitzen. Ich habe ja bereits wieder gespielt, mich dabei aber leider verletzt.
Philipp: Ein Fussballer lebt vom Selbstvertrauen.

Den Degen-Zwillingen mangelt es doch nicht an Selbstvertrauen.
Philipp: Nein, aber auch wir sind sensibel und brauchen Vertrauen.

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