Das Zürcher Hallenstadion ist ein geschichtsträchtiger Ort. Seine Fassade untersteht dem Denkmalschutz. Als es am 4. November 1939 eingeweiht wurde, stürzte Europa gerade in die grösste Katastrophe der Neuzeit. Erbaut wurde die Arena als Sportstadion – um den Radrennfahrern auf der benachbarten offenen Rennbahn ein Dach über den oft verregneten Köpfen zu geben.

Zu dieser Zeit war Oerlikon noch weit weg vom Stadtzentrum – und der Norden Zürichs fest im Griff der Kleinunternehmer und Lokalfürsten. Dazu gehörte Paul Wüger senior. Der umtriebige Gastronom, der den Restaurantbetrieb auf der offenen Rennbahn führte, übernahm von Hallenstadion-Initiant und Bauunternehmer Oscar Bonomo die Gastronomierechte in der neuen Arena. Von Catering oder Marketing sprach damals noch niemand. Der 1930 gegründete Zürcher Schlittschuh-Club spielte auf dem Dolder.

Der ewige Hallenstadion-Wirt
Seit der Hallenstadion-Eröffnung sind 77 Jahre ins Land gezogen. Die Menschheit landete auf dem Mond, erfand das Internet und überlebte den einen oder anderen Börsencrash. Der Zürcher Schlittschuh-Club verschwand von der Bildfläche und tauchte als ZSC Lions wieder auf. Das Hallenstadion wurde totalsaniert. Nur etwas ist geblieben: Die Familie Wüger wirtet in der grössten Schweizer Mehrzweckhalle und verdient mit dem Hunger und Durst der Eishockey-Fans jenes Geld, das die ZSC Lions gerne in ihre Tasche stecken möchten – ähnlich wie die Konkurrenz. Der SC Bern schreibt mit seiner Gastro AG und rund 20 Restaurationsbetrieben seit Jahren schwarze Zahlen. Der EHC Kloten verköstigt seit dieser Saison neben den Eishockeyzuschauern die Gäste in der benachbarten Badeanstalt auf eigene Rechnung.

Nur in Zürich fliesst das Bier in die andere Richtung. Am Zapfhahn steht die Familie Wüger. Mit 37 Prozent Aktenanteil ist sie nach der Stadt Zürich (39 Prozent) die wichtigste Kraft in der Hallenstadion AG – und als Besitzerin der Hallenstadion Gastronomie hat sie quasi das ewige Verpflegungsmonopol. Diese Konstellation verhinderte, dass bei der Renovation des Hallenstadions 2004/2005 die Cateringrechte neu ausgeschrieben wurden.

«Es ist für uns unter den jetzigen Voraussetzungen nicht möglich, kostendeckend zu arbeiten», sagt ZSC-Lions-CEO Peter Zahner, «wenn wir so weitermachen müssen, gibt es unsere Organisation in fünf bis zehn Jahren in der jetzigen Form nicht mehr.»

Zahners Worte sind nicht ohne politischen Hintergrund. Am kommenden Sonntag entscheiden die Stadtzürcher Stimmbürger über den Bau eines neuen Eishockeystadions für die ZSC Lions in Altstetten. Das Projekt ist weitgehend privat finanziert. Von der Stadt kommt eine Betriebsbeteiligung in der Höhe von zwei Millionen Franken pro Jahr.

