Von Simon Häring

Irgendwann im Jahr 2016 greift Roger Federer zum Telefon und wählt die Nummer von Rafael Nadal. «Ich wusste, dass er eine Tennis-Akademie eröffnet, und ich habe mir überlegt, was ich mir an seiner Stelle wünschen würde. Und meine Antwort war, dass ich hoffen würde, dass mein grösster Rivale mich anrufen würde und sagt: ‹Hey, brauchst du meine Hilfe? Ich bin hier.› Und genau das habe ich getan. Ich habe Rafa gesagt: ‹Du hast mich für einen Tag: Kinderklinik, Medienarbeit, Eröffnung, was auch immer», erzählt er.

Am 19. Oktober 2016 fliegt Federer für die Eröffnung von Nadals Akademie nach Mallorca. «Es war extrem berührend, mit ihm dort zu sein und zu sehen, wie viel Herzblut alle in das Projekt stecken», sagt Federer der «New York Times». Dass sie sich heute, drei Monate später, am anderen Ende der Welt im Final des Australian Open zum neunten Mal in einem Grand-Slam-Final gegenüberstehen würden, schien damals utopisch. Federer ist am linken Knie verletzt, Nadal am Handgelenk, beide rekonvaleszent. Ein Schaukampf platzt.

«Es ist ein grosses Privileg, dass wir jetzt im Final stehen und wie im Märchen», sagt Nadal, der die drei bisherigen Duelle in Melbourne gewonnen hat, vor acht Jahren im Final in fünf Sätzen. Es ist jener Tag, an dem Roger Federer vor Enttäuschung bei der Siegerehrung, jenem Moment, der Nadal gehört hätte, die Stimme versagt und Tränen über seine Wangen kullern. Nadal, längst nicht mehr nur Rivale, legt dem Schweizer den Arm auf die Schulter.

Es ist einer der zahlreichen Höhepunkte ihrer Rivalität, der wohl grössten in diesem Sport. Am 21. März 2005 erlebt sie in Key Biscayne, einer Insel vor Miami, ihre Geburtsstunde. Auf der einen Seite der Spanier Rafael Nadal, erst 17-jährig, aber schon die Nummer 31 der Welt. Seine wilden, langen Haare bändigt er mit einem Stirnband. Statt Shorts trägt er Dreiviertelhosen. Seinen beeindruckenden Bizeps am linken Schlagarm trägt er in einem ärmellosen Shirt öffentlich zur Schau. Nadal führt mit 2:0 Sätzen gegen ihn: Roger Federer.

Der Baselbieter ist die Nummer 1 der Welt und gewinnt im gleichen Jahr Wimbledon und das US Open. Er wird bewundert für sein virtuoses Spiel, variabel, die Rückhand klassisch einhändig geschlagen, oft mit Slice. Seine Schläge zeichnen sich durch klinische Präzision aus. In entscheidenden Momenten scheint er eine Klasse besser zu sein als alle anderen. Federer, das ist der Prototyp eines Siegers. Und ganz anders als Nadal, der Linkshänder mit der beidhändigen Rückhand, ein Kämpfer, laut, brachial, leidenschaftlich.

Federer dreht die Partie, und obwohl er im Jahr zuvor an gleicher Stelle, gezeichnet von den Folgen eines Hitzeschlags, das erste Duell gegen Nadal verloren hatte, ist es die wahre Geburtsstunde dieser Rivalität. «Es ist die Kombination dieser verschiedenen Stile, die es so aussergewöhnlich macht. Auch Menschen ausserhalb des Tennis sprechen über unsere Duelle. Das ist gut für uns und gut für den Sport», sagt Nadal vor dem 35. Kräftemessen mit Federer, dem ersten in einem Grand-Slam-Final seit 2011 beim French Open.

