Den Vogel schoss die «Gazeta Wyborcza» ab. «Katastrophaler Xavi», lästerte die polnische Zeitung, nachdem sich Spanien im Penaltyschiessen des Halbfinals gegen Portugal durchgesetzt hatte. Ein Unsinn zwar, denn ein Xavi Hernandez spielt nie katastrophal, doch die Haltung zeigt, wie sehr sich der Wind gedreht hat, wenn es um die Beurteilung von Spaniens Spielstil geht.

Ihr tiqui taca war die Entdeckung der EM 2008 und wurde mit Staunen und voller Ehrfurcht begleitet. Auch bei der WM 2010 konnten sich die Spanier noch des Respekts der Fussballgemeinde sicher sein; an der Berechtigung ihres Titelgewinns war nicht zu zweifeln. Vor dem Final der EM 2012 präsentiert sich indes ein anderes Bild. Vielen Fussballfreunden ist das Spiel der Spanier mittlerweile verleidet und die Situation erinnert an ein Spielzeug, von dem man zu Beginn nicht genug bekommen kann, um seiner dann doch irgendwann überdrüssig zu werden. Plötzlich wird der Fussball, der zuvor das Mass aller Dinge war, als zynisch, kalt und grausam beschrieben. Was als schwindelerregende Ballzirkulation gefeiert wurde, wird als langweiliges Ballgeschiebe betrachtet. Auf Klubebene ergeht es dem FC Barcelona, dem Protagonisten des tiqui taca, nicht viel anders, obwohl Lionel Messi Tore am Fliessband schiesst.

Wird der Furia Roja Unrecht getan? Ja und nein. Sie ist der amtierende Europa- und Weltmeister und hat seit der Niederlage gegen die Schweiz bei der WM vor zwei Jahren keines ihrer 19 Pflichtspiele verloren. Und dies nicht mithilfe einer verdammenswürdig-destruktiven Defensivleistung. Die Spanier verbarrikadieren ihr Tor nicht mit neun Mann und lauern auf Konter. Aber sie behalten den Ball in ihren Reihen und huldigen dem Prinzip «Ballbesitz ist die beste Verteidigung». Mit Erfolg. Sie spielen fast immer zu-null und haben bei dieser EM in fünf Spielen erst ein Gegentor hinnehmen müssen.

Auf der anderen Seite erzielen sie – ausser der Gegner heisst Irland – nur wenige Tore. Dies mag ein bisschen mit der Absenz ihres verletzten Goalgetters David Villa zusammenhängen; aber nur ein bisschen. Schon 2010 sind die Iberer mit 1:0-Siegen Weltmeister geworden. In erster Linie hat ihr Spiel an Qualität verloren. Die Präzision ist nicht mehr die gleiche, und es wird weit öfter quer und zurück gespielt, als in der Blütezeit des tiqui taca. Selbst Trainer Vicente del Bosque hat sich mit dem Offensivspiel unzufrieden gezeigt. Zu wundern braucht er sich darüber allerdings nicht, wenn er den Mittelfeldspieler Cesc Fabregas als Sturmspitze aufstellt und sich dieser immer wieder zurückfallen lässt. Man wird überdies den Eindruck nicht los, dass den Spaniern die Leichtigkeit, die Frische, und, nach zwei Titelgewinnen, der Erfolgshunger etwas abhanden gekommen ist.

Bedeutet das Endspiel gegen Italien vielleicht das letzte Gefecht des tiqui taca? «Drei Titel in Folge – jetzt wollen wir Geschichte schreiben», entgegnet Fabregas jenen, die das Ende der spanischen Dominanz prophezeien. Und denkbar ist durchaus, dass sich der amtierende Europameister zu einem dritten Titelgewinn in Serie aufrafft. Er wäre dann «Europawelteuropameister», eine Premiere. Gleichwohl werden heute Abend auch solche, die 2008 und 2010 mit den Spaniern gejubelt haben, darauf hoffen, dass den Italienern der Coup gelingt, erstmals nach 1968 wieder Europameister zu werden. Diese haben sich im Laufe des Turniers mit erfrischendem Offensivspiel viele Sympathien erarbeitet. Wie 1982 und 2006, als im Vorfeld mehr von Bestechung und manipulierten Spielen als vom anstehenden Turnier die Rede war, scheinen die Italiener auch diesmal den Wettskandal hinter sich gelassen zu haben; obwohl selbst Kaderspieler darin verstrickt sind.

Für diesen Aufschwung verantwortlich ist Cesare Prandelli. Seit der 54-Jährige die Squadra Azzurra nach der missglückten WM 2010 übernommen hat, ist diese nicht mehr geschlagen worden. Ja, es hat ein Kulturwandel stattgefunden. Sie spielt keinen atemberaubenden, aber einen schönen, offensiv-orientierten Fussball, ohne die Mätzchen früherer Tage. Und sie hat beim 1:1 im Gruppenspiel gegen Spanien, der bisher besten EM-Partie, gezeigt, dass sie mit den Iberern auf Augenhöhe ist.

Vor allem aber hat es Prandelli geschafft,mit Antonio Cassano und Mario Balotelli zwei Stürmer zu integrieren, auf die seine Vorgänger angesichts der schwierigen Charaktere verzichtet haben. «Eigenwillige Spieler haben mich schon immer gereizt», sagt Prandelli. Eigenwillig ist allerdings auch er selbst. Kurz vor der möglichen Krönung seines Schaffens hat er laut über einen Rücktritt nachgedacht – und Fussballitalien damit tüchtig aufgeschreckt.

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