Usain Bolt weiss, was er dem Publikum schuldig ist. Bei seinem ersten Auftritt auf der blauen Bahn von Daegu präsentierte er sich so, wie man ihn kennt. Ein lockerer Flirt mit den Zuschauern, eine kurze Phase höchster Konzentration, eine rasche Beschleunigung zwischen 20 und 50 Meter, ein Kontrollblick zur Seite, Auslaufen über die Ziellinie nach 10,10 Sekunden. Damit hatte er die Pflicht erledigt, ohne ernsthaft gefordert worden zu sein.

Die Finalläufe von heute lassen Variationen desselben Bildes erwarten. Es ist kaum vorstellbar, dass sich Usain Bolt an der Titelverteidigung hindern lässt. Zwar ist der Übersprinter nicht in jener Form, in welcher er bei den Olympischen Spielen in Peking und bei den Weltmeisterschaften 2009 in Berlin die Konkurrenz in Grund und Boden lief und je drei Goldmedaillen gewann. «Ich kann hier nicht Weltrekord laufen, aber ich bin schnell», verspricht der 25-jährige Jamaikaner. «Ich befinde mich nach meiner Verletzung in einer Comeback-Saison, aber ich habe hart daran gearbeitet, zur Topform zurückzukehren.» Bolt macht kein Geheimnis daraus, wie wichtig es ihm ist, seine Titel zu verteidigen. Er hat ein klares Ziel: «Ich will zur Legende werden», sagt er. «Daegu ist nur der erste Schritt dazu, der zweite wird Olympia in London sein.»

Dass er in diesem Jahr mit einer Bestzeit von 9,88 Sekunden zu Buche steht, die drei Zehntel über seinem Weltrekord von Berlin (9,58) liegt, dürfte Bolt nicht allzu sehr beunruhigen. Mehrere seiner Konkurrenten sind zwar schon ebenso schnell gelaufen, im direkten Vergleich ist der Weltrekordhalter 2011 aber noch ungeschlagen. Und hinterliess dabei jeweils nicht den Eindruck, als könnte er sich nicht noch ein wenig steigern, wenn es denn unbedingt notwendig wäre.

Die vier Saisonschnellsten stehen in Daegu nicht einmal am Start: Asafa Powell (9,78/Jamaika) und Tyson Gay (9,79/USA) sind verletzt. Steve Mullings (9,80/Jamaika) und Mike Rodgers (9,85/USA) wegen Dopings gesperrt. Die vierte WM-Goldmedaille liegt für Usain Bolt auf dem Serviertablett bereit. Ob einer der Abwesenden in der Lage gewesen wäre, den Titelverteidiger wirklich herauszufordern, muss Spekulation bleiben. Es ist aber zumindest zu bezweifeln. Usain Bolt ist die Lichtgestalt der Leichtathletik. Wer nun genau in seinem Schatten läuft, ist von zweitrangiger Bedeutung.

Wo Bolt auftritt, sind alle Blicke auf ihn gerichtet. Seine sportliche Dominanz ist nur einer Faktoren, die zu seinem Ausnahmestatus betragen. Die Rekordläufe von Peking und Berlin, mit denen er die Grenzen des Menschenmöglichen neu definierte, bleiben zwar aus der zeitlichen Distanz von zwei bzw. drei Jahren eindrücklich. Ohne sein Showtalent, mit dem er ein Stadion mit wenigen Bewegungen für sich einzunehmen weiss, wäre er nicht der Star, der er ist.

Seine Disziplin, der Sprint, bietet ihm zudem eine perfekte Bühne. Galten die Zehnkämpfer einst als Könige der Leichtathletik, haben sie im TV-Zeitalter an Bedeutung verloren. Der 100-m-Lauf mit seinem einfachen Format und geringen Zeitbedarf lässt sich dem Fernsehpublikum schlicht besser verkaufen als ein zweitägiger Mehrkampf.

Für die angeschlagene Leichtathletik ist Bolt ein Glücksfall. Die Stars sind dünn gesät neben ihm – und das nicht, weil es neben ihm keinen Platz mehr hätte. Die ausserordentliche Fixierung auf eine Figur birgt für seine Sportart aber auch ein Risiko: Der Imageschaden für die Leichtathletik wäre immens, sollte Bolt dereinst des Dopings überführt werden. Victor Conte, der Hauptakteur im Balco-Skandal um Sprinterin Marion Jones und 16 weitere gesperrte Athleten, äusserte diese Woche «grosse Zweifel» an Bolts Sauberkeit. «Er hat seine persönlichen Bestzeiten viel zu schnell verbessert», sagte Conte in der schwedischen Zeitung «Aftonbladet».

Mit Zweifeln hat die Leichtathletik zu leben. Und dennoch darf sie sich freuen auf Bolts Auftritt im Finallauf, mit dem der Blitz aus Jamaika der Unsterblichkeit wieder hundert Meter näher kommen kann. Mehr als eine Milliarde Menschen soll heute nach Schätzungen des Weltverbandes IAAF nach Daegu blicken. «Damit habe ich kein Problem», sagt Bolt. «Ich konzentriere mich aufs Gewinnen.»

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