In der öffentlichen Wahrnehmung liegen Sie um 8 Uhr noch im Bett.
Murat Yakin: Ich bin seit 6.30 Uhr wach. Der Morgen ist für mich die schönste Zeit des Tages.

Hat die Öffentlichkeit ein falsches Bild von Ihnen?
Wahrscheinlich schon.

Womit hängt das zusammen?
Irgendwann wurde mir die Etikette des genügsamen Talents angehängt. Und weil viele Menschen in der Vergangenheit leben, haben sie immer noch dieses Bild von mir präsent. Dass Talent alleine nicht reicht, habe ich gegen Ende meiner Fussballer-Karriere gelernt.

Wäre Ihre Spieler-Karriere anders verlaufen, wenn Sie früher zu dieser Erkenntnis gelangt wären?
Auf dem Platz war meine Einstellung zum Beruf immer tadellos. Aber offenbar hat das nicht gereicht. Ich weiss, was harte Arbeit ist. Und trotz meiner teilweise legeren Art bin ich immer konzentriert, zielstrebig und aufmerksam. Aber was wirkt am stärksten nach? Was bleibt am längsten in den Köpfen haften? Das Negative.

Kämpfen Sie dagegen an?
Nein. Entscheidend sind der Erfolg und das Bewusstsein, dass ich mich in einem Haifischbecken bewege. Darin lässt es sich mit einer gewissen Abgeklärtheit viel besser leben und arbeiten. Kürzlich wurde ich bei einem Talk gefragt, ob ich Panik vor einer Entlassung habe. Nein, antwortete ich. Ich stehe am Morgen auf und denke, dass ich wieder einen absolut fantastischen Tag erleben werde.

Auch nach einer Niederlage?
Ja. Die Verarbeitung ist schon wichtig. Aber je schneller man diese vollzogen hat, desto grösser ist die Lebensqualität. Mein liebstes Sprichwort lautet: Gewinner haben Strategien, Verlierer haben Ausreden.

Es vergeht kaum ein Tag ohne eine Schlagzeile über Sie. Kürzlich wurde ein alter Musik-Clip ausgegraben, in dem Sie einen Gast-Auftritt haben. Was genau hat Sie so genervt an dieser Aktion?
«Blick.ch» hat mich als «Schweiz-Türke» betitelt. Das hat mich genervt. Da kommt einer, hat Erfolg als Fussballer und nachher trotz seiner offenbar legeren Art auch Erfolg als Trainer. Und der gleiche Typ macht solche Clips, fährt ein tolles Auto und trägt eine schicke Uhr. Wahrscheinlich passe ich einfach nicht in das Bild, welches einige Journalisten von einem Schweizer Trainer haben.

Ist Ihre Herkunft ein wunder Punkt?
Nein, überhaupt nicht. Ich bin stolz auf meine türkische Herkunft. Aber es kommt auf den Ton an. Und diesen empfand ich in jenem Artikel als sehr diskriminierend.

Werden Sie teilweise noch immer nicht als Schweizer akzeptiert?
Komisch finde ich, wenn Leute noch heute mit mir Hochdeutsch sprechen wollen. Wir Südländer reagieren vielleicht etwas sensibler auf solche Dinge. Aber diese Sensibilität hilft mir in meinem Beruf als Trainer. Wichtig ist, dass man auch in solchen Momenten nicht emotional reagiert.

Ist die Behauptung abwegig, dass Trainer wie Komornicki oder Petkovic allein schon wegen ihres Namens nicht die gleichen Chancen haben wie ein Meier oder Müller?
Das ist zwar erschreckend, aber leider sehr wahrscheinlich. Wir spüren das täglich. Viele aus meinem Freundeskreis, die ausländischer Herkunft, aber in der Schweiz aufgewachsen sind, bezahlen allein wegen ihres Namens höhere Versicherungsprämien als ein Meier oder Müller.

Wie können Sie etwas dagegen tun?
Indem ich solche Projekte wie den Musik-Clip unterstütze. Mich haben dabei besonders die beiden Gegensätze fasziniert. Einerseits der Glamour mit der protzigen Limousine, andererseits die Bescheidenheit des Kebab-Verkäufers.

Auch im Fussball präferieren Sie offenbar die Gegensätze. Die Spielphilosophie Ihrer Teams lässt sich am besten mit «Chaos und Ordnung» umschreiben.
Chaos und Ordnung – wie ich selbst. Das ist ein Abbild meines Charakters. Schliesslich muss ein Trainer auch authentisch sein. Ausserdem geht es im Fussball darum, den Gegner zu verwirren, ohne dabei die eigene Ordnung zu verlieren. Das braucht zwar Geduld, ist aber nachhaltig, wie man am Beispiel des FC Thun sieht. Es macht mir Freude, wie sich Thun auch in dieser Saison präsentiert. Und auch beim FC Luzern scheint es nun zu klappen.

Selbst Ihren Bruder Hakan haben Sie am Anfang mit «Chaos und Ordnung» überfordert.
Ja, er hatte extrem Mühe, seine Position zu finden. Das klappte erst, nachdem sein Abgang feststand. Aber ich habe immer an Hakan geglaubt und mich deshalb für ihn und gegen Nick Proschwitz (er wechselte zu Paderborn, wo er in der 2. Bundesliga mit 17 Treffern Torschützenkönig wurde; die Red.) entschieden. Das war ein unpopulärer Entscheid.

