Kann Alex Frei mit der Geissel chlöpfen?
Vor ein paar Wochen hat der Luzerner Investor Bernhard Alpstaeg deutsch und deutlich erklärt, was er vom neuen Sportchef erwartet: «Er muss eine anständige Frisur haben und mit der Geissel chlöpfen können.» Vielleicht hat dieses bescheidene Anspruchsprofil Alex Frei nun verleitet zu sagen: «Ich bin überzeugt, als Fussballer genug gesehen zu haben, um diese Herausforderung zu meistern.»

Für Erich Vogel, einst der erste vollamtliche Sportchef im Schweizer Fussball, sind solche Aussagen typisch, wenn verdiente Profis direkt nach dem Karriereende als Sportdirektor in die Teppichetage wechseln. «Die meisten überschätzen sich. Vom Fussball auf dem Rasen eine Ahnung zu haben, bedeutet nicht, dass man auch das Geschäft beherrscht», sagt Vogel. Anders formuliert: Es ist nicht dasselbe, ob man mit einem Ball oder mit Millionen jongliert.

Gut möglich, dass der Job des Sportdirektors auf breiter Ebene falsch eingeschätzt wird: Mal eine nette Reise zu einem Spiel der Champions League machen, einen Spieler in Brasilien beobachten oder mit prominenten Menschen gediegen tafeln – Sportdirektor müsste man sein!

Von wegen. «Es ist ein kräfteraubender Job», nimmt Georg Heitz solchen Mutmassungen den Wind aus den Segeln. Der 43-Jährige weiss, wovon er spricht. 2012 ist er beim FC Basel vom Sportkoordinator zum Sportdirektor befördert worden. Seine Arbeitstage sind lang und dauern oft zwölf Stunden und mehr; an sieben Tagen in der Woche.

Es gibt mehr als genug Arbeit in der in allen Bereichen kräftig gewachsenen Super League. So hat sich inzwischen fast überall die Erkenntnis durchgesetzt, dass ein Sportchef unabdingbar und kein Luxus ist. Einzig bei Lausanne-Sport ist Vizepräsident Alain Joseph der Meinung, selber genügend Kapazität zu haben, um sich die Besetzung dieses Postens zu sparen. So verschieden indes die Bezeichnungen für diesen Beruf – Sportchef, Sportdirektor, CEO & Sportchef, Sportkoordinator, Technischer Direktor, Leiter Profifussball – sind, so differieren zwischen den Vereinen auch die Anspruchsprofile für Sportchefs markant.

Ein Sportdirektor eines Grossklubs wie des FCB ist vor allem auch Führungskraft und Personalchef, der die Technische Crew und die Scoutingabteilung leitet, Transfers abwickelt und sich noch mit tausend anderen Aufgaben konfrontiert sieht. Bei einem Verein wie dem FC Servette, der kleinere Brötchen backen muss, ist der Sportkoordinator (Piero Bobbio) hingegen mehr der «Gango» von Präsident (Hugh Quennec) und Trainer (Sébastien Fournier), die in wichtigen Dingen das Sagen haben.

Im letzten Jahr hat Oliver Bierhoff eine interessante Debatte angestossen. Warum, hat der Manager der deutschen Nationalmannschaft gefragt, muss ein Trainer im Spitzenfussball hoch dekoriert mit Diplomen sein, ein Sportdirektor aber nicht zwingend einen beruflichen Rucksack mitbringen? Obwohl dieser oft genug eine weitreichende finanzielle Verantwortung zu tragen hat.

Wie Deutschland kennt auch England das Zertifikat für Fussballmanager nicht. Spanien dagegen plant die Einführung einer verpflichtenden Ausbildung. Claudius Schäfer, CEO der Swiss Football League, sagt: «Wir schreiben zwar vor, dass jeder Klub einen Sportchef haben muss, ein Diplom als Voraussetzung für die Bekleidung dieser Position können wir jedoch nicht verlangen. Weil es keine spezifischen Lehrgänge dafür gibt.»

So gilt eben für viele, was einst auch für das Aushängeschild dieser Branche gegolten hat. «Mein wichtigstes Motto war immer Learning by Doing», hat Uli Hoeness gesagt, der als 27-Jähriger vom Platz weg Manager beim FC Bayern München geworden war. Dasselbe gilt auch für den gelernten Automechaniker Horst Heldt, der es nach Abschluss seiner Spielerkarriere in die Chefetagen von Bundesligaklubs wie dem VfB Stuttgart und Schalke 04 geschafft hat.

Wer dort einmal angekommen ist, muss dann aber bereit sein, bei Bedarf anzuklopfen und Hilfe zu holen. «Wichtig ist zudem, dass man sich mit den richtigen Leuten umgibt und die Nase im Wind hat», sagt Vogel. Für ihn sind «die Leidenschaft für den Fussball sowie die Sozial-, Fach- und Führungskompetenzen» die wichtigsten Fähigkeiten, die ein Sportdirektor haben muss. Überdies: «Wer Trainer gewesen ist, hat einen unschätzbaren Vorteil. Fussball ist ein extrem schwieriges Geschäft.»

Ist sich dessen auch Alex Frei bewusst? «Ich vermute stark, dass er massiv unterschätzt, was auf ihn zukommt», sagt Heitz. «Das heisst nicht, dass Alex die Herausforderungen nicht meistern wird, aber am Anfang wird er erst mal auf die Welt kommen.»

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