Von Sébastian Lavoyer und Etienne Wuillemin

Breel Embolo hat den FCB im Sommer verlassen, dann eine schwere Zeit durchgemacht auf Schalke. Jetzt traf er plötzlich zweimal. Haben Sie mal kurz angerufen und plötzlich läuft es?
Georg Heitz: (Lacht) Natürlich nicht. Er muss seinen Weg gehen. Es ist völlig normal, dass er als neuer, junger Spieler ein wenig Zeit braucht. Das betonen auch wir immer wieder. Aber tendenziell hat man diese Zeit nicht. Und auf Schalke ist das Umfeld vielleicht noch etwas nervöser als bei uns.

Das hätte er aber wissen müssen.
Da bin ich nicht so sicher. Man hört das vielleicht, aber man kann sich nicht wirklich etwas darunter vorstellen. Das betrifft vor allem auch den Umgang mit den Medien. Gerade in Deutschland, teils auch in England, gibt es ehemalige Spieler, die irgendeine Kolumne haben und mit scharfer Kritik nicht zurückhaltend sind, sobald es ein bisschen harzt. In der Schweiz kommt es nicht vor, dass Streller in einer Kolumne schreibt, dieser Janko tauge nicht als sein Nachfolger.

Zum FCB: Wenn Sie die letzten fünf, sechs Monate betrachten, was geht Ihnen da durch den Kopf?
Der Meistertitel, immer ein tolles Ereignis. Der Abgang von Embolo, weil er einschneidend war. Eine schwierige Vorbereitungsphase, weil die Spieler zu sehr unterschiedlichen Zeitpunkten ankamen. Trotzdem hatten wir einen guten Start. Das Trainer-Team hat das sehr gut gemacht. Allerdings waren die letzten drei, vier Spiele leistungsmässig nicht das, was wir uns vorstellen.

Welche Rolle spielte da der enttäuschende Auftritt gegen Ludogorets?
Es kann sein, dass wir durch dieses Spiel ein bisschen von unserer Selbstsicherheit eingebüsst haben. Aber es könnte auch am Vorsprung liegen, den wir in der Meisterschaft haben. Er könnte den Eindruck erwecken, dass alles ein Selbstläufer ist.

Ist es das nicht?
Nein, das ist es nie. Wir haben auch nicht alle in Grund und Boden gespielt. Der Vorsprung ist auch deshalb so gross, weil sich die anderen Klubs gegenseitig die Punkte weggenommen haben.

Wie beurteilen Sie die Arbeit von Trainer Urs Fischer seit seiner Ankunft?
Sehr positiv. Angefangen bei den Resultaten, die härteste Währung im Fussball. Er wurde Meister, hat jetzt einen tollen Start hingelegt. Zudem hat seit Christian Gross kein Trainer neun Spiele in Serie gewonnen. Und unter ihm hat der FCB als erste Super-League-Mannschaft überhaupt eine Europa-League-Gruppenphase gewonnen – mit Fiorentina als Gegner.

Was macht die Arbeit von Fischer aus?
Die Art, wie er die Mannschaft führt, ist hervorragend. Das ist bei weitem nicht so einfach, wie es aussieht. Wir haben viele Nationalspieler, die den Anspruch haben, immer zu spielen. Das ist aber schon rein mathematisch nicht möglich.

Wie führt er denn?
Sehr direkt. Es gibt Trainer, welche die Problemlösung herausschieben, die das Gespräch mit den Spielern scheuen. Wenn Urs Fischer das Gefühl hat, dass etwas nicht so läuft, wie es sein sollte, bietet er den Spieler zum Gespräch auf.

Gerade offenherzig wurde Fischer in Basel nicht willkommen geheissen.
Man muss aufpassen, dass man nicht die grössten Schreihälse als Mehrheit hinstellt. Es gab diese Abneigung von gewissen Seiten. Fischer hat gut darauf reagiert, indem er sagte, dass er ein gewisses Verständnis dafür habe. Weil er eine Ikone eines grossen Rivalen des FCB war. Das war sehr vernünftig.

Haben Sie Angst, dass der Rückhalt für ihn in einer schwierigen Phase schneller bröckeln könnte als bei einer FCB-Ikone?
Nein, nicht wirklich. Egal, ob man von hier kommt oder aus Zürich – als FCB-Trainer ist man zum Erfolg verdammt. Murat Yakin war eine FCB-Ikone und auch bei ihm gab es Leute, die ihn nicht akzeptieren wollten.

Die letzten fünf Spiele deuteten auf eine Krise hin. Aber die Tabelle spricht eine andere Sprache. Wie schwierig ist das?
Es gibt immer einen gewissen Druck. Der weckt aber auch Ehrgeiz. Von Krise zu sprechen, finde ich massiv übertrieben. Es gab eine – aus meiner Sicht berechtigte – Unmutsäusserung des Publikums, das war beim Match gegen Thun. Sonst sehe ich es nicht so dramatisch. Was am meisten schmerzte, war, dass wir gegen Ludogorets nicht gewinnen konnten.

