Diktatoren geben sich nur mit dem Maximum zufrieden. Und wenn sich einer von ihnen plötzlich für Fussball interessiert, heisst das nicht weniger als das: Der Weltmeistertitel muss her. In Nordkorea wird dem abgeschotteten Volk von der Propaganda-Maschinerie zwar eingebläut, ihre Nationalmannschaft sei die stärkste und tapferste der Welt. Doch Bilder, wie die Spieler den goldenen WM-Pokal in die Luft strecken, können den Menschen keine gezeigt werden.

Eine Schmach für Machthaber Kim Jong Un, der das schlechte internationale Image seines Regimes mit Sport aufbessern will. Also hat er sich persönlich des Projekts «WM-Titel» angenommen und in der Hauptstadt Pjöngjang eine hochmoderne Fussballschule aus dem Boden stampfen lassen. Mit klaren Vorgaben: Die Spieler, die dort produziert werden, sollen einmal besser sein als Lionel Messi.

Die Ziele formuliert Akademieleiter Ri Yu Il gegenüber dem deutschen Sportinformationsdienst: «Ich denke, Asien sollten wir langsam, aber sicher dominieren. Und ich hoffe, dass wir in naher Zukunft auch die Welt beherrschen.»

Die Akademie braucht sich vor den modernen Pendants im Ausland nicht zu verstecken. Den Kindern von 9 bis 15 Jahren stehen sieben Fussballplätze zur Verfügung, bei schlechtem Wetter kann sogar auf einem überdachten Platz trainiert werden. Es gibt Klassenräume, eine Kantine, Ruheräume und auch einen Computerraum. Zu diesem heisst es: «Das Internet ist für die Schüler frei.» Ob sie wirklich Zugriff haben, bleibt indes unklar. Das Internet ist in Nordkorea normalerweise nur Ausländern und einem kleinen Kreis von Privilegierten erlaubt.

Die Späher der Akademie reisen in alle Provinzen des Landes, um potenzielle neue Schüler auszuwählen. Die Eltern müssen ihre Kinder gehen lassen –Widerstand ist zwecklos. Wenn sie nach Pjöngjang kommen, werden die Kinder zunächst einem Fitness- und Intelligenztest unterzogen. Derzeit leben knapp 200 Kinder in der Akademie, darunter 80 Mädchen. Der Drill ist brutal. Jahr für Jahr werden Nachwuchsspieler wieder nach Hause geschickt, weil sie die strengen Leistungsvorgaben nicht erfüllen. Für Trainer Ri ein normaler Vorgang: «Es ist zwangsläufig so, dass untalentierte Spieler ausscheiden.»

Erste Erfolge zeichnen sich ab. Vorderhand jedoch nur im Frauenfussball: Die U20-Nationalmannschaft gewann an der WM an Papua-Neuguinea, die vor zwei Wochen zu Ende ging, den Titel im Final gegen Frankreich. Die Heldinnen wurden mit einer Parade durch Pjöngjang geehrt, weil sie dem Land viel Ruhm beschert hatten. Auch das A-Team der Frauen profitiert vom Drill der heimischen Akademie und erreicht an den Asien-Meisterschaften regelmässig Spitzenplätze.

Der Anruf aus München
Ganz anders die Männer. Sie hinken weit hinterher: Seit dem Vorrunden-Out 2010 hat sich die Herrenmannschaft nicht mehr für eine WM qualifiziert. Auch für 2018 muss Kim Jong Un seine Träume begraben: Nordkorea ist in der Ausscheidung für das Turnier in Russland früh gescheitert. In der Weltrangliste liegt Nordkorea auf Platz 121 – hinter Ländern wie Swasiland, den Philippinen oder Botswana.

Die Folge: Kim Jong Un und die Fussballoberen in Nordkorea sind über ihren Schatten gesprungen und haben sich Hilfe ins Land geholt. Aus Norwegen in der Person von Jörn Andersen. Er ist der erste Ausländer seit dem Ungarn Pal Csernai Anfang der 1990er-Jahre, der Nordkoreas A-Nationalmannschaft trainiert.

