VON FRANÇOIS SCHMID-BECHTEL AUS SOFIA

Es dauert eine Stunde, ehe die Leistung der Schweizer mit der Bedeutung des Spiels korrespondiert. Für die Zuschauer war es eine Stunde des Leidens. Es war nicht ersichtlich, dass die Schweizer dieses Spiel gewinnen wollten, ja gewinnen mussten, um in der EM-Qualifikation doch noch den Turnaround zu schaffen. Es war die verlorene Stunde des Schweizer Nationalteams. Die Stunde des Grauens. Eine Stunde, die mit Fussball etwa so viel zu tun hatte wie die kümmerliche Darbietung bei der epochalen Blamage gegen Luxemburg – relativ wenig.

Dabei hatte Trainer Hitzfeld vor dem Spiel mehr Leben und Leidenschaft gefordert. Doch die Schweiz tritt seit der WM mit wenigen Ausnahmen immer so auf, als wolle sie mit dem kleinstmöglichen Fussball den grösstmöglichen Ertrag. Egal, ob der Gegner die Weltnummer 1 aus Spanien ist oder die Nummer 47 aus Bulgarien: Die Schweiz geht immer mit derselben Einstellung ins Spiel. Hinten sicher stehen, gut organisiert im Mittelfeld, ohne Risiko, ohne Mut, ohne Pressing und vorne findet man das Glück vielleicht nach einer Standardsituation. Das ist zu bescheiden, zu brav und zu bieder, um selbst die in ihren Mitteln beschränkten Bulgaren in Verlegenheit zu bringen.

Kreativität, hohes Tempo, aggressives Pressing: Was die Bulgaren boten, hätte man vorzugsweise von den Schweizern gesehen. Aber dazu ist das Team von Ottmar Hitzfeld offenbar nicht in der Lage. Dabei fällt es schwer, zu glauben, dass es diese Mannschaft mit diesen Spielern nicht besser kann. Ein Frei und ein Streller setzen nicht nur gegen YB oder den FCZ, sondern auch in der Champions League gegen Bayern München Akzente. Doch in der Nationalmannschaft hängen sie im luftleeren Raum. Das Gleiche gilt für Stocker.

Oder Inler: Beim italienischen Überraschungsteam Udinese ist er ein Pfeiler, in der Nati sehen wir nur noch dessen Schattenwurf. Oder liegt es am Trainer, dass die Spieler ihr Potenzial in den Länderspielen nicht ausschöpfen? Gut möglich. Was nicht heisst, dass Hitzfeld von seinen zweifellos vorhandenen Qualitäten etwas eingebüsst hätte. Aber die Stagnation deutet darauf hin, dass sein Wesen und seine Spielphilosophie zu den vorhandenen und verfügbaren Spielern nicht kompatibel sind.

Es ist deshalb nicht abwegig, wenn Bulgariens Trainer Lothar Matthäus nach dem Spiel sagt, dass seine Mannschaft den Sieg verdient gehabt hätte. Auch wenn sie in der letzten halben Stunde dem hohen Tempo Tribut zollen musste und stehend k.o. war. Doch die Schweizer waren in ihrer Monotonie und Ideenlosigkeit gefangen, um aus den physischen Vorteilen Profit zu erzielen. Frei (63.) sah seinen Kopfball von Torhüter Michailov in Corner abgewehrt. Dzemaili (79.) köpfelte neben das Tor.

Derdiyok (90.) wurde abgeblockt. Debütant Gavranovic (94.) scheiterte aus kurzer Distanz an Michailov. Es waren Chancen, die entweder Aktionen des guten Aussenverteidigers Lichtsteiner oder dem Zufall entsprangen. Und weil Michailov nach einer halben Stunde einen Kopfball von Frei – die grösste Chance – entschärfte, kann man sich nach dem Blick auf die Tabelle nur noch an Theorien klammern.

«Die Hoffnung stirbt zuletzt», sagte Hitzfeld mit dicken Augenrändern. Nach dieser Partie, in der gemäss Matthäus
beide Teams nicht einen Punkt gewonnen, sondern zwei verloren haben, sind solche Worte blosse Durchhalteparolen. Die Schweiz ist angezählt und liegt im schlimmsten Fall schon nach dem nächsten Spieltag auf den Brettern. Verliert die Schweiz am 4. Juni in England und gewinnt Montenegro gleichzeitig zu Hause gegen Bulgarien, beträgt der Rückstand auf die Spitze bei drei verbleibenden Spielen neun Punkte.

Beantworten Sie dazu die Sonntagsfrage: Schafft die Schweiz noch das Wunder und qualifiziert sich für die EM?

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