Freitag, 13.15 Uhr. Soeben hat der Kanadier Richard McLaren die letzte Frage an der Pressekonferenz in London beantwortet. In Davos öffnet sich nur Sekunden später die Türe des russischen Wachs-Trucks. Ein Dutzend Athleten und Betreuer macht sich auf den Weg zum Skitest. Man muss kein Hellseher sein, um zu behaupten, das russische Langlauf-Team habe die Übertragung aus London mitverfolgt.

Noch am Tag vor McLarens Doping-Enthüllungen hatte sich Markus Cramer, der deutsche Coach im russischen Team, darüber beklagt, dass seine Langläufer vollkommen im Unklaren gelassen würden, was passiert und wie es weitergeht. Niemand habe je mit einem seiner Athleten darüber gesprochen. Doch bisweilen können die Bedürfnisse rasch ändern. Am Renntag waren die russischen Sportler mehr als glücklich, dass am Ziel niemand mit ihnen sprechen wollte. Die wenigen Journalisten, die ein Statement von Legkow, Below oder Wylegschanin einforderten, wurden grosszügig ignoriert. Strammen Schrittes passierten die russischen Langläufer die sogenannte Mixed Zone, als könnte man sich dort ein Virus einfangen.

Eine Ausnahme war Julia Tschekalewa, die Fünfte des Frauenrennens. Sie hörte sich zumindest die Frage an und rang sich sogar zu einer Antwort durch: «Ich will dazu nichts sagen. Mein Job ist es, Rennen zu bestreiten.»

Die beschuldigten Russen blieben nicht die einzigen wortkargen Sportler am Tag 1 nach McLaren. Auch die Gegnerschaft wollte sich offensichtlich nicht die Finger verbrennen. Wer weiss heute schon, wen es morgen trifft? Die US-Spitzenläuferin Jessica Diggins sagte, sie konzentriere sich nur auf sich selber und auch Norwegens Überflieger Martin Johnsrud Sundby ging auffällig schnell zur nächsten Frage über.

Nicht alle Finnen sind wortkarg
Einer der wenigen Athleten, die sich beim Namen McLaren in der Fragestellung nicht gleich ins Schneckenhaus zurückzogen, war der finnische Tagesdritte Matti Heikkinen. «In Finnland haben viele Leute beim Thema Doping eine dicke Haut – auch ich. Sport ist Business, und da gab, gibt und wird es immer Leute geben, die mit falschen Karten spielen. Ich kann nur mein Leben beeinflussen. Ich habe Familie und zwei kleine Kinder. Und damit auch eine Verantwortung. Ich versuche, ihnen die gleichen Werte zu vermitteln, die auch für mich gelten.»

Ruhig war es um die Russen in Davos nicht nur bei der Konkurrenz, sondern auch im Publikum. Langlauf-Anhänger sind faire Fans und jubeln in der Regel auch für die Konkurrenz. Für die Russen galt dies gestern nicht. Deren Zieleinlauf wurde mit Stille quittiert. Selbst der Aufruf von Kultspeaker Kjell Erik Kristiansen, doch die tolle Leistung von Julia Tschekalewa zu beklatschen, fruchtete nichts.

Wie aber stehen die Zuschauer zu dem, was sie am Freitag vernahmen? Christian Berg, ein Norweger mit Stammplatz im Weltcup, sagte: «Natürlich ist es traurig, aber gerade wir Norweger hatten ja jüngst auch zwei unschöne Fälle. Also ist es nicht angebracht, mit dem Finger auf andere zu zeigen. Solange sie in den Rennen starten, gelten sie für mich als unschuldig.» Sein Schweizer Tribünennachbar fragt sich, wieso immer nur die Russen die Bösen auf dieser Welt seien. «Sind sie wirklich die Einzigen, die im Sport dopen?»

Burgermeister ist sich nicht sicher
Einer, der behauptet, davon absolut nichts mitbekommen zu haben, ist der Schweizer Reto Burgermeister. Der frühere Weltcupläufer betreute bis zum Olympiasieg in Sotschi den Russen Alexander Legkow. «Natürlich wäre ich sehr enttäuscht, sollte Legkow tatsächlich gedopt haben. Wir haben alle Athleten bestmöglich kontrolliert. Wenn es tatsächlich passiert ist, dann höchstens kurz vor Sotschi», mutmasst Burgermeister. Der Gedanke, dass sein ehemaliger Schützling ein Betrüger sein könnte, erscheint für Burgermeister zumindest nicht mehr so unfassbar wie noch vor wenigen Monaten. Der Grund ist, dass ihm Legkow vorsätzlich russische Fördergelder vorenthalten habe, welche für die Arbeit des Coaches vorgesehen waren. Seither ist das Verhältnis zum früheren Paradepferd getrübt. Burgermeister erhielt auf Ende September die Kündigung aus Russland und hat kein Trainermandat in Aussicht.

Den Unmut im sportlichen Umfeld über die Situation spürt auch Swiss-Ski-Präsident Urs Lehmann. «Irgendwie waren wir am Freitag alle überrascht bis schockiert.» Lehmann fordert, dass die Namen der tatsächlichen Sünder so schnell wie möglich publik werden und die FIS «konsequent und unmissverständlich handelt». Wetten darauf würde der Aargauer aber nicht. Denn auch Lehmann weiss: «So konsequent wie der Schweizer Skiverband wird im Bereich Antidoping längst nicht überall gearbeitet.»

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