Hat das mehr wehgetan als die Pleite gegen Arsenal?
Ja, sicher. Trainer und Spieler nach dem Spiel in London so hart zu kritisieren, wie es teils geschah, fand ich nicht fair. Beim Spiel gegen Ludogorets sieht es anders aus.

Die Kritik war zu hart?
Ja. Da habe ich das Gefühl, dass man ein solches Spiel nicht wirklich einschätzen kann. So wie Arsenal gespielt hat, hatten wir unter dem Strich keine Chance. Egal, ob wir mit vier, fünf oder sechs Verteidigern gespielt hätten.

Wie hätten Sie gegen Arsenal aufgestellt?
Ich bin nicht Trainer. Aber die Wahrscheinlichkeit, dass wir ein Auswärtsspiel gegen Arsenal in dieser Form verlieren, ist relativ hoch. Wenn man dann das System umstellt, dann ist das sehr mutig. Denn die Journalisten werden genau das als Begründung für die Niederlage heranziehen.

Das Experiment war Ihnen lieber, als wenn der FCB im gewohnten 4-2-3-1 untergegangen wäre?
Diese Diskussion will ich nicht führen. Es ging nicht um das System, es ging um die Leistung, um den Spielverlauf, vielleicht auch um die Konzentration, die individuelle Klasse und das Glück.

Wie wäre das Spiel mit 11 Strellers, Freis, Huggels oder Dragovics ausgegangen?
Das ist natürlich sehr hypothetisch. Aber so, wie das Spiel gelaufen ist, hätten wir wohl trotzdem keine Chance gehabt.

Urs Fischer hat mit dem FCB bis anhin auf europäischem Parkett nicht gerade überzeugt. Was sagen Sie dazu?
Das ist eine reichlich absurde Diskussion. Wer auswärts gegen Florenz gewinnt und am Ende auf dem ersten Platz der Europa-League-Gruppe steht, der hat mit Sicherheit das Format für internationale Spiele.

Manchmal hat man das Gefühl, Fischer schöne die Spiele des FCB zu stark.
Es ist nicht seine Aufgabe, Einzelkritik in der Öffentlichkeit zu betreiben. Aber keine Sorge: Intern ist sein Blickwinkel durchaus kritisch. Vor allem, wenn das Trainerteam ein Spiel noch einmal in voller Länge – und aus der Vogelperspektive – angeschaut hat.

Die Länderspielpause ist auch die Zeit für Gespräche über die Zukunft. Urs Fischers Arbeitsvertrag läuft Ende Saison aus. Haben Sie sich mit ihm schon bezüglich einer Verlängerung unterhalten?
Dazu nehmen wir öffentlich keine Stellung. Nur so viel: Er hat einen Vertrag, der sich unter gewissen Umständen automatisch verlängert.

Das bedeutet wohl: Wenn der FCB Meister wird, darf Fischer bleiben.
Wie gesagt: Dazu äussern wir uns nicht.

Zurück zur Champions League: Künftig kriegen die grossen Ligen mehr fixe Startplätze. Was bedeutet das für Basel?
Wir werden uns daran gewöhnen müssen, dass Champions-League-Auftritte die Ausnahme sind. Wenn die Teilnahme überhaupt noch möglich ist. Die grosse Frage ist, wie es ab 2021 weitergeht. Die Tendenz geht Richtung geschlossene Gesellschaft. Und da will niemand den FCB dabei haben – da müssen wir uns nichts vormachen.

Wie begegnen Sie dieser Entwicklung?
Man kann Zeter und Mordio schreien, aber was interessiert die grossen Klubs der FCB? Die sagen ganz trocken: Schauen wir mal die Einschaltquote in Thailand von Basel - Ludogorets an. Auch beim siebten Mal Barcelona - Chelsea wird die Quote noch x-fach höher sein.

Wohin führt das?
Die Grossklubs machen meines Erachtens einen Denkfehler: Wenn Real Madrid irgendwo hinkommt, ist die Aufregung immer gross. Das gibt vielen Leuten in einer Stadt ein gutes Gefühl – die Königlichen kommen, da spürt jeder die Luft der Champions League! Die Liga tut gut daran, diese Basis weiter zu pflegen. Weiter auch nach Weissrussland oder eben Basel zu gehen. Solche Dinge nur virtuell oder im Fernsehen zu erleben, ist nicht dasselbe.

Es tönt so, als müsste man sich auch in Basel an die Europa League gewöhnen.
Auch um in der Europa League künftig konkurrenzfähig zu sein, müssen wir uns zur Decke strecken. Eben hat man in der Schweiz die neuen Fernsehverträge bekannt gegeben. Verglichen mit vorigen Jahren ist es sicherlich ein tolles Ergebnis. Aber im internationalen Vergleich ist es sehr wenig. Beispielsweise in Holland oder Dänemark kassieren die Vereine mehr.

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