Keine Konzerte in der neuen Arena
Exakt diese Summe spielt den Gegnern in die Karten. Und paradoxerweise entsprang sie indirekt einem Diktat der öffentlichen Hand. Denn mit diesem Zuschuss verbindet die Stadt Zürich die Bedingung an die ZSC Lions, dass diese in ihrer neuen Heimstätte keine Konzerte organisieren – und so in direkte Konkurrenz zum Hallenstadion treten. Diese Fussfessel trübt die Aussichten auf eine ausgeglichene Rechnung. Walter Hennecke, langjähriger Verwaltungsrat der Hallenstadion AG und als früherer Direktor der Garage Zürich Nord wichtiger Sponsor im Zürcher Eishockey, prognostiziert dem ZSC in der neuen Heimat keine sorgenfreie Zukunft: «Allein mit dem Catering macht man keinen Gewinn. Eine Rendite ist nur mit dem Hallenbetrieb möglich – und durch das Wegfallen von Konzerten wird es schwierig.» Hennecke nimmt die Stadtregierung in die Verantwortung: «Sie hat die Interessen für den Sport nie wahrgenommen – auch nicht durch ihre Vertreter im Hallenstadion-Verwaltungsrat.» Aus diesem Grund trat Hennecke im Februar 1999 aus dem Aufsichtsorgan zurück: «Die Hallenführung drängte den ZSC immer weiter zurück. Sie wollte mehr Riverdance und weniger Eishockey», sagt er.

Peter Zahner hofft in der neuen Lions-Heimat trotzdem auf einen fröhlicheren Tanz: «Der Gesamtbusinessplan mit Auslastung, Gastronomie und Drittverwertung wurde von den Investoren und von der Stadt Zürich genau überprüft.» Ausserdem wollen die Lions als Mantelnutzung eine Fläche von 6000 Quadratmetern an die Medizinbranche vermieten – an Spitäler, die im Stadion Therapieräume, Rehabilitationszentren und Behandlungseinrichtungen extern unterhalten.

Durstige Fans
Für die wirtschaftliche Gesundheit wäre der Auszug aus dem Hallenstadion für die ZSC Lions eine Befreiung. Während die betuchten Verwaltungsräte Emil Frey und Peter Spuhler jährlich ein strukturelles Defizit von drei bis vier Millionen Franken decken, müssen sie auch in dieser Saison mitansehen, wie ihnen das Geld durch die Hände rinnt – im wahrsten Sinn des Wortes. Eishockeyfans sind nämlich durstiger als Konzertbesucher. Vom Cateringumsatz, der an den Lions-Heimspielen (defensiv) gerechnet pro Saison eine Million Franken beträgt, erhält der Klub vom Hallenstadion nur bessere Almosen (150 000 Franken).

Dazu kommt, dass in der jetzigen Situation gewisse Kooperationen ausgeschlossen sind: Feldschlösschen kündigte just im Meisterjahr 2008 das Sponsoring mit den Lions (in der Höhe von 250 000 Franken) mit der Begründung, dass man bereits einen Vertrag mit dem Hallenstadion besitze. Auch Sponsoring-Geschäfte mit Elektronik-Konzernen sind für den Klub nicht möglich. Denn das Hallenstadion setzt auf Samsung. Die Konkurrenz schaut in die Röhre.

Ob im neuen Stadion alles besser wird, bleibt abzuwarten. Auf jeden Fall erhielten die ZSC Lions die Terminhoheit und müssten sich nicht mehr wie Gäste in der eigenen Heimat fühlen. Als sie 2009 sensationell die Champions League gewannen, mussten sie Halbfinal und Final in Rapperswil-Jona spielen, in den Halbfinalspielen des Schweizer Cups 2015 und 2016 hatten sie das Heimrecht jeweils ohne Gegenleistung an den SC Bern abzutreten: «In der Champions League entging uns so rund eine Million Franken – im Cup waren es zweimal rund 400 000 Franken», rechnet Zahner vor.

Damit soll ab 2022 Schluss sein. Wenn in der Stadt Zürich kein Luftschloss, sondern ein Eishockeystadion gebaut wird, erhält der Klub eine faire Chance, an der eigenen Popularität zu partizipieren. Eine Woche vor der entscheidenden Volksabstimmung macht nur der Name des Projekts stutzig: «Theatre of Dreams». In der Zürcher Stadionplanung wurde in diesem Jahrtausend noch jeder Traum zum Albtraum.

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