Von Janine Müller aus Clermont-Ferrand

Da steht sie also, inmitten der schnäuzenden und spuckenden Männer. Ruhig, gelassen. Die Hände in den Hosentachen versteckt. Corinne Diacre. Die erste Frau, die ein professionelles Männerteam in eine Meisterschaft führt.

Das Training ist wie jedes andere. Wäre da nicht die Frauenstimme, die über den Platz im Stadion Gabriel Montpied hallt. Eine Stimme, die klare Anweisungen gibt. Kurz und knapp. Widerspruch gibt es nie. Diacre steht da in der Trainerjacke, Fussballschuhen und mit der Trillerpfeife im Mund. Die kurzen Hosen mit der Nummer 40 geben durchtrainierte Waden frei. Die braunen Haare hat sie zu einem Pferdeschwanz gebunden.

Später spricht sie in ihrem Büro im Bauch des kleinen Stadions, das weit ausserhalb der Stadt liegt, über ihr Engagement. An den Wänden hängen Trainings- und Spielpläne, in der Mitte steht ein runder Tisch. An dem nimmt sie Platz, schlägt die Beine übereinander. Dann spricht sie über ihre ersten Monate bei Clermont Foot, obwohl sie eigentlich genug davon hat, sich zu erklären. Die Arbeit auf dem Platz sei dieselbe, ob sie nun ein Mann erledige oder eine Frau. Auf einen kleinen Unterschied weist sie dann doch hin: «Ich bin in den Gesprächen mit Spielern nicht so schroff, wie es vielleicht meine männlichen Kollegen wären.» Man glaubt es ihr, wenn sie so spricht. Ruhig, aber bestimmt.

Währenddessen sitzt der Klubbesitzer Claude Michy in seinem Büro im Stadtzentrum. Er ist der Mann, der eine Frau an der Seitenlinie seines Klubs wollte. Es mache ihm Spass zu experimentieren. Und: «Ob ich jetzt einen Mann oder eine Frau als Trainer einstelle, kommt nicht drauf an. Das Risiko ist dasselbe», sagt er. Denn ihn kümmert einzig, dass die Klubfinanzen im Lot sind. Er besucht nicht einmal jedes Heimspiel. Viele Fans und Journalisten sind der Meinung, dass Michy nur eine Frau angestellt hat, um mediale Aufmerksamkeit zu gewinnen. Denn der Fussball steht in Clermont-Ferrand im Schatten des Rugby-Teams, das national und international Erfolge feiert.

Nicht nur in den Medien war die Überraschung gross über die Verpflichtung einer Frau. Ursprünglich war Helena Costa für den Posten vorgesehen (siehe Box), dann kam Diacre. Auch die Spieler wurden damit überrumpelt, gibt der Captain Eugène Ekobo zu, der zwischen 2000 und 2002 beim FC Sion unter Vertrag stand.

Ekobo schaut zurück auf den Tag, als Michy die Nachricht bekannt gab. «Wir haben zuerst gedacht, dass das gar nicht stimmt.» Die Spieler hätten sich dann schon gefragt, wie das mit einer Frau funktionieren soll. Doch ab dem ersten Training sei klar gewesen, dass sich auf dem Platz nichts ändert. Mehr noch: «Sie macht alles so, wie es auch ein Mann tun würde», sagt Ekobo. Seine neue Chefin beschreibt er als «sehr streng». «Sie arbeitet bis ins kleinste Detail. Sie ist eine Perfektionistin.» Und obwohl der Start mit drei Niederlagen und einem Unentschieden nicht optimal gelungen ist, glaubt er, dass sie den Durchbruch als Trainerin schaffen kann.

Die Teambesprechung nach dem Training fällt kurz aus. Diacre lässt sich nicht auf lange Diskussionen ein. «Die sind gefährlich. Die Spieler müssen meine Entscheidungen hinnehmen, ob es ihnen nun passt oder nicht», sagt die 40-Jährige danach. Sie steht zu ihren Entscheidungen, glaubt an ihr Können, obwohl es erst ihre erste Saison als Profitrainerin ist. Als Trainerin liebt sie es, dass nie Routine einkehrt. «Mir darf nicht langweilig werden», sagt sie, «sonst fühle ich mich nicht wohl.»

Ihre Entscheidung, den Job bei Clermont anzunehmen, bereut sie bisher nicht, obwohl die Augenringe seit ihrer Verpflichtung doch etwas ausgeprägter sind als zuvor. Ein Engagement in der Ligue 1 kann sie sich gut vorstellen – irgendwann. Oder vielleicht auch noch ein Trainerposten im Ausland. Denn sie mag ihren Job. Nach ihrer Karriere als Spielerin sei ihr rasch klar geworden, dass sie dem Fussball treu bleiben will. «Er ist mein Leben», sagt sie, und ihre stahlblauen Augen leuchten gleich noch etwas mehr.

Die Liebe zum Ball kommt bei ihr heute noch zum Vorschein. Dann, wenn die Spieler während des Trainings ihre Übungen machen, haut auch sie einmal drauf und befördert denn Ball ins Tor. Während der Trainings und den Spielen reagiert sie immer mit der nötigen Gelassenheit. Auch dann, wenn ein Spieler auf dem nassen Rasen ausrutscht, den Ball verliert und ihm ein «Putain!» (Schlampe) entfährt, zuckt Diacre nicht mit der Wimper.

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