Von Jakob Weber

«Ohne Donato, ohne die Familie, die Fabian den Rücken freihält, wäre all das nicht möglich gewesen. Sein Vater hat immer alles organisiert und die Velos gepflegt, sodass sich Fabian auf Schule und Velofahren konzentrieren konnte», sagt Markus Kretz, unsere erste Anlaufstation bei der Spurensuche in Bern. Der Besitzer des Velogeschäfts Velocittà ist ein guter Bekannter des radsportbegeisterten Vaters Donato Cancellara, der schon lange zu seinen Stammkunden zählt. So kam es, dass Markus Kretz der erste Sponsor des jungen Fabian wurde.

Die Adresse von Kretz haben wir von Sven Montgomery, dem ehemaligen Schweizer Radprofi und SRF-Experten, der gleichzeitig Präsident des Veloclubs Ciclo International Ostermundigen ist. Der Ex-Teamkollege von Cancellara erklärt, dass Fabian sich zwar immer brav für die Mitgliederversammlung abmelden würde, aber im Gegensatz zu seinen Eltern nicht mehr aktiv am heutigen Vereinsleben teilnimmt. Wir treffen Kretz, der Cancellara vor mehr als 20 Jahren das erste Rennvelo vermachte, in seinem Velogeschäft Velocittà im Norden der Stadt Bern.

«Das erste Velo, das Fabian von uns bekommen hat, war ein Greg LeMond. In der Folge haben wir ihm jedes Jahr ein neues Rennvelo zur Verfügung gestellt, genauestens auf ihn zugeschnitten. Ich habe Fabian als einen sehr ruhigen, zurückhaltenden Jungen kennen gelernt. Noch heute schneit er vier-, fünfmal im Jahr bei uns rein und plaudert ein wenig aus den Nähkästchen, aber meistens kommt Donato allein. Das war auch früher so», erzählt Kretz und kramt einen handgeschriebenen Dankesbrief von Cancellara hervor, den dieser kurz nach seinem ersten WM-Triumph in Valkenburg 1998 verfasst hat. Cancellara schildert darin sein neues Leben «als kleine Berühmtheit». «Wir werden das Team Velocittà niemals vergessen», heisst es unter anderem darin.

Die Verbindung zwischen Velocittà und Cancellara ist schon beim Betreten des Geschäfts offensichtlich. An den Wänden hängen drei Schwarz-Weiss-Bilder, die Fabian Cancellara in Aktion zeigen. Ein gelbes Trikot sucht man vergeblich. «Mit denen war Fabian wohl ein bisschen knausrig», sagt der Inhaber mit einem Augenzwinkern. «Klar ist es ein schönes Gefühl, wenn der Mann, der als kleiner Junge noch des Öfteren bei uns zu Hause war, nun grosse internationale Erfolge feiert», sagt Kretz, der noch nicht weiss, ob er am Montag an die Rennstrecke gehen wird. Für einen Personenkult sei er der Falsche.

Wenn der Tour-Tross am Montag 18,5 km vor dem Ziel durch Frauenkappelen heizt, ist Cancellara für kurze Zeit nur etwa einen Kilometer Luftlinie von seinem Geburtsort Wohlen bei Bern entfernt. Wir wollen wissen, wie es sich in Wohlen bei Bern so lebt und fahren etwa 15 Autominuten nach Westen in sein Heimatdorf.

Cancellara ist dort im März 1981 geboren und in einem der zahlreichen Wohnblöcke aufgewachsen. Seine Eltern leben noch heute in der 9000-Einwohner-Gemeinde. In einem von wuchernden Pflanzen umgebenen Hinterhof steht auf einem Spielplatz eine moosige Tischtennisplatte. Das Netz fehlt. Wir schwelgen in die Vergangenheit, stellen uns vor, wie Cancellara dort in seiner Jugend die Kollegen zum Duell forderte. Eigentlich wäre der kleine «Fäbu» sowieso lieber Fussballer geworden. Bis zu seinem 12. Geburtstag kickte Cancellara bei den Junioren des SC Wohlensee, bevor der Vater den schwelenden Machtkampf gegen seinen Sohn 1993 dann doch gewann. Das gelang, indem er ihm sein altes Rennrad schenkte und ihn an das Hobbyrennen Casa d’Italia in Bern mitnahm.

