VON FRANÇOIS SCHMID-BECHTEL

Mehr Geld, mehr Live-Spiele, bessere Aufbereitung, weniger Einfluss auf die Anspielzeiten. Dies sind die Forderungen von FCZ-Präsident Ancillo Canepa an die Adresse des Schweizer Fernsehens. Es ist das ewige Lied von den finanziell so arg geknechteten Schweizer Fussballern. Denn pro Saison fliessen durch den Verkauf der TV-Rechte nur rund 10 Millionen in die Kasse der Liga. Im Unterschied zu Ländern mit einer ähnlich starken Liga ein Pappenstiel.

In Belgien und Dänemark beispielsweise bezahlen die Fernsehanstalten für die Übertragung der Fussballspiele 60 Millionen Franken pro Saison. In Rumänien 30 Millionen. Der aktuelle TV-Vertrag ist noch bis Ende der Saison 2011/12 gültig. Doch die verschiedenen Parteien sind bereits eifrig damit beschäftigt, die eigene Position im Vertragspoker zu stärken. Es wird evaluiert, abgesprochen und viel getuschelt.

Die aktuelle Situation ist klar. Teleclub hält die Pay-TV-, die SRG die Free-TV-Rechte für die Super League. Beide Parteien bezahlen etwa je 5 Millionen Franken pro Saison. SF darf 10 der 180 Spiele exklusiv live ausstrahlen. Dabei hat der Staatssender für sechs Partien das Erstwahlrecht. SF-Sportchef Urs Leutert spricht von einer idealen Konstellation in der televisionären Sportberichterstattung.

Das Schweizer Sportfernsehen (SSF), der dritte Player im Markt, «nimmt viel Druck von uns», weil er Sparten wie Handball abdeckt, die beim SF von der Bildfläche verschwunden sind. «Auch Teleclub nimmt mit der Live-Schiene im Fussball und Eishockey viel Druck von uns. Doch im Unterschied zu SSF fährt Teleclub einen konfrontativen Kurs gegen die SRG.» Roger Feiner, Geschäftsleitungsmitglied bei Teleclub, kontert: «Es stimmt mich nachdenklich, so etwas zu hören. Von Konfrontation kann aus meiner Sicht keine Rede sein. Erfolg ist nicht gleichbedeutend mit Konfrontation.»

Die Fronten sind verhärtet. Teleclub, einst belächelt, ist zu einem Konkurrenten für SF aufgestiegen. Und das mit einem potenten Partner im Rücken. Am 8. April 2005 erwarb Swisscom eine Beteiligung von 49 Prozent an der CT Cinetrade AG, einer Besitzerin von Teleclub. Mit dieser Aktion lancierte der einstige Staatsbetrieb den Sturm gegen den Monopolisten Cablecom. Fussball und Eishockey dienen dabei als Vehikel, um Swisscom TV im Markt zu etablieren. Bis Ende Jahr, so schätzt Feiner, werden 400000 Schweizer Haushaltungen zum Kundenstamm von Swisscom-TV zählen, wo man für Fr. 2.50 ein Fussball- oder Eishockeyspiel live konsumieren kann. Allein mit Teleclub bedient Feiner nun schon 90000 Haushalte.

«Diese Zahlen sagen nichts über das Zuschauerverhalten aus», sagt Leutert und lehnt sich in seinen Bürostuhl. «Die vergleichbare technische Reichweite von SF zwei beträgt in der Deutschschweiz 2,245 Millionen Haushalte. Entscheidend ist, wie viele Leute tatsächlich zuschalten. «Die SRG operiert auf dem Publikums- und dem kommerziellen Markt mit harten Zahlen, nicht mit technischen Daten.» Leutert ist ein mächtiger Mann im Schweizer Sport. Und diese Rolle scheint ihm zu gefallen.

Er bestimmt, was, wann, wo gezeigt wird. «Aus unserer Position wollen wir eine gestalterische Funktion haben. Wenn Sie dies Macht nennen wollen . . . Die SRG leistet viel für den Schweizer Sport. Allein das gibt uns die Legitimation, eine Leaderfunktion zu übernehmen.» Kraft seines Amts macht er sich damit nicht nur Freunde. Doch wer mit Sport etwas bewegen will, muss die Gunst von Leutert gewinnen. Wie beispielsweise die Schwinger, die für relativ wenig Geld (300000 Franken) beim Eidgenössischen Schwingfest mehr als 18 Stunden Sendezeit erhalten haben. Wobei Leutert anmerkt, dass das Eidgenössische Schwingfest nur alle drei Jahre stattfindet und beim Schlussgang 695000 Zuschauer zugeschaltet waren, was einem Marktanteil von 68,7 Prozent entspricht.

Trotzdem monieren die Fussballer, dass 18 Stunden mehr Sendezeit entspricht als zehn Live-Spiele der Axpo Super League. Aber auch der Liga-Sponsor Axpo wünscht sich mehr Präsenz im frei empfangbaren Fernsehen, weshalb er seinen Ende Saison auslaufenden Vertrag nur um ein Jahr verlängert hat. Bei Axpo wird man jedenfalls abwarten, wie der neue TV-Vertrag ausgehandelt wird.

Denn der Stromriese hat mit dem bisherigen Engagement sein Ziel, die Bekanntheit zu steigern, bereits erreicht. Deshalb stellt man sich bei Axpo die Frage, ob eine weitere Zusammenarbeit mit der Swiss Football League überhaupt noch von Nutzen ist. Leutert hat aber ein Interesse, dass «die heutige Grundkonstellation als Ganzes bestehen bleibt». Ausserdem sei die Sendekapazität begrenzt.

