Wohlstand hat nicht nur seine Vorteile, sondern kann im Sport auch kontraproduktiv sein. Wo stossen Sie in Ihrer alltäglichen Arbeit mit den Spielern an Grenzen?
Arno Del Curto: Dann, wenn ich meine Philosophie durchsetzen will, das schnelle Zusammenspiel. Dann stosse ich an Grenzen. Wir Schweizer haben das schönste Land, der Wohlstand ist gross. Das hat zur Folge, dass unsere Gesellschaft unzufriedener wird und immer mehr will. Jeder wird ein bisschen mehr Einzelkämpfer. Das ist für den Teamsport nicht förderlich. Dadurch, dass wir alles haben, werden wir noch gieriger und unzufriedener. Dann kommt auch der Sport nicht mehr an erster Stelle. Sport hat in Schweden, den USA oder in Deutschland und vielen anderen Ländern einen ganz anderen Stellenwert als bei uns. Aber das macht mir persönlich gar nicht aus.

Wirklich?
Ja. Es ist zwar schade im Hinblick auf das, was ich anstrebe. Aber es ist einfach so.

Waren Sie mal so idealistisch, um dieses Phänomen bekämpfen zu wollen?
Ich habe kürzlich im Training einen meiner Spieler gefragt: «Wo nehme ich das letzte Fünkchen Hoffnung her, damit wir unser System endlich so hinbringen, wie ich es will?» Da hat er gesagt: «Wo, weiss ich nicht. Aber das Fünkchen ist ja immer da.» Da hab ich gesagt: «Aber so bringt es ja nichts.» Darauf er: «Doch, doch. Wir schaffen das noch!» Aber ich weiss es: Wir schaffen es nicht. Trotzdem: Ich gebe die Hoffnung natürlich nicht auf, dass wir in Davos dereinst mal das perfekte Zusammenspiel hinbringen. So wie der FC Barcelona, auch wenn der Vergleich von Eishockey mit dem Fussball schwierig und teilweise unfair ist.

Aber warum funktioniert dieser ausgeprägte Kollektivgedanke beim FC Barcelona, wo lauter Millionäre Fussball spielen?
Spanien hat eine Jugendarbeitslosigkeit von 50 Prozent. Dort willst du Fussballer werden und damit Geld verdienen. Das ist einer der wenigen, sich bietenden Auswege. Dazu haben die Menschen nicht viel anderes als Sonne, Meer und ihr Fussballteam. Die Spanier sind sportverrückt. Sie können die besten Fussballer der Welt holen. Und – das ist ganz wichtig: Sie trainieren schon von Kindsbeinen an für das sogenannte «Barcelona-System» Die grosse Arbeit passiert in der Jugend.

Die Jugendarbeit wird auch bei uns zunehmend professioneller.
Aber in der Schweiz kann ich doch keinen 10-Jährigen nach Davos transferieren. Hier würde die Mutter sagen: «Gehts noch?» Wenn in Brasilien ein 10-Jähriger aus den Slums von einem Fussballteam geködert wird, sagt die Mutter: «Ja, geh!» – weil die Hoffnung besteht, dass der Sohn mal 6 Millionen pro Jahr verdient. Die Chancen, dass du in der Schweiz als Eishockeyspieler 400 00 Franken pro Jahr verdienst, sind vergleichsweise klein. Da werden andere Prioritäten gesetzt.

Es hat ja auch etwas Gutes, wenn bei uns die Schule und die Ausbildung Priorität geniessen.
Ja, da habe ich auch nichts dagegen! Die einzige Möglichkeit, etwas Ähnliches aufzubauen, wäre die Erschaffung von lokalen Eishockey-Leistungszentren. Beispielsweise im Kanton Aargau. Dort könnten die Kids hin, die Schule besuchen, trainieren und abends wieder nach Hause. Man hätte dort die besten Trainer und mit Vorteil auch noch eine Mannschaft, die eventuell in der NLB spielt.

Aber warum tun wir uns so schwer, dem Sport mehr Gewicht einzuräumen? Wir haben viel Geld, schaffen es aber nicht einmal, innert nützlicher Frist richtige Stadien zu bauen.
Vielleicht kommt der Tag X, wo es auch uns mal schlechter geht und der Sport einen höheren Stellenwert bekommt. Wir haben zu viele Verhinderer in unserem Land. Es fehlt die Leidenschaft. Jeder schaut nur für sich. Einiges ist verkrustet.

Ist das ein Mentalitätsproblem?
Ich glaube schon. Es gibt auf der ganzen Welt Leute, die den Fortschritt und das leistungsorientierte Denken verhindern. Die gibt es auch bei uns.

Auf der anderen Seite ist aber auch der Katzenjammer gross, wenn die Nationalmannschaften verlieren oder die Skifahrer abstürzen. Wie erklären Sie sich dieses Phänomen?
Das darf man nicht ernst nehmen. Am besten ist es sowieso, in schwierigen Phasen in aller Ruhe weiterzuarbeiten. Das würde ich auch den Schweizer Skifahrern empfehlen.