Und Andersen ist in der Schweiz alles andere als ein Unbekannter: Der Blondschopf liess seine Karriere bei Lugano, Locarno und dem FCZ ausklingen, um anschliessend seinen ersten Trainerjob im Nachwuchs des FC Luzern anzunehmen (2001–2003). Später schaffte Andersen mit Mainz 05 den Aufstieg in die 1. Bundesliga und war zuletzt bei Austria Salzburg unter Vertrag, bevor ihn im Frühjahr 2016 ein Anruf erreichte: Am anderen Ende der Leitung war ein Mittelsmann einer Münchner Firma, die Fussballtrainer vermittelt. Ob er sich vorstellen könne, die Nationalmannschaft von Nordkorea zu übernehmen, wurde Andersen gefragt. Nach einigen Wochen Bedenkzeit sagte er zu.

Andersen hat seither mehrere Interviewanfragen abgelehnt, bis er vergangene Woche doch zusagte. Die Bedingung: Kein Treffen, kein Telefongespräch – die Fragen müssen ihm per E-Mail geschickt werden und werden auch auf diesem Weg beantwortet.


Jörn Andersen, warum haben Sie den Job in Nordkorea angenommen?
Jörn Andersen: Ich habe mich nach der Anfrage lange mit meiner Familie und Freunden beraten und mich dann dazu entschlossen, die spannende Aufgabe anzunehmen. Der Reiz liegt vor allem darin, etwas bewegen zu können – mehr als an vielen anderen Orten auf der Welt.

Warum hat man Sie ausgewählt?
Das müssen Sie die Personen vom Fussballverband fragen. Ich bin jedenfalls sehr glücklich, hier sein zu dürfen.

Etliche Institutionen, darunter die UNO, beklagen massive Verletzungen der Menschenrechte in Nordkorea. Die Menschen würden unterdrückt und im Land eingeschlossen. Hatten Sie keinerlei Skrupel, den Job anzunehmen?
Wissen Sie, in den Medien steht viel Unwahres. Ich habe in der Zeit, die ich hier verbracht habe, von diesen Unterstellungen überhaupt nichts mitbekommen. Im Gegenteil: Ich lerne fröhliche und zufriedene Menschen kennen.

Einem Nordkoreaner ist es nicht erlaubt, einfach so die Landesgrenzen zu übertreten. Wie ist das bei Ihnen? Dürfen Sie ohne Hürden ein- und ausreisen?
Selbstverständlich.

Wenn Sie das Land verlassen – werden Sie dann von einem Staatsangestellten begleitet?
Sicher nicht. Ich kann mich im Land und ausserhalb frei bewegen und habe keinen Begleitschutz.

Welche Rolle spielte Diktator Kim Jong Un bei Ihrer Einstellung? Hatten Sie Kontakt mit ihm?
Nein – warum sollte ich? Ich bin nicht hier, um Politik zu machen. Mein Job ist es, den Fussball im Land zu verbessern.

Wohnen Sie in Nordkorea oder reisen Sie nur für die Zusammenzüge der Nationalmannschaft ins Land?
Selbstverständlich wohne ich hier. Ich lebe mit meiner Frau und mit unserem Hund in einem tollen Hotel mitten in der Hauptstadt Pjöngjang. Ich bin nur weg, wenn wir mit der Nationalmannschaft unterwegs sind.

Wie oft trainieren Sie mit dem Nationalteam?
Jeden Tag zweimal.

Gibt es keinen Ligabetrieb?
Doch, es gibt eine 1. Liga mit elf Mannschaften. Aber die Trainings finden mit der Nationalmannschaft statt.

Es gibt nur sehr wenige nordkoreanische Spieler, die ausserhalb der Heimat spielen. Was bedeutet das für Ihre Arbeit?
Es gibt hier sehr viele sehr talentierte Spieler. Aber leider dürfen sie nicht ausreisen. Wenn sie nur in Nordkorea spielen, ist es schwierig, bessere Spieler aus ihnen zu machen. Ihnen fehlt die nötige Wettkampfpraxis. Sie trainieren, trainieren, trainieren – aber sie spielen kaum.

