VON RICHARD HEGGLIN UND MARTIN PROBST

Unterschiedlicher könnten die Szenen nicht sein. Simon Ammann springt nach seinem Triumph im Gesamtweltcup in die Luft und lässt sich feiern. Er liebt die Aufmerksamkeit und geniesst den Rummel. Unvergessen ist auch, als er nach seinem Olympiasieg in Vancouver Bundespräsidentin Doris Leuthard herzlich drückte. Carlo Janka hingegen taut nicht mal neben Lindsey Vonn auf. Sein Lachenwirkt auch noch gequält, als ihn die sexy Amerikanerin bei der Übergabe der grossen Kristallkugel für den Sieg im Gesamtweltcup herzlich anlächelt. Aber so ist er halt, der «Iceman». Und sind sie in ihrem Auftreten auch noch so verschieden, die Schweiz liebt sie beide – die Helden des Wintersports. Und neigt sich die Karriere von Ammann langsam dem Ende zu, hat Janka noch vieles vor.

Jahrzehntelang dominierten im Ski-Weltcup die Slalom- und Riesenslalom-Spezialisten Ingemar Stenmark oder Alberto Tomba. Dazwischen Universalgenies wie Pirmin Zurbriggen und Marc Girardelli. Und nun kommt Carlo Janka – quasi als Trendsetter eines neuen Ski-Typs. Janka zählt (fast) überall zu den Besten, er ist ein «Zurbriggen light». Im Gegensatz zu Zurbriggen, der viermal die grosse Kugel gewann, weist Janka im Slalom aber Defizite auf. «Das ist meine Achillesferse», sagt er. Auch Zurbriggen feierte in dieser Disziplin zwar «nur» zwei Siege. Janka reicht es aber bestenfalls für eine Qualifikation für den zweiten Lauf.

Aber Janka gewinnt Speedrennen, Riesenslaloms und Kombinationen – dafür reichen seineSlalom-Qualitäten aus. Mit diesem «Paket» ist er Benni Raich klar voraus, der in der Abfahrt mit den Besten nicht mithalten kann und sich mit einem einzigen Saisonsieg begnügen musste – Janka feierte deren sechs.

Diese Eigenschaften, in der Abfahrt und im Riesenslalom regelmässig zu siegen und auch in den Kombinationen aufs Podest zu kommen, besitzen wenige. «Es gibt im Skisport mittlerweile fast zwei verschiedene Sportarten», sagt Peter Lüscher, der erste Schweizer Weltcup-Gesamtsieger aus dem Jahr 1979. «Auf der einen Seite wird Riesenslalom, Abfahrt und Super-G gefahren, auf der andern Slalom». Lüscher war einer der wenigen, der in Abfahrten und Slaloms siegte. Mit Ausnahme von Raich, Silvan Zurbriggen und Ivica Kostelic gibt es mittlerweile unter den ersten 15 im Slalom-Weltcup nur noch Spezialisten.

Deshalb will Cheftrainer Martin Rufener bei Janka das meiste belassen, wie es ist: «Wir wollen Bewährtes nicht verändern. Es hat ja funktioniert. Vom Aufwand her sind Janka zeitliche Grenzen gesetzt.» Dagegen will Rufener eventuell seine Gruppen erweitern und um Marc Gini ein reines Slalom-Spezialistenteam bilden. Dieser Ausbau würde nach seinen Kalkulationen etwa 200000 Franken kosten – ein Betrag, der angesichts des momentanen Höhenflugs durchaus vertretbar scheint.

Im Gegensatz zu den Skispringern verfügt Martin Rufener über ein starkes Team mit Podest-Anwärtern in sämtlichen Disziplinen. Silvan Zurbriggen schaffte es nach Dumeng Giovanoli (Erster 1968) und Paul Accola (Zweiter 1992) als dritter Schweizer unter die ersten drei im Slalom-Weltcup. Während Janka ein starkes Team anführt, ist Simon Ammann fast auf sich allein gestellt. Weltmeister Andreas Küttel war in diesem Winter kaum mehr eine Stütze. Und trotz wohlwollender Selektionskriterien ging der olympische Teamwettkampf ohne Schweizer Vertretung in Szene.

Janka zeigte sich am Tag nach seinem grossen Triumph in erstaunlicher Frische. Nur am Morgen sagte er Interview-Termine ab, weil er sich doch noch müde fühlte. «Eine Feier gehört dazu, das verdiente auch die Mannschaft», meinte er. «Aber es war nichts Spezielles, wir hatten es gemütlich.» Typisch «Iceman». Das grosse Fest in Obersaxen steigt am 17. April – daran kommt er nicht vorbei.

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