Der Kumpel, der die Episode über Renato Steffen erzählt, lacht laut und sagt: «Genau so ist er, unser Reni. Frech, ehrgeizig und vor allem: eifach e liebe Siech.» Es ist eine Episode, die zeigt, wie Renato Steffen tickt und warum er uns Fussballfans viel näher ist als all die abgeschliffenen Fliessband-Kicker in der heutigen Zeit.

Und das ging so: Im Sommer 2012 fährt Steffen mit Kollegen aus seinem Heimatdorf Erlinsbach an ein Grümpelturnier. Was dort keiner weiss: Vor wenigen Tagen hat Steffen beim FC Thun seinen ersten Profivertrag unterschrieben. Es ist brutal heiss an diesem Sommertag, an dem sich viele begabte Kicker auf den kleinen Fussballfeldern tummeln. Doch nur einer führt alle seine Gegenspieler an der Nase rum: Renato Steffen. Die anderen Teams beschweren sich bei seinen Kollegen, dass sie einen so guten Spieler mitgenommen haben. Auf dem Platz machen sie Jagd auf den frechen Dribbler mit dem losen Mundwerk. Nur mit Glück kommt Steffen um eine Verletzung herum. Dass er mit dem Schicksal spielt und riskiert, seinen eben wahr gewordenen Traum vom Fussballprofi platzen zu lassen, ist Steffen in dem Moment egal. Besser gesagt: Daran denkt er gar nicht.

Steffen und überlegen – das passt nicht immer zusammen. Das hat ihm geschadet – ist gleichzeitig aber die grösste Stärke des 24-Jährigen. Vom Aussortierten beim FC Aarau zum Schweizer Nationalspieler und EM-Hoffnungsträger – die «Schweiz am Sonntag» hat Weggefährten aufgespürt, die Renato Steffen auf seiner Tellerwäscher-Karriere begleiteten.

Steffen wird am 3. November 1991 in Aarau geboren, die Familie wohnt im angrenzenden Erlinsbach. «Schon kurz nach der Geburt hatte er einen Ball zwischen den Händen», erzählt Vater Rolf. Eisenbahnen, Spielautos oder Lego sind nichts für den kleinen Renato – er sieht nur Bälle. Die Fussball-Gene hat er vom Vater geerbt, der als Aktiver in der 3. Liga spielte und später lange Schiedsrichter war: «Wenn er sich am Telefon mal wieder aufregt, kann ich ihm die Situation aus Sicht eines Schiedsrichters erklären. Dann wird er schnell einsichtig.» Der erste Klub, von dem Renato hört, ist Manchester United – ab sofort ist er Fan der «Red Devils». Mit sechs Jahren tritt er dem FC Erlinsbach bei und spielt dort bis zu den C-Junioren im gleichen Team wie Schwester Tatjana. Auch sie hat viel Talent und schafft es später beim FC Aarau bis in die Nationalliga B. An die Spiele werden die Geschwister von Mutter Silvia gefahren, weil Vater Rolf meistens selber irgendwo auf einem Fussballplatz herumrennt.

Renato sticht rasch mit seinen Dribblings und seinem Speed heraus – aber auch wegen seines überbordenden Temperaments. Rolf Steffen: «Er war sicher nicht immer ganz einfach, aber er ist mittlerweile ruhiger geworden.» Wie die meisten seiner Kollegen hat Renato das Ziel Fussballprofi. Ein erster Schritt dahin gelingt, als ihn der FC Aarau in seine Nachwuchsabteilung holt. Dort spielt er in der U14 und in der U16, bis er den Cut für die U19 nicht mehr schafft. Jürg «Güx» Widmer, der damalige FCA-Nachwuchschef:

«Schlechtes Verhalten, zu klein, zu wenig Talent – es kursieren verschiedene Gründe, warum Renato uns verlassen musste. Fakt ist: Wir haben im Gremium entschieden, dass er die Kriterien für die Selektion nicht erfüllt. Renato war ein spezieller Fall, er war sehr ehrgeizig, hatte seine Emotionen aber nicht immer im Griff. Ich sage nicht, wie viele rote Karten er wegen Tätlichkeiten erhalten hat. Wäre er im Junioren-Spitzenfussball geblieben, hätte ihm das Temperament irgendwann einen Strich durch die Rechnung gemacht und er wäre heute nicht Profifussballer. Wir haben entschieden, dass er in den Breitenfussball zum SC Schöftland wechselt. Das war für ihn die beste Lösung, denn dort und später bei Solothurn hatte er Personen um sich, die sich um ihn kümmerten und ihm halfen, das Temperament zu zügeln. Dass er es bis in die Nationalmannschaft schaffen wird, hätte ich ihm damals nicht zugetraut. Renato war als Teenager kein besonders grosses Talent, er war ja nie in einer kantonalen oder nationalen Auswahl. Aber er hatte eine grosse Entschlossenheit auf und neben dem Platz – sie ist der Grund für seine sensationelle Entwicklung.»