Höhepunkt der Turniergeschichte
«Die historische Bedeutung ist episch. Es ist mit Sicherheit das wichtigste Spiel in der Geschichte des Australian Open, vielleicht sogar in der gesamten Grand-Slam-Geschichte. Du musst verrückt sein, wenn du das nicht sehen willst», sagt Andy Roddick, einst selber Nummer 1 der Welt und viermal gegen Federer Finalverlierer bei einem Major-Turnier. Denn auf dem Spiel steht der wichtigste Rekord im Tennis: Federer führt mit 17 Titeln vor Nadal und Pete Sampras mit je 14. Ein Spiel mit entscheidendem Charakter.

Und trotzdem so anders als alle anderen zuvor. «Es ist schon so lange her. Was einmal war, zählt nicht mehr», sagt Nadal. Auch nicht, dass er sechs der acht Finals bei Major-Turnieren gewonnen habe. «Mir ist die Grösse bewusst, aber mir ist egal, wer auf der anderen Netzseite steht. Ich werde alles rauslassen, auch wenn ich danach fünf Monate nicht mehr gehen kann», sagt Federer, für den der Finaleinzug nach sechs Monaten Pause selber eine Überraschung ist. Eine, für die er sich bei seinem Antipoden hat inspirieren lassen.

Von Rivalen zu Freunden
Vor vier Jahren steht Rafael Nadal mit Knorpel- und Meniskusschäden in beiden Knien vor der Sportinvalidität. Aber das Jahr 2013 wird sein bestes. Er gewinnt drei Major-Turniere und wird wieder die Nummer 1. Seither kämpft er immer wieder mit Verletzungen. «Im letzten Jahr in Paris, auf der Fahrt zurück ins Hotel musste ich weinen», sagt Nadal. «Wie er immer wieder zurückkommt, verdient grössten Respekt. Ich bin sein grösster Fan», sagt Federer.

Während er auch in den schwierigen letzten Monaten nie den Mut verliert, kämpft Nadal mit Selbstzweifeln, «auch dann, wenn ich gewinne», sagt der 30-Jährige. «Schmerzfrei?», stellt er vor dem Turnier eine Gegenfrage. «Ich bin nicht verletzt. Aber schmerzfrei, das ist schon lange her.» Nadal ist seines fragilen Körpers wegen mehr als einmal durch die Hölle gegangen und Federer hat ihn dabei nie vergessen. So wurden aus Rivalen Freunde.

Gegenseitige Unterstützung
2010 ist Nadal Federers Gast im Zürcher Hallenstadion, als dieser mit dem «Match for Africa» Geld für seine Stiftung sammelt. Der Erlös einer Partie in der Folgewoche in Madrid wird Nadals wohltätigen Projekten zugeführt. Gemeinsam setzen sie sich im Spielerrat ein, Federer als Präsident, Nadal als sein Stellvertreter. Es ist auch der Ort, wo es zum einzigen offenen Zwist kommt.

Nadal plädiert für eine Straffung des aus seiner Sicht aufgeblasenen Kalenders und eine Weltrangliste, welche die Resultate aus zwei Jahren berücksichtigt. Zudem favorisiert er 2012 Richard Krajicek für den Posten des ATP-Geschäftsführers, während Federer den inzwischen verstorbenen Brad Drewett vorzieht. Nadal demissioniert. Ihre Freundschaft bleibt davon aber unberührt. Noch heute ist der gegenseitige Respekt spürbar.

Heute messen sich mit Roger Federer und Rafael Nadal die höchstdekorierten Spieler der Geschichte. Sie vereinen 31 Grand-Slam-Titel, 443 Wochen an der Spitze der Weltrangliste, 157 Turniersiege, 3 Olympia-Goldmedaillen und 180 Millionen Dollar Preisgeld. Es sind zwei Ikonen der Sportgeschichte. Vielleicht ist es nicht der Schlussakt. Aber für den Moment ist es das, als was es Andy Roddick bezeichnet hat: das grösste Duell der Geschichte.

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