Von Markus Brütsch aus Paris

Wenn Haris Seferovic einen Wunsch frei hätte, würde er gewiss sagen: «Ich möchte eiskalt wie Antoine Griezmann sein.» Eine Saison lang haben die beiden vor drei Jahren bei San Sebastian zusammengespielt, und Seferovic hat die Qualitäten seines Mitspielers erkannt: «Ich traute ihm eine grosse Karriere zu.» Während der Schweizer Stürmer bei der EM noch und noch aufs Tor ballerte, aber nie traf, bauschte sich nach Abschlüssen Griezmanns schon sechsmal das Netz. «Aus ihm ist ein grosser Spieler geworden», sagt Seferovic bewundernd.

Einer, dem ganz Frankreich zu Füssen liegt, um den sich die grossen Klubs reissen und dessen Trikot mit der Nummer 7 der Renner ist. Legt Griezmann im Final gegen Portugal nach und verhilft der Équipe tricolore zum dritten EM-Titel, dann wird er wohl nicht wieder nur tanzen wie der Rapper Drake, sondern von den Fans auf die Stufe von Michel Platini und «Zizou» Zinédine Zidane gehievt.

Spätestens nach seinen beiden Halbfinaltoren gegen Deutschland überschlagen sich im Hexagon die Lobgesänge, ist vom neuen Idol Frankreichs die Rede, vom aufgehenden Stern, vom Babyface mit Killerinstinkt, von Asterix, vom Chouchou und wahlweise von Grizi oder Grizou. Griezmann ist die grösste Attraktion dieser EM. Mit drei Toren im Final würde er in der ewigen Torschützenliste zu Platini und Ronaldo aufschliessen.

In einem Final ist alles möglich
Aber natürlich ist es selbst bei einem wie Griezmann vermessen, drei Tore zu erwarten. Erst ein einziges Mal in seiner Karriere ist ihm dies bisher gelungen, bei einem 4:1 mit Atlético Madrid in Bilbao. Dass er aber auch heute gegen Portugal zur entscheidenden Figur wird, ist fast anzunehmen angesichts seines Laufs. Doch Griezmann bremst: «In einem Final kann alles passieren, die Chancen sind 50:50.»

Holen die Franzosen den Titel, würde für ihren Shootingstar die Saison ein versöhnliches Ende nehmen und am Rande auch noch eine Revanche gelingen. Vor sieben Wochen unterlag Griezmann mit Atlético im Champions-League-Final Real Madrid, und obwohl Ronaldo damals nicht gut war, hielt er die Trophäe in der Hand. Auch, weil Griezmann einen Penalty an die Latte geschossen hatte.

Für Griezmann ist das Endspiel gegen Portugal aber nicht nur wegen Ronaldo speziell. Glaubt man einer Cousine, dann hatte Griezmann seiner Grossmutter sogar einmal in Aussicht gestellt, für Portugal aufzulaufen. «Das hat er nur gesagt, um ihr eine Freude zu machen», wiegelt seine drei Jahre ältere Schwester Maude ab, «er wollte immer für Frankreich spielen.»

Die kleine Geschichte hat einen Hintergrund: Griezmanns Grosseltern mütterlicherseits, Carolina und Amaro, waren 1957 aus Portugal in Frankreich eingewandert und hatten sich in Mâcon, 60 Kilometer nördlich von Lyon, niedergelassen. Amaro, einst Profi bei Paços Ferreira, konnte Antoine nichts mehr beibringen. Er starb, als der Kleine ein Jahr alt war.

In Mâcon hatte Griezmann mit dem Fussball begonnen. Bald war klar, dass der Junge viel Talent hat. Er bewarb sich in den Jugendakademien von St. Etienne, Auxerre und Metz, wurde aber überall zurückgewiesen. «Niemand wollte einen so kleinen Spieler wie mich», erinnert sich Griezmann. Auch Lyon nicht. Während eines halben Jahres kam das Bürschchen jeden Freitag her, um sein Können zu zeigen, aber auch Olympique nahm ihn nicht. «Dass wir ihn nicht verpflichtet haben, war ein historischer Fehler», gab Chefscout Gérard Bonneau nun zu.