Idylle am Fussballplatz
Die Rasenplätze des Fussballklubs liegen nur wenige hundert Meter unterhalb von Cancellaras Elternhaus am Ufer der Aare. Auf dem Weg zur Sportanlage, die nur wenige Meter über dem Aarepegel liegt, passieren wir die Migros-Filiale, in der Cancellaras Mutter Rosa lange gearbeitet hat. An Mais-, Kürbis- und Blumenfeldern vorbei gelangen wir zum Fussballplatz. Dort bietet sich ein skurriles Bild: Auf den Stehplatztreppen direkt neben der Seitenlinie knabbern Schafe die Grashalme vom Stein. Ihre Halsglöckchen stören die idyllische Stille. Gegenüber fliesst nur wenige Meter neben der Out-Linie die Aare vorbei. Dort kümmert sich ein Schwanenpaar liebevoll um seine sieben Jungen, nebenan baut ein Blesshuhn ein Nest. Vogelgezwitscher, Grillengezirpe und die Landluft lassen das Herz höherschlagen. Der Ort lädt zum Bleiben ein und scheint ideal, um Kraft zu tanken.

Ein Rentner, der beim benachbarten Tennisklub aufräumt, erinnert sich an den heute weltweit bekannten Cancellara und erzählt: «Ich habe Fabian zwar lange nicht mehr gesehen, aber früher war er immer nebenan bei den Fussballern. Auf dem Tennisplatz war er nie.» Der freundliche Herr weist uns den Weg zu dem Ort, wo Fabian zur Schule ging.

Der Schulleiter der OS Hinterkappelen ist zwar ebenso wie Cancellaras damaliger Klassenlehrer Peter Gerber in den Sommerferien, dennoch treffen wir auf dem Pausenplatz jemanden, der uns weiterhilft. «Meistens sehe ich Fabian nur schnell mit dem Velo durchfahren. Ich weiss, dass er hier wie ich zur Schule gegangen ist, aber wir haben uns wohl um ein paar Jahre verpasst. Die Rodlerin Martina Kocher ist auch hier in der Schule gewesen. Die kenne ich besser. Die OS Hinterkappelen ist wohl ein gutes Pflaster für angehende Profi-Sportler», plaudert ein Mann, der auf dem Tartanplatz Basketball spielt, munter drauflos.

«Er ist ein Jahrhunderttalent»
Wir wollen wieder mit jemandem sprechen, der Cancellara besser kennt, und machen uns auf in den Süden Berns zu Aldo Schaller. Der Besitzer von Radrennsport Schaller fuhr in den 90ern ebenfalls für Ciclo Internationa Ostermundigen und war damals in Besitz einer eigenen Equipe. 1999 nahm Schaller auch den jungen Cancellara, der durch seine Erfolge schon vielen aufgefallen war, unter seine Fittiche. «Wir konnten ihm bessere Konditionen, ein Team und einen Betreuerstab bieten. Er hat gleich im ersten Jahr 22 Rennen gewonnen», erklärt Schaller stolz und fügt hinzu: «Fabian ist fürs Velofahren auf die Welt gekommen. Er ist ein Jahrhunderttalent.»

Klar, dass Schaller mit limitierten finanziellen Mitteln «seinen Fäbu» nicht ewig halten konnte. Ein Jahr später unterschrieb er beim italienischen Team Mappei. «Das war sehr frustrierend. Ich musste lernen, dass nun alle etwas von ihm wollen. Wir hatten kaum mehr Kontakt.» Umso überraschter war Schaller, als Cancellara vor drei Jahren spontan beim 20-Jahr-Jubiläum seines Geschäfts hereinschneite. «Sein Flandern- und sein Olympia-Velo von London hatte er als Präsent dabei. Der Laden war voll. Ich war zu Tränen gerührt», freut sich Schaller noch heute. Als Mitglied des Fanclubs Cancellara ist er auch dabei, wenn die Tour morgen in Bern haltmacht.

Wir verlassen Bern und schauen noch kurz in Cancellaras aktuellem Wohnort Ittigen vorbei. Seine Frau Stefanie betreibt dort inmitten eines Wohngebiets in einer Holzhütte einen schmucken Coiffeur-Salon, der an diesem Tag geschlossen ist. Bald trifft man in Ittigen nicht nur seine Frau, sondern auch Fabian Cancellara höchstpersönlich an. Denn nach seinem Karriereende im Herbst wird der Berner wieder mehr Zeit in seiner Heimat verbringen – gemeinsam mit seiner Familie und seinen Freunden.

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