Hier soll ein Mountainbike-rennen stattfinden? Aber wo, um Himmelswillen, ist denn der dazugehörende Berg? Wer in Hadleigh Farm, gut 60 Kilometer östlich von Downtown London gelegen, ankommt, der sieht am Horizont das Meer. Aber eine markante Erhebung, ein ordentlicher Hügel oder Ähnliches? Fehlanzeige! Lediglich eine sanfte Neigung in Richtung Küste ist auszumachen.

Trotzdem, und das ist eine ansehnliche Leistung, ist es den olympischen Organisatoren gelungen, einen kompetitiven Parcours in die idyllische Landschaft zu pflanzen. Er ist zwar nicht, wie im Vorfeld der Spiele oft gemauschelt wurde, einer der schwierigsten der Welt, aber immer noch überdurchschnittlich anspruchsvoll. Kinder der lokalen Schulen gaben den Schlüsselstellen des knapp fünf Kilometer langen und 172 Höhenmeter aufweisenden Rundkurs mittels eines Wettbewerbs Namen. Die Fahrer müssen durch die Hasenhöhle (The Rabbit Hole) brausen, über den Vertrauenssprung (Leap of Faith) hüpfen, den «Breathtaker» (Atemräuber) oder den «Snake Hill» (Schlangenhügel) hochkraxeln und sich via «Triple Trouble» (Dreifachprobleme), «Rock Garden» (Steingarten) und «Deane’s Drop» (Deanes Fall) wieder in die Tiefe stürzen.

Der Schweizer Nationaltrainer Beat Stirnemann spricht von einer Schlüsselstelle, dem «Rock Garden», einer neu gebauten Abfahrt (insgesamt wurden 500 Tonnen Steinblöcke und 3500 Tonnen Schotter bei der Konstruktion der Strecke verwendet). «Auf diesem Abschnitt hat man drei Linien zur Auswahl. Man muss wissen, wo welche Steine liegen. Wir haben extra mit Videoaufnahmen gearbeitet. Denn wenn man dort nicht korrekt durchkommt, riskiert man einen Platten oder einen Sturz», erklärt der Aargauer, der die Tücken des Geländes am eigenen Leib erfahren musste. Während des Trainings stürzte er und läuft jetzt mit einer Armschlinge herum. In der rechten Schulter rissen die Bänder. «Die anderen Stellen», so Stirnemann, «sind nicht so schwierig. Aber dort ist der Motor entscheidend. Man muss gut kicken können in den Steigungen.»

Etwas, was auch Nino Schurter hervorragend beherrscht. «Er ist ein starker Techniker. Keiner kann den Schwung so gut mitnehmen wie er», schwärmt Stirnemann. Für die grosse Schweizer Medaillenhoffnung verströmt der neu angelegte Kurs Golfplatz-Atmosphäre. «Es ist eine gute Strecke, ich mag sie und sie liegt mir.» Der Bronze-Medaillengewinner von Peking beschreibt den Parcours als «sehr hektisch, mit vielen Richtungsänderungen und Steinfeldern, wo man aufpassen muss, dass man keinen Fehler macht, der zu einem Defekt führt.» Nicht nur Schurter glaubt, dass es ein sehr nervöses Rennen gibt, in welchem die Entscheidung erst spät fallen wird, sondern auch Stirnemann: «Es hat keine selektiven Steigungen im Parcours. Wir rechnen damit, dass es eine Spitzengruppe gibt. Unser Ziel muss es sein, mit allen drei Fahrern vorne präsent zu sein.»

Der Optimismus im Lager der Schweizer ist vor dem heutigen Rennen jedenfalls riesig. «Wir haben einen Trumpf Puur und dazu noch zwei Nell», bemüht Stirnemann einen Vergleich aus der Welt des Jassens. Nino Schurter ist – auch nach Ansicht seines wohl härtesten Gegners, dem Franzosen Julien Absalon – der klare Favorit auf die Goldmedaille. Doch sowohl Florian Vogel als auch Ralph Näf haben das Potenzial, in die Medaillenränge zu fahren. Besonders Näf traut Stirnemann einen Exploit zu: «Er ist heiss auf dieses Rennen. Er liebt diese Strecke. Da passt alles.» Vogel plagen, wie es so seine Art ist, vor dem Rennen ein paar Zweifel. Doch er hat in der Vergangenheit zur Genüge bewiesen, dass er immer für einen Spitzenplatz gut ist. Es ist angerichtet für das grosse Schweizer Schlussfeuerwerk. Die Operation «Goldrausch» kann beginnen.

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