Fällt es Ihnen leicht, solche Entscheide zu fällen?
Sagen wir es so: Es gehört zum Trainerberuf. Und ich war gezwungen, dies zu lernen. Denn meine Anforderungen an die Spieler sind extrem hoch.

In welchem Bereich?
In jedem Bereich. Wahrscheinlich bin ich aber zu fordernd. Den perfekten Spieler werde ich in einem Verein wie Thun oder Luzern nie bekommen. Aber ich bekomme in diesen Vereinen Spieler, die in einem Bereich meine Erwartungen erfüllen. Als ich nach Thun kam, habe ich mich bewusst um fünf, sechs Spieler des FC Basel bemüht, die dort keine Perspektiven hatten. Und ich habe bewusst in Kauf genommen, dass sie technische und taktische Defizite haben. Aber ich wusste auch, dass sie als ehemalige FCB-Junioren nichts anderes als Platz 1 kennen.

Unpopuläre Entscheidungen zu treffen, scheint Ihnen heute leichter zu fallen. Neben Proschwitz und ihrem Bruder Hakan haben Sie sich in Luzern auch von Ianu, Siegrist, Kibebe und Luqmon getrennt.
Wenns nach mir ginge, wäre es schon viel früher zu gewissen Trennungen gekommen. Jetzt sind wir personell dort, wo ich sein will.

Auch mit Daniel Gygax und Nelson Ferreira?
Die beiden tun der Mannschaft gut, sind keine negativen Typen. Es ist verständlich, dass sie Zeit gebraucht haben, um ihre neue Situation zu akzeptieren. Vor meiner Zeit in Luzern war schon am Dienstag klar, dass sie am Wochenende spielen werden. Nun ist ein Trainer da, der ihnen auch mal auf die Füsse tritt. Das war neu für sie.

Nachdem Nico Siegrist zum FC Aarau ausgeliehen wurde, hat er verbal nachgetreten. Wie gehen Sie damit um, wenn Ihnen ein 21-Jähriger öffentlich die Sozialkompetenz abspricht?
Null Problem. Aber es müssen dann auch Taten folgen. Ich war auch mal so jung wie Siegrist heute. Und ich war noch rebellischer.

Siegrist haben Sie also nicht abgeschrieben?
Nein, überhaupt nicht. Aber er muss den Willen zeigen, sich verbessern zu wollen.

YB, GC, FCZ und FCB – überall, wo ein neuer Trainer gesucht wurde oder noch gesucht wird, ist Ihr Name mit im Spiel. Was Ihnen nicht nur positiv ausgelegt worden ist.
Ich kann das nicht ändern.

Aber Sie könnten klaren Tisch machen und sagen: Hey Leute, ich hätte zum FCB gehen können, habe mich aber für Luzern entschieden.
Ja. Meinen Sie, das käme gut rüber? Oder ist es nicht so rübergekommen, dass ich mich für Luzern entschieden habe?

Nein. Es kam so rüber, dass Sie trotz Vertrag in Luzern mit dem FCB geliebäugelt haben, sich der FCB aber für Heiko Vogel entschieden hat.
Die Zeit läuft mir nicht davon. Es wäre für mich der falsche Zeitpunkt gewesen, um zum FC Basel zu wechseln.

Jetzt sucht YB einen Trainer. Ist das eine Option für Sie?
Auch Sion sucht einen Trainer. Der Markt ist offen. Wenn man um einen Titel spielen und sich an einem anderen Ort verbessern kann, ist ein Wechsel immer eine Option. So habe ich auch als Spieler funktioniert. YB wird in der nächsten Saison jedenfalls ein ernsthafter Titelkandidat sein. Aber was meine Person betrifft, kann ich nichts sagen. Schliesslich passt es für mich beim FC Luzern.

Bei YB hätten Sie die Gewissheit, vorne mitzuspielen. Das würde für einen Wechsel sprechen.
Auch Luzern kann in einzelnen Spielen mit dem FC Basel mithalten. Aber man muss schon sehen, dass wir in Luzern am Anfang der Saison fürstlich belohnt worden sind. Ich habe nach jedem Sieg ein Kreuz an die Decke gemacht. Denn mir war stets klar, dass unser Spiel noch nicht so gut ist, wie die Tabelle suggerierte (Luzern kassierte erst im elften Spiel die erste Niederlage; die Red.). Es war klar, dass die Erwartungshaltung zunehmen würde, wir aber wichtige personelle Entscheidungen zu treffen hatten. Trotz einiger unvorhergesehener Situationen bin ich mit dem Verlauf der Saison sehr zufrieden.

Am Mittwoch treffen Sie im Cupfinal zum fünften Mal in dieser Saison auf den FC Basel. Sehen Sie noch eine Möglichkeit, die Basler taktisch zu überraschen?
Die taktische Überraschung ist uns im Halbfinal gelungen. Dieses Spiel in Sion war wie ein Cupfinal. Wir haben den Cup-Mythos der Walliser besiegt. Wenn Frei und Streller nach dem Final sagen, wir hätten zu defensiv gespielt, weil sie zu keinen Chancen gekommen sind, haben wir unsere Aufgabe erfüllt. Aber überraschen? Ich weiss nicht. Sicher ist, dass die Basler auch vor uns Respekt haben. Ihr Spiel hat sich in dieser Saison stark verändert. Unter Thorsten Fink waren sie auf Ballbesitz ausgerichtet. Unter Heiko Vogel spielen sie etwas defensiver.

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