Von Michael Forster

Wir haben uns die Frage wohl alle schon gestellt. In Momenten, in welchen uns Grossartiges gelungen ist, in welchen wir uns selber überrascht oder andere verblüfft haben. Wie wichtig sollen, ja dürfen wir uns da nehmen? Wie wollen wir auftreten und entsprechend wahrgenommen werden? Lässt man die ganze Welt wissen, was man soeben erreicht hat, oder geniesst man still und hält sich zurück? Stellt vielleicht gar andere in den Vordergrund, welche mitgeholfen oder entscheidend dazu beigetragen haben, dass man selber Erfolg haben konnte?

Vielleicht stellt sich auch Giulia Steingruber diese Fragen zuweilen. Nach der Qualifikation an den Europameisterschaften in Bern hätte sie allen Grund gehabt, zuerst einmal über die eigene Leistung zu sprechen. Über ihre beiden Sprünge zum Beispiel, mit welchen sie die Konkurrenz geradezu deklassiert hatte, oder über ihre neue Bodenübung, mit der zweitbesten Note bewertet, und doch noch weiter ausbaufähig. Sie hätte davon erzählen können, wie froh sie ist, drei Gerätefinals erreicht und damit die eigenen Ziele sogar noch übertroffen zu haben.

Doch das tat sie nicht. Stattdessen sagte sie zuerst einmal, wie extrem stolz und froh sie sei, solch gute Kolleginnen in der Nationalmannschaft an ihrer Seite zu wissen.

Es ist diese Bescheidenheit, dieses Sich-zurück-Nehmen in wichtigen Momenten, welches eine öffentliche Person besonders sympathisch erscheinen lässt. Gerade in der Schweiz, wo dem zu Selbstsicheren, zuweilen Selbstherrlichen bedeutend mehr Skepsis entgegengebracht wird als in anderen Ländern. Auch im Sport, wo, im Eifer des Gefechts, mit dieser geballten Ladung an frischen Emotionen, schnell der Eindruck einer Wichtigtuerin, einer Angeberin entsteht.

Aushängeschild der Heim-EM
Umso wohltuender sind in der Wahrnehmung Personen wie Steingruber. Zwar sagt sie, dass der Erfolg ganz von selbst komme – und da werden einige bereits wieder hellhörig. Allerdings trainiere sie dafür über 2000 Stunden im Jahr. Das ist beruhigend; auch einer wie ihr fällt der Erfolg nicht einfach in den Schoss. Nein. Sie muss hart dafür arbeiten. Jeden Tag. So lassen sich auch Ziele formulieren, etwa, dass sie eines Tages den Sprung auf den Turn-Olymp schaffen will.

Heinz Müller, der OK-Präsident der Kunstturn-EM, nennt die Bescheidenheit und Zurückhaltung von Giulia Steingruber das A und O im Turnsport. «Sie vereint einen wunderbaren Mix aus Leistung und Persönlichkeit», lobt Müller «die Gesamtpersönlichkeit, die in diesem Körper wohnt.» Wie wichtig die 22-Jährige speziell für die Titelkämpfe in der Schweiz ist, das wurde für die Organisatoren immer deutlicher sichtbar. Hatte man bei der Vergabe der EM im Sommer 2012 noch primär auf den Berner Claudio Capelli sowie die Stärke und Zugkraft des ganzen Schweizer Teams gesetzt, so war man vor allem in der unmittelbaren EM-Vorbereitung und nach dem verletzungsbedingten Forfait Capellis froh, die Vermarktung des Anlasses praktisch voll auf Steingruber ausrichten zu können.

Nebst ihrer gewinnenden Art hat die grosse Popularität der amtierenden Europameisterin im Mehrkampf auch mit ihrer Erscheinung zu tun. «Was sie von ihren Konkurrentinnen unterscheidet, ist, dass sie elegant ist, geradezu graziös», nennt Felix Stingelin, Chef Leistungssport beim STV, einen weiteren entscheidenden Faktor dafür, dass Steingruber nicht nur als erfolgreiche Sportlerin, sondern als Persönlichkeit wahrgenommen wird. Sie tritt als erwachsene und selbstbewusste Frau auf in einer Sportart, welche unter dem Image des Mädchenhaften leidet. Das ist heute zwar nicht mehr derart ausgeprägt wie früher, als die Karrieren endeten, bevor sie im Erwachsenenalter überhaupt erst begonnen hatten – auch dank Giulia Steingruber, welche in dieser Beziehung einen wohltuenden Gegenpunkt zu setzen vermag.

Die Haltung ist entscheidend
Dazu passt auch das Motto der Schweizer Sportlerin des Jahres 2013. «Die Haltung ist entscheidend. Als Sportlerin und als Mensch.» Es könnte ihre Lage besser nicht umschreiben. Haltung und Ausdrucksstärke sind in ihrem Leben, vor allem aber in ihrem Sport von entscheidender Bedeutung. Sie verleihen einer fehlerfreien Darbietung zusätzlichen Glanz, oder sie lassen über die eine oder andere Unsicherheit etwas leichter hinwegblicken. Und sie sind mit entscheidend dafür, dass der heutige Finaltag mit 6000 Fans schon seit Wochen ausverkauft ist.

Zwar bleibt der Applaus die schönste Form der Anerkennung für eine Athletin – für Giulia Steingruber aber bei weitem nicht die einzige. «Sie ist ein so guter Mensch», sagt etwa Teamkollegin Ilaria Kaeslin (18), welche dereinst in die Fussstapfen ihres Vorbilds treten soll, mit glänzenden Augen. «Wenn es Probleme gibt, ist sie immer da und hilft. Ich hoffe, dass ich auch einmal so werde wie sie.»

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