Einige Monate spielt Renato bei den Junioren von Schöftland, bevor er in die erste Mannschaft in der 2. Liga interregional befördert wird. Insgesamt bleibt er vier Jahre beim Dorfklub. Den Traum vom Profi gibt er in dieser Zeit zwar nicht auf, doch die Prioritäten verschieben sich. Auch auf Drängen des Vaters. Rolf Steffen: «Ich war von Beginn an skeptisch, ob einer aus einer normalen Familie, wie wir eine sind, es zum Profi schaffen kann. Viele Spieler wie Zuffi oder Gaudino haben Väter, die selber Profis waren und das Geschäft kennen.» Renato beginnt in Suhr eine Ausbildung zum Maler. Sein ehemaliger Chef Köbi Heller erzählt:

«Ich habe nur gute Erinnerungen an Reni. Klar, er hat einen eigenen Charakter und ist sehr verbissen. Aber er war ein sehr zuverlässiger und guter Maler. Direkt nach der Lehre wollte er Weiterbildungen machen, um gut vorbereitet zu sein für den Fall, dass es nichts wird mit dem Fussballprofi. Ich bin wie er Erlinsbacher, das verbindet. Vielleicht habe ich ihm deshalb einige Sonderrechte zugestanden, wenn es um den Fussball ging. Als er bei Solothurn in der 1. Liga kickte, musste er fünf Mal die Woche um 18 Uhr auf dem Trainingsplatz stehen. Das bedeutete: früher Feierabend. Dafür arbeitete er oft am Samstag, um die verpassten Stunden nachzuholen. Das war wichtig, um den anderen Angestellten zu zeigen, dass Reni nichts geschenkt bekommt. Als er eines Tages zu mir ins Büro kam und sagte, dass er kündigen müsse, weil er Profi bei Thun werde, sagte ich: Pack die Chance – und wenns nicht hinhaut, ist hier für dich immer eine Türe offen. Er kommt noch heute regelmässig vorbei für einen Schwatz.»

Fussballerisch vermag Steffen in Schöftland zwar zu gefallen, aber vorwärts auf dem Weg zum Profi kommt er nicht. Bis in Solothurn Roland Hasler zu Ohren kommt, dass es in Schöftland einen speziellen Spieler gebe. Hasler, damals Trainer des Erstligisten Solothurn, fährt an ein Spiel der Aargauer und weiss schon nach wenigen Minuten:

«Den Steffen will ich in meinem Team. Bei unserem ersten Telefonat aber meinte er, er wolle Schöftland und die Kollegen nicht verlassen. Da habe ich gesagt: Wenn ein oberklassiger Verein anruft, gehört es sich, sich hinzusetzen und das Angebot anzuhören. Ich musste ein bisschen resolut sein, bis er einlenkte. Bei unserem ersten Treffen haben wir sofort den Draht zueinander gefunden und er hat mir erzählt von seinem Traum, Profi zu werden – wenige Minuten später hat er dem Wechsel zugestimmt. Er bekam bei uns die Rückennummer 11 – als ich ihm sagte, dass die Zahl 11 in der Stadt Solothurn eine besondere Bedeutung hat (11 Brunnen, 11 Kirchen, 11 Museen etc.; Anm. d. Red.) wusste er nichts darüber. Aber schon im nächsten Training war er bestens informiert. Wir hatten damals einige gestandene 1.-Liga-Spieler im Team – die mussten sich erst an Renatos verbissene und aufmüpfige Art gewöhnen. Ich habe ihnen gesagt, dass Renato ein Juwel sei und wir ihn so nehmen müssen, wie er ist – zum Glück für Renato haben sie das akzeptiert. Wir nannten ihn «Speedy». In einem Gespräch mit Renato und seinen Eltern sagte ich, dass er für höhere Aufgaben bestimmt sei. Er war sofort Feuer und Flamme – und dann kam es zu einem kleinen Disput mit dem Vater, der seine Skepsis gegenüber dem Projekt «Profifussballer» äusserte; ich musste «Speedy» etwas beruhigen. In dem Jahr mit uns hat er viel gelernt in Sachen Teamplay. Gleichzeitig habe ich konsequent auf ihn gesetzt, auch wenn er mal einen Seich machte. Renato ist ein Spieler, der sich dem Niveau der Mitspieler und Gegner anpasst – gegen oben und gegen unten. Ich habe es ihm nie gesagt, aber ich ahnte: Er wird Nationalspieler und wahrscheinlich klopft sogar das Ausland an. Vorausgesetzt, er bekommt seine Aggressivität in den Griff – die wird schnell einmal falsch interpretiert.»