Immerhin hat Montpellier Griezmann an ein Turnier nach Paris mitgenommen, wo er Eric Olhats auffiel. Dieser war Scout bei Real Sociedad San Sebastian, steckte Griezmann eine Karte mit der Einladung für eine Woche Probetraining zu und überredete dessen Eltern, ihn ziehen zu lassen. 14 Jahre alt war Griezmann damals, und Maude erzählt, wie er bei der Abreise am Flughafen geweint habe.

Flug ins Glück
Doch es sollte ein Flug ins Fussballglück werden. In San Sebastian kümmerte sich Olhats wie ein Vater um ihn. Antoine pendelte ins französische Bayonne, um die Schule abzuschliessen, und wurde bei Real Sociedad zum Profi ausgebildet. Mit 18 wurde er ins Kader integriert, mit 19 war er bester Torschütze, und mit 23 verkauften ihn die Basken für 30 Millionen Euro an Atlético Madrid. Obwohl Griezmann ein überaus feingliedriger Spieler war, sah Trainer Diego Simeone in ihm den Nachfolger des robusten Diego Costa. «Pollito! − «Küken!» lachten die Fans am Anfang, als sie Griezmann sahen. Doch dieser schlug ein, schoss in 107 Pflichtspielen für Atlético 57 Tore, was den Verein bewog, den Vertrag mit Griezmann vorzeitig bis 2021 zu verlängern. Das Salär: 6 Millionen Euro netto. Die Ausstiegsklausel: 100 Millionen Euro. Chelsea soll bereits diese Summe geboten haben. «Unter Simeone ist Griezmann ein kompletter Spieler geworden», sagt der frühere Bayern-Trainer Jupp Heynckes. «Er ist der Mann, der uns das gewisse Extra gibt», sagt Teamkollege Olivier Giroud. Vor allem, seit Griezmann auf seiner Lieblingsposition spielt. «Ich bin eine 9,5», sagt dieser. «Ich habe so alle Freiheiten und kann mit dem Stürmer den Doppelpass spielen.»

Trotz seiner Tätowierungen wirkt Griezmann wie der Traum aller Schwiegermütter, seit er davon absieht, sich die Haare zu färben. Sein Lächeln, seine Lebensfreude und sein Humor kommen an. Sein Herz aber hat er der Spanierin Erika Choperena geschenkt, im Mai ist Töchterchen Mia zur Welt gekommen. Ein Chorknabe ist Griezmann aber nicht immer gewesen. Vor einem Spiel mit der U21-Auswahl ist er einst zusammen mit ein paar Teamkollegen ausgebüxt. Sie liessen sich von Le Havre 180 Kilometer in einen Nachtklub in Paris fahren und wurden erwischt. Griezmann erhielt eine 13-monatige Sperre.

Daran denkt aber niemand mehr. Am Donnerstag weinte Griezmann nach seinem Doppelpack vor Glück und man konnte glauben, es sei der emotionalste Moment seiner Karriere. Diesen jedoch hatte er in der Terrornacht des 13. November 2015 gehabt, als er in Saint-Denis mit Frankreich gegen Deutschland spielte, Bomben explodierten und im Klub Bataclan, wo seine Schwester ein Konzert besuchte, 89 Menschen starben. Mit zittrigen Fingern hatte er auf dem Handy ihre Nachricht gelesen: «Ich bin am Leben.»

Maude ist inzwischen seine PR-Beraterin. Ob sie dafür verantwortlich ist, dass ganz Frankreich weiss, dass Griezmann Spongebob-Unterwäsche trägt, Maté-Tee trinkt und mit seiner Dogge nur spanisch spricht? Gewinnt ihr Bruder den EM-Titel, wird er zum Kandidaten für den Titel des Weltfussballers. Spätestens dann sollten auch alle wissen, wie man seinen Namen korrekt ausspricht: Griäsmann.

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