Das ist aber einfacher gesagt als getan. Gerade der Druck durch die Medien wird immer grösser.
Das ist egal. Anders geht es nicht. Dann darf man halt keine Zeitung lesen, sich nicht von aussen beeinflussen lassen. Man muss sich hinstellen und klar kommunizieren, was Sache ist, sich vielleicht auch langfristigere Ziele stecken.

Mit dem HC Davos machen Sie derzeit auch eine schwierige Phase durch.
Ja, wir hatten und haben viel Verletzungspech, und ausserdem befinden wir uns in einer Übergangsphase. Wenn wir den HC Davos wieder als Spitzenteam positionieren wollen, braucht das Zeit. Normalerweise braucht man dafür vier oder fünf Jahre. Wir versuchen es, innert zweier Jahre zu schaffen. Das ist eigentlich nicht normal.

Wird der Umgang mit den Spielern im Falle von Misserfolgen schwieriger?
Nein. Der Umgang untereinander ist genau gleich: Wir lachen viel, arbeiten in Ruhe weiter. Weil wir wissen: Wenn alle Verletzten wieder fit sind, dann wird es sicher etwas besser. Höchstens in den Partien selbst reagieren die Spieler anders. Momentan verlieren wir Spiele, die wir in den letzten Jahren normalerweise gewonnen hätten. Vielleicht, weil die Spieler in den entscheidenden Momenten einen Tick zögerlicher agieren.

Wie versuchen Sie, ihre «verwöhnten» Spieler aus der Reserve zu locken?
Ganz wichtig ist, dass man täglich gewisse Probleme thematisiert. Manchmal ein bisschen mehr, manchmal ein bisschen weniger. Kürzlich haben wir im Kantonsspital Chur die Kinderabteilung besucht. Da gehen einem die Augen auf. Ich finde das nicht mehr als normal, so etwas zu tun. Und ich merke, dass diese Art von «Realitäts-Checks» uns allen guttut.

Solche Erfahrungen relativieren vieles …
Absolut. Man bekommt eine Perspektive dafür, was wirklich wichtig ist im Leben und wie gut es uns eigentlich geht. Ich würde mich beispielsweise nie bei meinem Nachbarn beklagen, dass die Äste seines Baums zehn Zentimeter in mein Grundstück hereingewachsen sind und nachher 30 Jahre nicht mehr «grüezi» sagen oder ihn deswegen sogar vor Gericht zerren. Über solche Probleme kann ich nur lachen.

Gehen Sie mit Kritik, die Sie bei Ihrer Arbeit beim HCD erhalten, ähnlich um?
Bis jetzt mussten wir uns kaum mit Kritik auseinandersetzen. Vielleicht kommt sie langsam, wenn wir weiter verlieren.

Und dann ignorieren Sie die Kritiker?
Nein, nicht ignorieren. Wenn man jemanden ignoriert, denkt man nachher trotzdem über das nach, was einem gesagt wurde. Zuhören und dann sofort vergessen ist das bessere Rezept. Ich lebe sowieso in meiner eigenen Welt und lasse mich nicht von aussen beeinflussen. Nur ich weiss, was es braucht, um meine Ziele zu erreichen.

Wie reagieren Ihre Spieler auf Kritik?
Das ist sehr unterschiedlich. Bei den einen kann man sich Gehör verschaffen, an die anderen kommt man nicht so heran. Das ist eine Reifefrage. Vielen der Jungen geht heutzutage einiges «am Arsch vorbei». Das kann eine Stärke sein, kann aber auch zu einer Schwäche werden, wenn es darauf ankommt, wie man sein Leben gestalten muss. Wenn ich früher einen Seich gemacht habe, hatte ich Angst vor den Konsequenzen. Heute fürchtet diese kaum einer mehr. Das wird zum Problem, wenn man Verantwortung übernehmen muss. Dazu ist man dann nicht in der Lage.

Ist das eine Frage der Erziehung?
Ich kann nur für mich reden. Ich habe erst mit ungefähr 30 Jahren gemerkt, dass mir mein Vater mit den Leitplanken, die er mir gesetzt hat, das Rüstzeugs fürs Leben mitgegeben hat. Ich war ein Rebell, liebte die Musik, musste aber eine Banklehre machen, die mir mein Vater in St. Moritz dank seines Ansehens besorgt hatte. Aber im Nachhinein war ich froh, hab ich es durchgezogen. Und ich war sicher kein mustergültiger Banker (lacht).

Wie hat Ihr Vater Sie noch geprägt?
Ich habe ihn immer bewundert für seine Leidenschaft, die er für das Skispringen hatte. Er war in den 1980er- und 1990er-Jahren Schanzenchef in St. Moritz, Sprungrichter und technischer Delegierter der FIS. Damals war Skispringen noch ein Randsport – ohne Stars wie Schmitt oder Hannawald und den Übertragungen auf RTL. Aber trotzdem leuchteten seine Augen jedes Mal, wenn er seine tägliche Arbeit bei der Schanzenpräparation verrichtete. Er war in seiner Welt. Das hat mich damals gewundert und später sehr beeindruckt.

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