VON MARKUS BRÜTSCH

Stefan Frei, erklären Sie uns bitte, weshalb Sie diesen Monat nicht ins Trainingslager des amerikanischen Nationalteams einrücken, sondern lieber mit Ihrer Freundin Stacey in die Karibik in die Ferien fliegen.
Stefan Frei: Bob Bradley, der amerikanische Nationalcoach, hat tatsächlich mit meinem Agenten mehrfach telefoniert und darauf gedrängt, ich solle endlich die nötigen Formulare ausfüllen. Innerhalb eines Monats würde ich den amerikanischen Pass haben.

Bradley nahm mich dann sogar auf die Kaderliste fürs Camp im Januar. Man versuchte mich zu überreden, für die USA zu spielen. Doch dazu konnte ich mich nicht durchringen. Die Schweiz ist noch zu sehr in meinem Herzen. Ich bin stolz darauf, ein Schweizer zu sein.

Die meisten hätten sich eine solche Chance – trotz harter Konkurrenz durch Tim Howard, Brad Guzan, Troy Perkins und Marcus Hahnemann – nicht entgehen lassen. Immerhin hätten Sie sich für die Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika empfehlen können.
Es war ein sehr schwieriger Entscheid. Eine Doppelbürgerschaft würde mir viele Türen öffnen, das ist mir schon bewusst. Es gibt auch Leute, die sagen, ich könnte damit den Schweizerischen Fussballverband zum Handeln zwingen.

Die haben vielleicht sogar Recht. Der Verband möchte wohl kaum ein Talent an die USA verlieren.
Aus moralischen Gründen wollte ich das aber nicht machen. Ich habe gesagt: Wenn ich es in die Nati schaffe, dann richtig, durch Leistung. Aber ich bin mir durchaus bewusst: Vielleicht spiele ich nun nie für ein Land, weder für die USA noch für die Schweiz. Alles hängt von mir selber ab. Ich weiss: Wenn ich weiter gut trainiere und spiele, werde ich einmal die Chance bekommen, für die Schweiz aufzulaufen.

Sehen Sie wirklich eine Chance für ein Aufgebot, solange Sie in Nordamerika in der Major League Soccer spielen?
Natürlich ist es mein Ziel, nach Europa zu kommen. Ich will mich nicht mit einer Karriere in der MLS zufriedengeben. Ich will ein so guter Torhüter wie nur möglich werden und in der bestmöglichen Liga und Mannschaft spielen. Wenn ich nur aufs Geld schauen würde, müsste ich jetzt schon nach Europa gehen. Doch das steht für mich derzeit überhaupt nicht im Vordergrund.

Zahlt die MLS – Ausnahme David Beckham – denn schlechte Löhne?
Nein, ich kann davon leben, verdiene sicher mehr als ein Angestellter in einem Café. Aber viel auf die Seite bringen kann ich mit meinem Salär nicht.

Ist die Schweizer Super League ein Ziel?
Sie hat nicht erste Priorität. Mo Johnston, der Generalmanager beim FC Toronto, hat mir mitgeteilt, es würden sich vier englische Premier-League-Klubs für mich interessieren.

Das Transferfenster ist offen: Wechseln Sie noch in diesem Monat nach England?
Nein, ich habe mich entschieden, die im März beginnende Saison in der Major League Soccer zu bestreiten. Ich will mich weiterentwickeln; aber nicht nur im Training, auch im Spiel. In England würde ich am Anfang vielleicht auf der Ersatzbank versauern. In einem Jahr werde ich dann aber bereit sein für die Premier League – oder die Bundesliga. Und spätestens dann wird die Schweizer Nati ein Thema. Diese ist das Ziel.

Die Schweiz hat zurzeit aber kein Goalieproblem. Diego Benaglio und Marco Wölfli sind beide starke Keeper und bei Coach Ottmar Hitzfeld unbestritten.
Ich weiss. Dennoch sähe ich für mich schon eine Chance, einen Platz im Kader zu erhalten. Ich will nicht behaupten, dass ich schon jetzt zu den ersten drei Torhütern zähle, aber mich einmal in einem Trainingslager präsentieren zu dürfen, wäre toll. Ich würde gerne auch der Schweiz zeigen, was ich kann.

Gibt es überhaupt Kontakte zum Schweizerischen Fussballverband?
Mein Agent hat vor der letzten Saison per Mail Kontakt mit dem SFV aufgenommen. Wir haben auch Clips von meinen Spielen mit dem FC Toronto geschickt. Aber die Schweizer Verantwortlichen lassen durchblicken, dass sie es besser fänden, wenn ich in Europa spielte. Ihr Vertrauen in die amerikanische Profiliga scheint nicht besonders gross zu sein.

Zu Unrecht?
Es ist schwierig, das Niveau mit der Super League zu vergleichen. Ich denke aber schon, dass sich die MLS vor der Schweizer Liga nicht zu verstecken braucht. Hier wird viel gekämpft und getackelt. Südamerikanische Spieler haben deshalb oft Probleme, sich am Anfang zurechtzufinden.

Und wie ist es Beckham ergangen?
Er hat mir ein Tor hereingehauen! Er hat sehr viel für unsere Liga getan. Viele Frauen kommen nur wegen ihm ins Stadion.

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