Mit der Nichtberücksichtigung von Weitspringer Markus Rehm im Aufgebot für die Leichtathletik-EM in Zürich (12. bis 17. August) hat der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) eine grosse Chance aus der Hand gegeben. Diese These stammt von Veronika Roos, Generalsekretärin von Swiss Paralympic. «Weil damit der Internationale Leichtathletik-Verband nicht in die Pflicht genommen wird, eine schnelle Entscheidung zu fällen, wie mit Behinderten im Nicht-Behindertensport umgegangen wird. Denn egal, wie diese Entscheidung am Ende ausgefallen wäre, hätte es allen Sportlern etwas gebracht: nämlich Klarheit.»

Und damit sind wir schon mittendrin in einem Thema, das weit über den Sport hinausgeht. Es geht um Vorurteile und Hemmungen. Um Ethik und Politik. Aber auch um Gleichberechtigung und Chancengleichheit. Kurz: Es geht um das Leben.

Markus Rehm wurde am letzten Wochenende Deutscher Meister im Weitsprung. Seine 8,24 Meter brachten ihm nicht nur Gold, damit erfüllte er auch locker die Limite für die Europameisterschaften in Zürich. Eine normale Geschichte – eigentlich. Denn Markus Rehm ist nicht «normal». Der 25-Jährige trägt unterhalb des rechten Knies eine Prothese. Als 14-Jähriger stürzte er beim Wakeboarden – eine Schiffsschraube veränderte sein Leben.

Und da beginnt das Problem. Rehm springt mit einer Prothese. Und eben diese bringt ihm einen Vorteil. Oder zumindest bestehen berechtigte Einwände, dass es so ist. Damit begründete der Deutsche Verband auch die Nichtberücksichtigung für die EM. Rehm akzeptiert diese Entscheidung, will aber weitere Messungen durchführen lassen. Sollte sich der Verdacht des Vorteils bestätigen, «lasse ich mich aus allen Listen streichen und gebe die Medaille zurück», sagte der 25-Jährige. «Ich will keinen Sieg haben, den ich nicht verdiene.»

Rehm als moralischer Sieger. Damit würde die Geschichte eigentlich bereits ein würdiges Ende finden. Doch das wäre deutlich zu einfach. Denn der Fall wirft Fragen auf. Ist der Ausschluss fair? Wie geht der Sport mit dem Thema des Anders-Seins um? Wird diskriminiert, und wenn ja, von wem? Und bleibt es ein Einzelfall?

Ein Einzelfall ist es nicht. Es gab den Fall von Oscar Pistorius und es wird in Zukunft erneut solche Fälle geben – sogar vermehrt, darin sind sich Experten einig. «Ich kann mir gut vorstellen – und ich kenne das aus eigener Erfahrung –, dass Markus Rehm festgestellt hat, dass er mit den Nicht-Behinderten mithalten kann. Dann kommt ein gutes Gefühl auf. Man sagt sich: Jetzt habe ich es geschafft. Ich habe das Schicksal in besonderer Weise überwunden», sagt Lukas Christen, ehemaliger Schweizer Spitzen-Parathlet, der bei einem Motorradunfall sein linkes Bein verloren hatte.

Gerade weil Christen das Schicksal von Markus Rehm teilt, betrachtet er die Entwicklungen der jüngsten Vergangenheit auch kritisch. «Im Behindertensport werden Leistungen selten kritisch hinterfragt. Behinderte stehen diesbezüglich unter einer Art Denkmalschutz. Das hat nicht nur Vorteile.»

Hemmungen, aber auch die Angst, in ein Fettnäpfchen zu treten – solche Gefühle spielen in der Öffentlichkeit eine Rolle. Behindert-Sein als Tabu. Es geht aber auch um Respekt und Fairness. Doch wo beginnt Diskriminierung? Und wer wird am Ende diskriminiert? Eckhard Meinberg, Sportethik-Experte der deutschen Sporthochschule Köln, hat dazu eine klare Meinung. Der Sportagentur SID sagte er: «Das Fairnessprinzip ist im Wettkampfsport höher zu bewerten als das Inklusionsprinzip. Markus Rehm hat dank technischer Hilfsmittel sein Naturleid um ein technisches Kunstprodukt ergänzt. So besteht keine Chancengleichheit.»

Auch Lukas Christen sieht dies ähnlich. «Ein Sportler hat eventuell jahrelang hart gearbeitet, um in einer Sportart der Beste zu sein, hat Zeit, Energie und auch Geld investiert und muss dann erkennen, dass einer kommt, der möglicherweise bessere Voraussetzungen hat, weil er eine Bein-Prothese trägt.»

Eine strikte Trennung zwischen Behinderten-Sport und Sport also? Die Bedingungen dafür könnte nur der Internationale Leichtathletik-Verband (IAAF) schaffen – durch klare Regeln. Auf Anfrage liess der Verband dazu verlauten: «Zurzeit nehmen wir zu diesem Thema keine Stellung.»

Doch wäre eine strikte Trennung tatsächlich die Lösung? In der Schweiz nehmen behinderte Sportler häufig an Wettkämpfen von Nicht-Behinderten teil. Nicht zuletzt, weil es keine anderen Angebote gibt. «Solange ein Behindertensportler nicht zur Gefahr für die anderen wird und quasi unter ferner liefen mitmacht, stört dies niemanden. Doch sobald er oder sie ins Geschehen um den Sieg eingreift, wird es sofort zu einem Thema», sagt Veronika Roos von Swiss Paralympic.

Ein klares Wettkampfverbot würde also auch Probleme mit sich bringen und Behinderte ausschliessen, dort wo sie gar nicht zum «Problem» werden. In der Schweiz stellt sich die Frage aktuell nicht, weil sich im Moment kein Sportler mit Prothese im Bereich der absoluten Spitzenleistungen bewegt. Trotzdem erwartet man auch bei Swiss Paralympic eine Entscheidung. «Der Internationale Leichtathletik-Verband, aber auch das Internationale Paralympische Komitee sind nun gefordert», sagt Roos. Auch Lukas Christen sieht die Verbände in der Pflicht: «Ich bin der Meinung, dass der Leichtathletik-Verband jetzt klare Richtlinien setzen muss.»

Gemeinsam ist aber vielen Beteiligten, dass sie in einer Art Zwickmühle stecken. Im Konflikt zwischen Herz und Verstand. «Vielleicht ist die Wissenschaft irgendwann so weit, dass genau erkannt werden kann, ob und wie gross der Vorteil durch eine Prothese ist. Solange dies aber nicht möglich ist, muss man an die Chancengleichheit denken, und Behinderte und Nicht-Behinderte sollten getrennt klassiert werden. Am Ende ist es aber eine ethische Frage, die ich nicht abschliessend beantworten kann», sagt Christen.

Ein Dilemma, aber auch eine grosse Chance. Denn jetzt wird die Diskussion geführt. Doch diejenigen, die die Fragen noch am ehesten beantworten könnten, schweigen. Der Internationale Leichtathletik-Verband steht jetzt unter Zugzwang.

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