Auf diesen Moment mussten Sie sehr lange warten: Sie sind Abfahrtssieger am Lauberhorn. Wie fühlt sich das an?
Aksel Lund Svindal: Ich habe gemischte Gefühle. Ich freue mich sehr. Doch sind wir ehrlich, hätte ich statt der Nummer 18 die Nummer 22 gehabt, würde ich weiter auf meinen ersten Lauberhornsieg warten.

Weil es nach der Nummer 21 einen langen Unterbruch wegen Nebel gab.
Genau. Denn am liebsten gewinnt man ein Rennen, wenn die Bedingungen für alle Fahrer exakt gleich sind. Aber wir betreiben einen Sport, der draussen stattfindet. Da gehören Wettereinflüsse dazu. Ich wusste, dass meine Fahrt stark war und dass sie ein gutes Resultat verdient hat. Aber trotzdem tun mir die Athleten, die erst nach mir gestartet sind, leid.

Mit Reto Nydegger haben Sie einen Schweizer Trainer: Wie viel Schweizer steckt in Ihnen?
Ich glaube, ich bin immer noch Norweger (lacht). Wir sind es uns gewohnt, international zu sein. Es ist das erste Mal, dass wir einen Schweizer im Team haben, aber es gibt auch Italiener oder Österreicher.

Schweizerinnen und Schweizer gelten als fleissig. Sind Norweger noch fleissiger? Sie sagen, Ihr Weg zum Erfolg ist trainieren, trainieren und nochmals trainieren. Das tönt nach viel Arbeit.
Ich weiss nicht, ob wir die Fleissigsten sind (lacht). Ich weiss aber, dass wir sehr viel machen. Wenn wir zum Beispiel im Sommer nach Südamerika fliegen, um zu trainieren, bleiben wir sehr lange. Vielleicht länger als die anderen. Darum ja, wir sind fleissig. Aber das ist für mich nur logisch. Wenn man etwas sehr gut machen will, muss man viel üben. Aber wenn das Drumherum stimmt, ist es einfach.

Erklären Sie das.
Wir haben ein super Team. Ich verstehe mich mit allen blendend. Um diese Harmonie nicht zu stören, suchen wir bewusst Trainer, die zu uns passen. Wenn man mit Menschen zusammen ist, mit denen man gerne unterwegs ist, dann ist es kein Problem, fünf Wochen am gleichen Ort, immer gemeinsam auf der Piste, beim Essen und so weiter zu sein. Das ist für mich auch ein Schlüssel zum Erfolg. Viel zu tun, ist das eine. Aber es soll Spass machen.

Lernt man in Norwegen schon als Kind, dass nur Fleiss den Erfolg garantiert?
Ich weiss nicht, ob das jedes Kind so lernt. Bei mir ist es aber sicher so, dass ich das schon von zu Hause mit auf den Weg bekommen habe. Und als ich ins Skiteam kam, traf ich auf Kjetil André Aamodt und er war auch in Sachen Fleiss ein super Vorbild für mich. Ich lernte früh, dass die, die am meisten trainieren, auch die besten Ergebnisse erzielen. Nehmen wir Didier Cuche, der hat auch immer extrem hart und viel trainiert.

Aber gibt es nie Phasen, wo Sie die harte Arbeit satthaben?
Natürlich. Im Winter gibt es immer Tage, an denen man denkt, jetzt wäre es schön, auf eine Insel zu fliegen. An einen Ort mit Sonne und Sand, wo niemand den Skisport kennt (lächelt).

An was denken Sie gerade?
An Spaziergänge barfuss in Hawaii.

Das bringt Sie zum Lachen?
Meine Füsse sind grösser und grösser geworden. Den ganzen Winter quetschten wir sie in zu enge Skischuhe und dann haben sie plötzlich Platz. Ich habe in drei Wochen zweimal grössere Schuhe gekauft (lacht).

Helfen Ihnen solche Erinnerungen im Winter?
Als Skifahrer hat man zehn Monate Winter und zwei Monate Sommer oder Frühling. Das ist nicht viel. Aber ich weiss zum Beispiel nicht, wie lange ich das noch mache. Und das ist für mich ein Zeichen, dass es Spass macht. Sonst fängt man an zu denken, wie lange noch. Doch das gibt es bei mir nicht. Ich mache mir keine Gedanken über das Karrieren-Ende.