Warum spielen nur wenige Spieler im Ausland?
Das zu beantworten, ist schwierig. Bestimmt stehen die Spieler nicht so im Schaufenster wie andere Klubs, weil sie sich hauptsächlich in Nordkorea aufhalten. Was ich hier mitbekommen habe: Sollte Interesse an einem Spieler aus Nordkorea bestehen, darf dieser auch wechseln. Der Verband strebt es an, dass seine Spieler Erfahrungen sammeln. Über das genaue Prozedere des Wechsels und alle vertraglichen Angelegenheiten entscheiden der Verband, der Spieler und sein Klub zusammen.

In der Fussballschule in Pjöngjang sollen Spieler produziert werden, die einmal besser werden sollen als Lionel Messi. Was sagen Sie zu diesem Vorhaben?
Ich glaube nicht, dass sie einen Lionel Messi produzieren. Aber ich glaube, dass sie gute Spieler für Asien ausbilden können.

Wie funktioniert die Kommunikation mit den Spielern und mit den Menschen in Nordkorea?
Ich habe immer einen Dolmetscher an meiner Seite. Leider – ich bevorzuge das direkte Gespräch, damit es zu keinen Missverständnissen kommt. Der Umgang untereinander ist offen und ehrlich. So, wie ich es etwa auch in der Schweiz erlebt habe.

Diktator Kim Jong Un träumt vom WM-Titel. Welche Erwartungen wurden direkt an Sie gestellt?
Ganz einfach: Die Menschen verlangen, dass ich die Nationalmannschaft verbessere. Das bedeutet: Ich muss viel und hart arbeiten, um dieses Ziel zu erreichen. Vor allem arbeiten wir an der Taktik, an der Physis und an der Technik.

Müssen Sie konkrete Ziele erreichen? Etwa den Sieg an der Asienmeisterschaft 2019?
Das Ziel ist erst einmal, dass wir uns für Dubai 2019 qualifizieren. Das langfristige Ziel ist die Qualifikation für die Weltmeisterschaft 2022 in Katar. Aber ich habe nicht das Gefühl, dass das Erreichen dieser Ziele Pflicht ist.

Spüren Sie, dass sich das Regime in Ihre Arbeit einmischt und Druck aufbaut auf Sie und die Spieler?
Überhaupt nicht. Ich habe Druck wie jeder andere Trainer auch: Egal, ob er in Nordkorea oder in der Schweiz arbeitet. Am Ende zählt der Erfolg.

Wie schätzen Sie das Niveau der nordkoreanischen Fussballer ein?
Sie sind von der Qualität her zu vergleichen mit den Nachbarländern China, Japan und Südkorea.

Was sind die Stärken der Spieler?
Sie können alle sehr gut mit dem Ball umgehen. Dazu sind sie sehr diszipliniert und lernwillig.

Wo orten Sie Schwächen?
Im physischen und taktischen Bereich besteht Aufholbedarf. Jedoch haben wir in den knapp sieben Monaten, in denen ich nun hier bin, diesbezüglich grosse Fortschritte erzielt. Das äussert sich auch in den Resultaten: Von acht Testspielen haben wir sechs gewonnen, darunter gegen den Irak und die Vereinigten Arabischen Emirate.

Mit Kwang Ryong Pak von Lausanne-Sport spielt ein Super-League-Profi in ihrer Mannschaft. Wie schätzen Sie seine Rolle ein?
Er gehört sicher zu unseren besten Spielern. Er ist eminent wichtig für die anderen Spieler: Wegen seiner Tore, aber auch, weil er derzeit der einzige Spieler mit Auslandserfahrung ist. Ich hoffe, dass unsere Spieler nach den zuletzt guten Leistungen mit der Nationalmannschaft wieder interessant werden für ausländische Vereine.

Wie lange dauert Ihr Vertrag?
Bis Ende Dezember, jedoch sind wir gerade daran, ihn zu verlängern. Ich habe einige finanziell bessere Angebote aus Asien und Afrika. Aber mir macht die Arbeit hier in Nordkorea mit so willigen und guten Fussballern grossen Spass. Und ich fühle mich hier sehr wohl.

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