Der Fussballverein ist der Stolz dieser englischen Stadt. So erzählt das der Taxifahrer auf dem Weg zum Stadion. Leicester schwärmt. Leicester träumt. Noch nie so intensiv wie nach dem gestrigen Samstag. 1:0 siegt das Team bei Crystal Palace. Auch, weil der Gegner in der Nachspielzeit nur die Latte trifft. Acht Punkte Vorsprung auf Tottenham. Elf Punkte Vorsprung auf Arsenal. Und dass die «Foxes» ein Spiel mehr absolviert haben als die Konkurrenz, ändert nichts daran, dass der erste Meistertitel der Geschichte immer näher rückt.

Zuoberst in der Tabelle der Premier League. Es ist ein Aufstieg aus dem Nichts. Leicester überzeugt mit Leidenschaft, Wille und Beharrlichkeit. Es erlebt ein Märchen, das so wunderbar an die Geschichte eines Spielers des Vereins erinnert – an Gökhan Inler.

Aber die Geschichte hat einen Haken. Denn Gökhan Inler spielt darin keine Rolle. Er ist verdammt dazu, von der Tribüne oder der Auswechselbank zuzusehen, wie sein Team einen Sieg an den nächsten reiht. Auch gestern. Der Taxifahrer berichtet: «Dieser Schweizer, der ist ein Fehleinkauf.»

Inler, 31-jährig mittlerweile, hat eine schwierige Woche hinter sich. Am Freitag erfährt er von Nationaltrainer Vladimir Petkovic per Telefon, dass er nicht mehr Nationalspieler sein darf. Er, der Captain, entmachtet. Nach 89 Länderspielen. Nach mehr als acht Jahren als Titular. Der Entscheid kommt für Inler überraschend. Obwohl er keine Spielpraxis hat, ist er bis zu diesem Telefonat überzeugt davon, die Schweiz an die EM zu führen. Als Captain und Integrationsfigur. Jetzt ist alles anders. Nächste Woche trifft sich das Nationalteam für Testspiele gegen Irland und Bosnien-Herzegowina. Ohne Inler. Ein erstaunlicher Aufstieg ist zu Ende.

Die Geschichte von Gökhan Inler beginnt im Schweizer Mittelland. Er spielt beim FC Olten. Es gibt nur Fussball für ihn. Die Schule interessiert ihn mässig. Nach der Primarschule nimmt er einen Umweg über die Oberschule. Auf Druck der Eltern kämpft er sich durch die Bezirksschule. Aber für ihn ist immer klar: «Ich will Fussballer werden». Es ist auch der Traum seines Vaters. «Mein Vater wollte, dass mir gelingt, was ihm verwehrt blieb. Darum habe ich es geschafft. Für ihn.» So sagte das Inler einmal der «NZZ». Sein Vater ist 2007 gestorben.

Der Weg zum Profi ist ein steiniger. Inler weiss, dass er an sich arbeiten muss. Manchmal stellt er sich selbst Aufgaben. Zum Beispiel, nur mit dem schwächeren linken Fuss zu schiessen. So lange, bis kein Unterschied mehr festzustellen ist.

Überzeugt sein von sich selbst. Es ist eine der grossen Stärken von Inler. In der U21 des FC Basel trifft er auf Sehar Fejzulahi. «Er war immer derjenige, der sagte: ‹Hey, wir schaffen das. Wir werden bald bei Fenerbahçe spielen!›», erinnert sich Fejzulahi. Aber Inler bleibt der Sprung in die erste Mannschaft des FCB verwehrt. Bald versucht er sich bei Probetrainings in der Türkei. Auch bei Fenerbahçe, seiner grossen Jugend-Liebe. Der Vertrag liegt bereit. Eigentlich. Doch plötzlich stockt es. Inler muss in die Schweiz zurückkehren. «Mit nichts in der Hand», sagt Fejzulahi.

Dieser spielt mittlerweile beim FC Aarau. Sein Berater kennt Trainer Andy Egli gut. Er fädelt ein, dass auch Inler zu Aarau wechseln kann. Und hilft, den Abstieg aus der Super League zu verhindern. Aber auch da lässt der Aufstieg auf sich warten. Nach guten Zeiten folgen schlechte. Einmal müssen Inler und Fejzulahi sogar mit der zweiten Mannschaft spielen. «Um 10 Uhr morgens irgendwo in Schaffhausen. Die Reise in einem winzigen Bus.»

Inler ist 21-jährig, als seine Karriere die entscheidende Wendung nimmt. Lucien Favre holt ihn von der Aarauer Ersatzbank zum FC Zürich. Und formt Inler zum Meisterspieler. Inler ist am 13. Mai 2006 dabei, als der FCZ Geschichte schreibt. In der 93. Minute der letzten Runde schnappt er dem FC Basel den Titel. Dem Team von Christian Gross, das Inler nicht wollte. Vier Monate später absolviert er sein erstes Länderspiel für die Schweiz. Köbi Kuhn überzeugt ihn bei einem Besuch auf dem FCZ-Trainingsgelände davon, sich für die Schweiz und nicht für die Türkei zu entscheiden.

Es ist die Zeit, in der das europaweite Schwärmen für Inler beginnt. Er wechselt nach Italien, zu Udinese. Erst krallt er sich einen Platz im Team, bald schreibt die «Gazzetta dello Sport», Inler sei der beste ausländische Neuzuzug. Lucien Favre weilt derweil in Deutschland. Er ist überzeugt, Inler wäre ein «Gott» geworden in der Bundesliga.

Aber Italien bleibt seine Liga. Nach vier Jahren, im Juli 2011, wechselt er in die Fussballmetropole Neapel. Kurz zuvor beerbt er im Nationalteam Alex Frei als Captain. Inler ist auf dem Zenit angekommen. Er wird verehrt in der Stadt Maradonas. Er ist die rechte Hand von Ottmar Hitzfeld. Nur eines ist er nie: Ein Lautsprecher, der sich in den Mittelpunkt drängt. Es fällt kaum auf, wenn Inler auf grosse Worte verzichtet. Anders auf dem Feld. Was die Schweiz an Inler hat, wird dann besonders deutlich, wenn er einmal nicht spielt. Inler, der Mann mit türkischen Wurzeln, steht für den urschweizerischen Fussball. Keine Kunst. Sondern harte Arbeit. Viel taktische Schlauheit. Kombiniert mit einem riesigen Willen.

Fejzulahi, heute bei Le Mont in der Challenge League, sagt, er habe nie einen Typen gesehen, der sein Ziel so sehr vor Augen hatte wie Inler. «Neben dem Platz war er schon immer ein Profi. Sein Wille. Sein Ehrgeiz. Und immer schaute er auf seinen Körper. Kein Alkohol, gute Ernährung.» Das bedeutet nicht, dass Inler ein Langweiler gewesen wäre. Er ist ein Auto-Fan. «Manchmal verbrachte er viel Zeit damit, einen neuen Spoiler am Auto zu montieren. Und wenn wir Paintball spielen gingen, war er immer als einer der Ersten begeistert davon.»

Sommer 2015. Nach vier Jahren in Neapel lockt die Premier League. Leicester City. Ein spannendes Langzeit-Projekt. Denkt Inler. Noch ahnt niemand, dass es ein Wechsel ist, der das Ende eines erstaunlichen Aufstiegs bedeutet.

Gökhan Inler ist kein Nationalspieler mehr. Es ist gut möglich, dass man erst erkennt, wie wertvoll er für die Schweiz war, wenn er eine Zeit lang nicht mehr im rot-weissen Dress aufläuft.

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