Sie sind 33 Jahre alt. Sie wissen noch gar nicht, was danach kommt?
Doch, sicher. Ich lese viele Wirtschaftsbücher. Oder ich war zum Beispiel im Silicon Valley. Ich finde es spannend, mich mit cleveren Leuten zu treffen, die innovativ sind und cool. Ich werde nach der Saison nochmals hinfliegen und weiter in Startups investieren. Ich unterstütze zum Beispiel eine Firma aus der Schweiz: Skioo. Sie bietet Lösungen an, um Skitickets auf das Smartphone zu laden. Man geht einfach auf die Piste und die App rechnet danach ab, wie viele Tage man gefahren ist. Man muss nie mehr am Ticketschalter Schlange stehen.

Neue Technologien interessieren Sie. Muss sich auch der Skisport erneuern?
Nicht grundsätzlich. Aber es gibt ein paar Überlegungen, die zu machen sind. Zum Beispiel, wann wir Rennen fahren. Nehmen wir die Weihnachtszeit, da sollen die Menschen selber raus auf die Piste gehen und abends, wenn sie nach Hause kommen, sollen sie im TV ein Skirennen schauen können. Wenn man die Möglichkeit hat, Rennen am Abend durchzuführen, sollte man diese Chance packen. Aber natürlich nicht immer. Nehmen wir die Abfahrt hier in Wengen. Wenn schönes Wetter ist und das Bergpanorama wunderbar zu sehen ist, darf man nicht in der Dunkelheit Rennen fahren.

Es heisst, die Abfahrt interessiere immer weniger Leute.
Ich glaube, dass das nicht stimmt. Egal, mit wem ich spreche, alle sind fasziniert davon.

Es gibt schon jetzt mehr Rennen in den technischen Disziplinen. Werden die Speedspezialisten benachteiligt im Kampf um den Gesamtweltcupsieg?
Ja. Sowieso. Nach meiner Ansicht sollt es ausgeglichen sein. Es war in den letzten Jahren oft ein Duell zwischen Marcel Hirscher (ein Techniker; die Red.) und mir um den Gesamtweltcup, und er hat gewonnen. Natürlich wurden zum Beispiel in dieser Saison der Slalom in Levi oder der Riesenslalom in Adelboden abgesagt. Aber wenn eine Abfahrt abgesagt wird, ist es schwieriger, sie nachzuholen. Ich muss aber sagen: Marcel ist brutal gut, er verdient sich die Titel im Gesamtweltcup.

Abfahrten werden nicht nachgeholt, weil es kaum Destinationen gibt, die eine Abfahrt durchführen wollen oder können. Eine Abfahrt ist länger und kostet damit mehr Geld.
Das ist genau so. Aber das ist für mich eine nicht nachvollziehbare Diskussion. Es gibt ja auch die Möglichkeit einer Sprintabfahrt mit zwei Läufen. Natürlich, wenn es anders geht, sollte man es nicht machen. Aber es ist eine Möglichkeit. So schwierig ist das nicht. Das wäre machbar.

Trotzdem: Ein Slalomhang ist, wenn wenig Schnee liegt, schneller bereit.
Okay, stimmt. Vor Weihnachten hat es zuletzt oft wenig Schnee gegeben. Aber im Frühling, nach dem Weltcupfinal im März, gäbe es oft noch einen Monat, in dem gut Ski gefahren werden könnte. Vielleicht ist es zu fest in den Köpfen, dass der Schneesport im Dezember und Januar stattfinden muss. Man will dann viele Rennen. Das verstehe ich. Es ist wichtig für die Skihersteller und für den Tourismus. Aber wenn es schwieriger und schwieriger wird, muss man sich Fragen stellen.

Das heisst?
Entweder wir fahren vor Weihnachten vermehrt in Nordamerika, wo die Pisten auf über 3000 Metern über Meer liegen. Oder wir machen uns Gedanken, ob wir den Kalender anpassen sollten.

Aber das braucht ein Umdenken. In Europa wollen die Menschen im Dezember und Januar Winter. Im April denken sie schon an den Sommer.
Das verstehe ich. Aber vielleicht muss man den Weltcupkalender nur innerhalb der gewohnten Zeit den Verhältnissen anpassen. Wann macht welches Rennen Sinn? Solche Fragen stellte man sich bisher nicht, weil die Rennen ihr gewohntes Datum im Weltcupkalender haben. Auch das in Wengen.

