Am Donnerstag um 21.05 Uhr wird die Europa League angepfiffen. Im Madrider Stadion Vicente Calderon tritt Atlético zum ersten Spiel an. Vier Tage davor ist ein wesentlicher Punkt aber offen: Wer ist Atléticos Gegner? Eigentlich müsste er FC Sion heissen. Die Walliser hatten in den Playoffs Celtic Glasgow nach Hin- und Rückspiel mit 3:1 geschlagen.

Am Freitag vor einer Woche stiess die Uefa-Disziplinarkommission aber das Verdikt, das auf dem Rasen zustande gekommen war, an einem Sitzungstisch um. Der FC Sion verliert Forfait mit 0:6. Er hat Fussballer eingesetzt, die laut Uefa nicht hätten spielen dürfen. Der Grund ist der Konflikt zwischen Sion und der Fifa. Diese will die neuen sechs Spieler des FC Sion nicht qualifizieren, weil er den Verein mit einer Transfersperre belegt hatte.

Dieser Fall ist noch am internationalen Sportgerichtshof Court of Arbitration for Sport (CAS) in Lausanne hängig. Dass dieses Verfahren so lange dauert, ist für den Winterthurer Experten für Sportrecht, Marco Del Fabro, erstaunlich, «weil der CAS üblicherweise relativ schnell entscheidet und die Angelegenheit doch dringend ist.» Schliesslich läuft die Schweizer Meisterschaft seit acht Runden und in der Europa League müsste spätestens am Donnerstag klar sein, ob Sion oder Celtic in Madrid antritt. Eigentlich sollte ein schnelles Verfahren einer der Vorteil eines Schiedsgerichtes wie des CAS sein. Eine Nachfrage bei dessen Pressestelle offenbart aber das Gegenteil: Am Donnerstag steht nicht einmal ein Termin für eine Verhandlung zwischen den beiden Parteien FC Sion und Fifa fest. Bis wann es einen geben wird, sei unbekannt – von einer Lösung ganz zu schweigen.

Im ganzen Fall wären aber genau die Vorgaben des Lausanner Sportgerichtes fundamental, wie Del Fabro erklärt: «Weil das Verfahren beim CAS hängig ist, hätte die Uefa noch keine Sanktionen aussprechen dürfen, das ist nicht zulässig.» Abgesehen davon sei Sions Ausschluss aus der Europa League auch aus dem zweiten von der Uefa angeführten Grund nicht korrekt. Die blockierten Spieler hatten nämlich am 12. August beim Zivilgericht Martigny eine superprovisorische Verfügung erwirkt, wonach die Swiss Football League provisorische Spielbewilligungen auszustellen hat. Die Uefa sowie die Fifa pochen nun jedoch darauf, dass es verboten sei, in einem Rechtsstreit ein öffentliches Gericht anzurufen. Auch falsch, sagt Del Fabro: Um eine vorsorgliche Massnahme durchzusetzen, sei dies durchaus erlaubt. Der Anwalt stützt sich dabei auf die Statuten der Fifa, die solches zulassen, wenn eine zwingende Gesetzesbestimmung dies vorsieht. Somit haben die Spieler vollkommen korrekt gehandelt.

Die Folgegeschichte ist einfach: Der FC Sion wiederholt den Gang ans Zivilgericht und ficht den Ausschluss von der Europa League an. Den ersten Schritt machte Präsident Christian Constantin vor das Walliser Kantonsgericht. Am Donnerstag stand bereits die Niederlage fest: Das Gesuch habe zu wenig mit dem Kanton zu tun. Doch der nächste Schachzug ist bereit. Constantin klagt im Kanton Waadt, weil die Uefa ihren Sitz in Nyon hält. Und damit dürfte «CC» in diesem Zwischenverfahren gute Chancen auf einen Sieg haben, wie Del Fabro sagt: «Die Wahrscheinlichkeit ist ziemlich gross, dass ein Richter der Uefa sagt, dass Sion wieder in der Europa League aufgenommen werden muss.» Zeitlich ist es möglich, dass die vorsorgliche Verfügung vor der Partie von Donnerstag erlassen wird. Constantin hat den Flug nach Madrid bestätigt – auch die Reisen nach Rennes und Udine zu den anderen Partien.

Denn sollte der FC Sion wieder Unterschlupf in der Europa League finden, dürfte er – da Spieler mit einer gültigen Lizenz mitwirkten – nicht mehr verbannt werden, selbst wenn der CAS der Fifa recht geben sollte, was Del Fabro für wahrscheinlich hält. «Dann dürfte Sion aber in sämtlichen Wettbewerben die neuen Spieler ab sofort nicht mehr einsetzen», so Del Fabro. Die Uefa könnte zudem Sanktionen aussprechen. Neben einer hohen Geldbusse wäre ein Ausschluss von den europäischen Wettbewerben denkbar. Die Uefa wäre aber gut beraten, einen allfälligen Ausschluss für künftige Spielzeiten anzuordnen, denn sonst drohe der laufende Wettbewerb in einer weiteren Verfahrensflut zu ertrinken, wie Del Fabro weiter meint. Wie Christian Constantin auf ein solches Urteil reagieren würde, das ist jetzt schon zu erahnen.

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