Es sind klangvolle Namen, wenn diese beiden Mannschaften aufeinandertreffen: Götze, Reus und Hummels auf der einen, Schweinsteiger, Lahm, Müller, Martinez, Ribéry und Robben auf der anderen Seite – geballte Weltklasse also. Aber erst am 25. Mai im Wembley, so lange müssen sich die Fussball-Fans noch gedulden. Drei Wochen vor dem Champions-League-Final in der englischen Hauptstadt mochten sich bei der Generalprobe gestern weder der alte noch der neue Deutsche Meister in die Karten schauen lassen. Sowohl BVB- Trainer Jürgen Klopp als auch sein Münchener Kollege hatten die Rotationsmaschine angeworfen, wobei Klopp im Vergleich zu Jupp Heynckes recht moderat wechselte.

Am Ende trennten sich die grossen deutschen Widersacher nach Toren von Kevin Grosskreutz und Mario Gomez 1:1. Es war ein Spiel, das lange Zeit wenig Zündstoff bot, dann aber doch hektisch wurde, als Bayerns Rafinha nach gut einer Stunde nach einem rüden Ellbogencheck gegen Dortmunds Blaszczykowski vom Platz musste.

Die Aufregung über den Fauxpas des Brasilianers wird sich legen, denn es geht um Wichtigeres: Ganz Europa redet derzeit über den deutschen Fussball – genauer gesagt über Bayern München und Borussia Dortmund. Jene Bundesligisten also, die Spaniens Weltklubs FC Barcelona und Real Madrid in den Champions- League-Halbfinals entzauberten und nun um die Krone Europas streiten. Ein rein deutsches Endspiel hat es in der Königsklasse nie zuvor gegeben, vor allem die Dominanz und die Wucht, mit der die beiden Protagonisten aus der Bundesliga agieren, beeindruckt die Konkurrenz. In Europa spricht man von einer Zeitenwende, auch wenn sich Wolfgang Niersbach diesbezüglich noch nicht allzu weit aus dem Fenster lehnen mag. Er wage zu hoffen, sagte der Präsident des Deutschen Fussball-Bundes in der ARD, «dass wir eine Wachablösung zumindest eingeleitet haben».

Die neue Dominanz dürfte vor allem Bayern München für sich reklamieren: Denn während der Konkurrent aus Dortmund in Madrid am Ende in Bedrängnis geriet, war die Vorstellung des süddeutschen Branchenriesen beängstigend stark: 4:0 und 3:0, noch nie ist das so stolze Barça in zwei Spielen so vernichtet worden. Ottmar Hitzfeld spricht von einer «gewaltigen Explosion im internationalen Fussball».

Wenn ein Fachmann eine fundierte Meinung über Bayern und Dortmund äussern darf, dann ist es wohl der Schweizer Nationaltrainer. Hitzfeld gewann 1997 mit dem BVB die Champions League, vier Jahre später kletterte er mit den Bayern auf den Gipfel. Der 64-Jährige sieht vor allem die Münchener «als Favorit für die nächsten Jahre, sie können sich Transfers von 30, 40 oder 50 Millionen leisten, haben jetzt schon einen herausragenden Kader, und der wird mit Götze und Guardiola als Trainer ja noch einmal verstärkt.»

Auch die Perspektiven des BVB sind rosig, selbst wenn der Revierklub nicht in den finanziellen Sphären der Bayern agieren kann. Das muss die Borussia nicht grämen, vielmehr preisen sie im Westen der Republik die ungeheure Entwicklung, die ein Verein genommen hat, der vor nicht einmal zehn Jahren fast in die Insolvenz getaumelt wäre. Nach der Konsolidierung formte Trainer Jürgen Klopp eine junge, talentierte und enorm hungrige Mannschaft, die nun auch in Europa nach den Sternen greift. Doch wie konnte es passieren, dass Deutschland den anderen klassischen Fussballnationen Spanien, England und Italien dermassen die Rücklichter zeigt? Wer diese Frage seriös beantworten will, muss bis ins Jahr 2000 oder sogar bis 1998 zurückgehen. Bei der WM in Frankreich scheiterte eine überalterte deutsche Mannschaft im Viertelfinal an Kroatien, zwei Jahre später gab es bei der EM in Holland und Belgien ein Debakel, als die von Erich Ribbeck betreute DFB-Elf von Portugals B-Mannschaft abgewatscht wurde. Durch das Land der Kämpfer und Grätscher ging ein Aufschrei, gefordert wurden junge, technisch gut ausgebildete Akteure, mit denen sich die Rückkehr zum internationalen Niveau bewerkstelligen liess.

Der Deutsche Fussball Bund investierte Millionen in seine Nachwuchskonzepte, längst fühlt er sich in seinem Handeln bestätigt. Es sei «kein Zufall, dass wir so wunderbare Spieler wie Thomas Müller, Mario Götze oder Marco Reus in unseren Mannschaften erleben», sagt DFB-Präsident Niersbach. Auch Hitzfeld weiss, dass der deutsche Fussball «von den Jugendzentren enorm profitiert». Auffällig ist dabei, dass die junge Generation nicht nur technisch und taktisch hervorragend ausgebildet ist, sondern diese Stärken auch noch mit einem enormen läuferischen Vermögen zu kombinieren weiss.

Diesen neuen Stil, Kreativität und Wucht zu einem Gesamtkunstwerk zu verschmelzen, haben die Dortmunder unter Klopp entwickelt, der in diesem Zusammenhang gern von «Vollgasfussball» spricht. Vom aufmüpfigen Widersacher regelmässig düpiert, adaptierten und perfektionierten die Bayern diesen Stil und sorgten in Deutschland für eine bizarre Plagiats-Debatte. Doch ganz gleich ob Original oder Fälschung, das Resultat ist gleichermassen beeindruckend. «Es ist bekannt, dass wir einen intensiven, leidenschaftlichen, lauffreudigen Fussball spielen», sagt Dortmunds Ilkay Gündogan: «Deshalb stehen wir verdient im Final. Und die Bayern auch.»

Der Fussball-Standort Deutschland glänzt seit Jahren mit einer Infrastruktur, die ihresgleichen sucht. Die besten Zuschauerzahlen, die modernsten Stadien, erschwingliche Ticketpreise, Stehplatztribünen mit einzigartiger Stimmung. Nun gibt es zwei Klubs, die diese Rahmenbedingungen auf den Platz transportieren. Derweil stellt sich Europa die Frage, ob die neue Dominanz auch auf die Nationalmannschaft übergreift. Hitzfeld sagt: «Die Spieler werden auch gegen Spanien mit breiter Brust auftreten und auf die Wachablösung drängen. Deutschland hat beste Chancen auf grosse Titel.»

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