Es folgt der Match, der Steffens Leben auf den Kopf stellen sollte. Mit Solothurn trifft er im Frühling 2012 auf die U21 des FC Thun. Nach dem Spiel informiert sich Thuns Trainer Rüdiger Böhm bei Roland Hasler über Steffen und erwähnt den Erlinsbacher später in einem Gespräch mit Thun-Sportchef Andres Gerber. Jetzt geht es schnell: Kurz darauf erhält Steffen eine Einladung zum Probetraining im Berner Oberland. Er ist an jenem Tag sehr nervös und bittet Hasler, ihn zu begleiten. Steffen überzeugt und bekommt einen Profivertrag angeboten. Als er mit dem Papier in den Händen ins Elternhaus spaziert, legt auch Vater Rolf die Skepsis ab: «Er hat sich das alles selber erarbeitet. Wir haben ihn mental unterstützt, haben aber nie etwas forciert.» An Steffens erste Schritte als Profi erinnert sich Thun-Sportchef Andres Gerber:

«Wir dachten, er trainiere mit den Profis und spiele in der U21. Von wegen: Nach wenigen Trainings war klar, dass er für höhere Aufgaben bestimmt ist und er wurde schnell Stammspieler in der Super League. Es war sicher gut für ihn, sich im ruhigen Umfeld von Thun ans Profigeschäft zu gewöhnen. Mitspieler wie Hediger, Zuffi und später Trainer Fischer haben ihm mit ihrer ruhigen Art gutgetan. Die Gefahr, abzuheben und etwa mit einem fetten Auto zu protzen, bestand wegen seines Gehalts gar nicht erst. Auf dem Platz hat er eine Eigenart, von der jedes Team profitiert: frech, unbekümmert, ohne Angst vor grossen Namen und technisch hervorragend. Überspitzt formuliert: Als Mitspieler liebt man ihn, als Gegner hasst man ihn. Für uns war klar: Reni wird nicht lange bleiben, er hat das Zeug für ganz oben.»

Gerber sollte recht behalten, bereits ein Jahr später sichern sich die Berner Young Boys die Dienste des Flügelflitzers. Unvergessen, wie sich Steffen noch vor dem Saisonende im gelb-schwarzen Trikot ablichten liess – etwas, was ihm das Thuner Publikum noch heute übel nimmt. Vater Rolf zu der unüberlegten Aktion: «So ist er halt. Er wollte sicher niemandem wehtun, sondern wurde von YB dazu überredet und dachte sich nichts Schlimmes dabei. Er ist ein gutmütiger, halt e liebe Siech.»

In den zweieinhalb Jahren bei den Bernern spielt sich Steffen in den Fokus der Öffentlichkeit. Weil er am Laufmeter Tore erzielt und vorbereitet. Und weil er mit Theatralik, üblen Fouls und Provokationen auffällt. Sein Ruf ist seither zwiespältig – wie denkt der Vater darüber? «Ich sehe das gelassen und würde ihm nie reinreden. Auf dem Platz tut er alles, wirklich alles für den Erfolg seiner Mannschaft. Ich weiss, dass er nie einen Spieler absichtlich verletzen würde. Er ist ein Mensch, der von Emotionen geleitet ist und nicht jedes Mal alle Vor- und Nachteile abwägt, bevor er etwas tut.»

Das Scheinwerferlicht, die neuen berühmten Freunde, das viele Geld – wie geht er damit um? Bekannt ist, dass sich Steffen vom ersten grossen Lohn bei YB einen schnittigen Sportwagen leistete – und sonst? «Er ist immer noch wie früher. Er kommt oft spontan in Erlinsbach vorbei und lädt uns zum Essen ein. Wenn er hier ist, sprechen wir über andere Dinge als Fussball. Und bevor er wieder geht, besucht er seine Kumpels», sagt der Vater.

Anders als die Väter von anderen Fussballern hält sich Rolf Steffen raus aus der Karriereplanung seines Sohnes. An Verhandlungen hat er noch nie teilgenommen. «Das ist sein Ding, dafür hat er einen Berater. Er besteht auch darauf, dass wir Eltern uns da raushalten. Wenn er uns um Rat fragt, sagen wir: Reni, das musst du selber entscheiden.» So war es auch im Winter beim Wechsel zum FC Basel, an dem sich die Meinungen rieben. Noch einmal der Vater: «Reni ist jetzt beim besten Klub der Schweiz und spielt nächste Saison wohl in der Champions League. Davon hat er geträumt, das mag ich ihm von Herzen gönnen.»

Heute nun kommt es für Steffen zum ersten Wiedersehen mit YB. Und wenn er auf dem Rasen im St. Jakob-Park versucht, dem FCB zum Sieg zu verhelfen, schaut ihm von der Tribüne aus Grégory Wüthrich zu. Der Kumpel aus YB-Zeiten ist zurzeit verletzt und übernachtete bei Steffen in dessen neu bezogener Wohnung in Rheinfelden. Steffen dazu im «Bund»: «Ich schätze es, Leute um mich herum zu haben, die mir etwas bedeuten.» Auch das eine kleine, aber feine Episode, die zeigt, wie Steffen tickt.

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