Auch wenn SF dank einer Spezialbewilligung des Bundesamts für Kommunikation seit 1. Dezember mit den Sportübertragungen häufiger auf SF info ausweichen kann. Der Vorteil: SF zwei, der eigentliche Sportsender, muss die nachmittäglichen Kindersendungen nicht mehr zugunsten des Sports aus dem Programm kippen. Aber klar ist auch: SF scheint kein Interesse zu haben, mehr Live-Spiele zu zeigen.

«Wir sehen die Realität des Schweizer Marktes», sagt Liga-Präsident Thomas Grimm. «Und der ist nicht mit dem Ausland zu vergleichen. Es fehlt eine sichtbare Konkurrenz auf allen Plattformen. Doch es ist klar: Wir werden in den kommenden Verhandlungen alles daransetzen, mehr Geld zu erhalten.» Leutert sieht sich in der monetären Angelegenheit nicht als der richtige Ansprechpartner. «Teleclub und wir bezahlen etwa denselben Betrag. Doch Teleclub kann 170, wir aber nur 10 Spiele live zeigen. Diese Rechnung geht nicht auf.»

Steigt die SRG in eineinhalb Jahren gar aus der Live-Berichterstattung im Fussball und Eishockey aus? Für einen Insider ist dieses Szenario nicht unrealistisch. Gerüchten zufolge strebe Teleclub-Besitzerin Cinetrade das Live-Monopol für Fussball und Eishockey an. «Kein Kommentar», sagt dazu Teleclub-Mann Feiner. Die gleiche, sibyllinische Antwort gibt er auf die Frage, ob Teleclub bereit sei, im neuen Eishockey-TV-Vertrag (ab der Saison 2012/13) auf die Exklusivrechte der ersten zwei Playoff-Spiele jeder Runde zugunsten der SRG zu verzichten.

Mit der Potenz von Swisscom wäre dieser Brocken wohl zu stemmen. Bleibt die Frage, auf welchem Kanal die Spiele im Free-TV gezeigt werden. Dafür gibt es mehrere Alternativen: 3+, Sat.1 oder SSF. Gut möglich, dass die Fussballer in diesem Fall etwas mehr Geld generieren. Zumindest würden Produktionskosten eingespart. Denn SF und Teleclub produzieren die Spiele nicht gemeinsam. Die SRG hat auch aus politischen Gründen TPC für die Produktion engagiert. Teleclub aus Kostengründen die Firma Mediatec. «Mediatec produziert ein Spiel für 20000 Franken. Bei TPC hätten wir mindestens 30000 bezahlen müssen», sagt Teleclub-Mann Adrian Fetscherin.

Für SSF und gegen 3+ und Sat.1 spricht die Ausrichtung des Senders. Das Gerücht macht die Runde, dass Cinetrade plant, ein Spiel pro Runde live auf SSF zu senden. Dabei steht SSF heute dem Krösus aus Leutschenbach nahe. Aber der Spartensender braucht dringend einen Befreiungsschlag, um sein Überleben zu sichern. «Wir haben uns drei Jahre Zeit gegeben, um eine Null zu schreiben», sagt Pascal Jenny, Delegierter des Verwaltungsrats.

Ein Jahr ist bereits um. Notabene ein Jahr mit einem Highlight auf bescheidenem Niveau. Die 50000 Zuschauer bei der Live-Übertragung des Cup-Spiels Wohlen - GC wurden bei SSF als sensationelle Quote gefeiert. Zum Vergleich: Bei SF braucht man 385000 Zuschauer, um es in der Jahreswertung in die Top 100 zu schaffen. Doch SSF steckt nicht auf. Grosse Hoffnungen ruhen auf der Casting-Show «Einer wie Beni», die ab 6. Februar ausgestrahlt werden soll.

Zudem zeigt SSF ab Februar wöchentlich die Highlights aus der NHL. Geplant ist, dass Eishockey-Nationaltrainer Sean Simpson als Experte in der Sendung auftritt. Aber ob all diese Projekte nachhaltigen Erfolg garantieren, ist fraglich. Ein Sender wie SSF braucht relevante Live-Übertragungen. Dafür wäre die Super League das ideale Sprungbrett.

Ein Player, der sich bisher im Hintergrund versteckt hält, ist Ringier. Der Medienkonzern ist eh schon an Teleclub beteiligt und hat mit der Künstler-Management-Agentur Pool Position seinen Entertainment-Bereich ausgebaut. Deshalb ist es durchaus denkbar, dass Ringier und Cinetrade beim TV-Rechte-Poker zusammenspannen werden, um SF ins Abseits zu stellen. Erst recht, weil heute auch die Rechte für Internet-TV ein Objekt der Begierde sind.

Apropos SF: Dort brodelt die Gerüchteküche. «Es gibt keinen Service-public-Sender auf der Welt, der ein derart vielfältiges Sportangebot hat wie wir», sagt Leutert. Ob das so bleiben wird, ist fraglich. Nicht nur der Konkurrenzsituation mit Teleclub wegen. Denn noch herrscht über die Ausrichtung keine Klarheit. Leutert will zwar Signale vernommen haben, dass es so weitergeht wie bisher. Aber aussenstehende Szenekenner glauben, dass die neue Führungs-Crew mit Generaldirektor Roger de Weck und Direktor Rudolf Matter im Sport leicht an der Sparschraube drehen wird.

Fazit: Wenn die Swiss Football League durch den Verkauf der Pay-, Free- und Internet-TV-Rechte künftig 15 Millionen Franken kassiert, hat sie wohl das Optimum erreicht. Aber Fussballer und Eishockeyaner sollten Leutert nicht zu sehr in die Enge treiben. Steigt die SRG aus und werden Live-Spiele künftig auf einem Spartensender (SSF oder 3+) ausgestrahlt, droht den Fussball- und Eishockeyligen marketingtechnisch der Absturz in die Bedeutungslosigkeit.

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