Zurück zur Kritik an der Abfahrt. Aus dem Internationalen Olympischen Komitee werden Stimmen laut, dass man die Abfahrt aus Kostengründen aus dem Programm streichen müsste.
Auch im Olympischen Komitee gibt es dumme Leute. Sind wir doch mal ehrlich: Es heisst, eine Abfahrt sei zu teuer für Olympische Spiele. Gleichzeitig will man mit Olympischen Spielen immer grösser werden, immer teurer. Es geht hinein in riesige Städte, egal ob da ein Skigebiet nahe liegt. Aber es gibt fast keine Mega-Städte, die in der Nähe von Bergen liegen. Was ist jetzt also falsch? Die Olympischen Spiele werden immer teurer oder eine Abfahrt kostet nun mal mehr als ein Slalom?

Glauben Sie, dass sich das nochmals ändert?
Für mich ist klar, Olympische Spiele müssen dort stattfinden können, wo eine Abfahrt stattfinden kann. Sehen Sie, das Volk in Norwegen, Deutschland oder auch in der Schweiz sagt klar Nein zu den gigantischen Spielen. Aber in Norwegen bemüht man sich beispielsweise sehr um die Jugendspiele. Weil diese noch heute den Spirit der Winterspiele haben, wie sie einmal waren. Wenn auch die Olympischen Spiele dereinst wieder so werden, wird auch ein Umdenken bei den Menschen kommen. Das Olympische Komitee ist nun klar gefordert, diese Entwicklungen zu sehen und darauf zu reagieren.

Als Abfahrer leben Sie mit einem grossen Risiko. Macht das süchtig?
Man lernt, mit Risiko umzugehen. Man muss fokussiert bleiben (klopft mit dem Finger an die Stirn).

Sie suchen den Kick und wollen zum Beispiel einen Kampfjet fliegen.
Diesen Traum habe ich mir erfüllt. Ich durfte schon mitfliegen. Aber in solchen Aktionen sehe ich kein Risiko. Wenn ich Dinge tue, die ein höheres Risiko haben, als eine Abfahrt in Kitzbühel zu fahren, dann stimmt etwas nicht. Ski zu fahren ist das Einzige, das ich mache, worin ich Weltspitze bin. Dann kann ich Risiken eingehen. Würde ich andere Dinge tun, die ähnlich riskant wären, wäre ich dumm.

Also suchen Sie nicht den Kick?
Da bin ich fast langweilig. Weil ich so analytisch bin. Ich wäge die Risiken genau ab.

Sie würden aber auch gerne ein Formel-1-Auto fahren.
Das stimmt, das wäre cool. Aber das ist genau so eine Sache, für die man so viel Übung braucht, dass ich das nicht einfach machen könnte. Aber es zu lernen, zu versuchen, das würde mich reizen. Das Schöne ist, dass mir als erfolgreichem Skifahrer überhaupt solche Möglichkeiten geboten werden. Für mich gehen immer wieder Türen auf, die für andere geschlossen bleiben.

Können Sie nach einer Abfahrt entspannt auf das Sofa sitzen und lesen?
Am Abend geht das. Aber gleich nach dem Rennen nicht. Es braucht seine Zeit, bis das Adrenalin abgebaut ist. Das fährt schon ein. Plötzlich ist das Rennen fertig und dieses Gefühl ist brutal. Man merkt das auch. Im Ziel reden alle mit allen. Man ist richtig aufgedreht. Dann sprudeln die Worte. Man kann in diesem Moment nicht ruhig sitzen, man muss etwas tun, zum Beispiel mit anderen sprechen.

Lernt man, das Adrenalin abzubauen?
Ja. Aber wenn du zum Beispiel das erste Mal gewonnen hast, dann pumpt das Adrenalin weiter. Du bist abends zwar sehr müde, kannst aber trotzdem nicht schlafen. Abzuschalten ist dann nicht möglich. Das macht körperlich kaputt, weil es keine Erholung mehr gibt. Und das kann über Tage so gehen. Wer einen ganzen Winter stark fahren will, muss lernen, wie man es schafft, wieder abzuschalten.

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper