Es ist eine der schlimmsten Niederlagen, die der SC Bern im 21. Jahrhundert erlitten hat. Die Blackouts von Torhüter Marco Bührer haben beim SCB im 16. Playoff-Spiel dieser Saison den ersten Systemausfall ausgelöst. Der zweite «Matchpuck» ist verspielt. Der Titel wird am Dienstag im siebten Spiel vergeben. Gestern waren die Berner erstmals nicht mehr dazu in der Lage, durch Kraft, Härte, Wasserverdrängung und Disziplin das gegnerische Spiel dauerhaft zu ersticken und zum Stillstand zu bringen.

Was ist passiert? Das donnerstägliche 1:2 durch ein haltbares Verlängerungstor von Mathias Seger hat das Selbstvertrauen der Mannschaft erschüttert und Torhüter Marco Bührer zum Lottergoalie gemacht. Von allem Anfang an war gestern zu spüren, dass etwas in der Luft liegt. Bereits in der ersten Minute trifft ZSC-Verteidiger Steve McCarthy den Pfosten. Das SCB-Defensivsystem hält noch. Aber es zeigen sich Risse und im zweiten Drittel fliegt es auseinander. Das 1:0 hätte ein durchschnittlicher Goalie verhindert. Das 2:0 und das 4:2 hätte ein grosser Torhüter nicht kassiert. Zwingend sind nur das 3:0, das 5:3 und definitiv das 6:3 ins leere Gehäuse.

Nach dem 5:3 wird Marco Bührer vom Eis geholt und durch Olivier Gigon ersetzt. Zum ersten Mal in seiner Geschichte muss ein SCB-Coach seinen Goalie im Final auswechseln. Jede Defensiv-Taktik ist halt nur so gut wie der Torhüter, der sie absichert. Mit einem Lottergoalie funktioniert Antti Törmänens Ant(t)i-Hockey nicht. Marco Bührer erreichte gestern bloss eine Fangquote von 79,20 Prozent. Gut ist nur eine Quote ab 90 Prozent.

War es ein Fehler, Bührer vom Eis zu holen? SCB-Coach Antti Törmänen sagt, es sei eine taktische Massnahme gewesen. Aber ein ungeschriebenes Gesetz sagt, dass in solchen Situationen dem Goalie niemals durch eine Auswechslung das Vertrauen entzogen werden darf. Auch Bob Hartley hat seinen Torhüter gewechselt. Aber im Triumph. 32 Sekunden vor Schluss schickt er Ari Sulander zum allerletzten Einsatz im Hallenstadion aufs Eis. Ja, dieser würdige Abgang von Ari Sulander war möglicherweise ein entscheidender Motivationskick für die ZSC Lions: Die Spieler wussten, dass dieser Abschied nur bei frühzeitiger Entscheidung möglich sein würde. Und sie taten alles, um diese Entscheidung herbeizuführen. In diesem Finale der Lottergoalies hatte Ari Sulander alleine durch seine Präsenz mehr Einfluss als Lukas Flüeler und Marco Bührer durch ihre Paraden.

Oder hatte der SCB keine Chance, weil die ZSC Lions einfach zu gut waren? Nein, so ist es nicht. Die Mutter der SCB-Niederlage ist die durch Lottergoalie Marco Bührer ausgelöste Verunsicherung. Der SC Bern hat in diesem Final ständig am Limit gespielt und ist von Marco Bührer im Spiel gehalten worden. Die ZSC Lions waren immer mehr oder weniger auf Augenhöhe. Deshalb entstand ja diese spielerische und taktische Patt-Situation, dieses schlimme Defensivhockey. Zwar flackerten hin und wieder die Alarmlichter. Aber zu einem Systemausfall kam es in den ersten fünf Partien nie. Die Berner verdankten ihre scheinbar vorentscheidende 3:1-Führung nicht einer zwingenden spielerischen Überlegenheit oder einer besseren Taktik. Sie kamen in diese komfortable Ausgangslage, weil Marco Bührer weniger Fehler gemacht hatte als ZSC-Torhüter Lukas Flüeler.

Doch der Griff nach dem Titel, der entscheidende vierte Sieg, ist dem SCB nicht gelungen. Nicht am Donnerstag vor eigenem Publikum (1:2 n.V.) und nicht gestern Abend in Zürich. Auch 2010 hat der SCB eine 3:1-Führung im Final preisgegeben und dann den Titel im 7. Spiel geholt. Doch die ZSC Lions sind eine Nummer grösser als damals Servette.

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