Kurz vor dem Abschied dreht sich Xherdan Shaqiri nochmals um. Er streicht mit den Händen über seine Wangen. «Ich habe noch einen Termin beim Zahnarzt», sagt er. Warum? «Ich lasse meine Weisheitszähne ziehen. Nicht, dass ich an der WM noch unnötige Probleme bekomme.»

Die Begegnung fand Ende Februar in München statt. Jetzt ist der grosse Tag gekommen. Und natürlich steht er, Shaqiri, im Mittelpunkt. Wie immer. Die Fragen kurz vor dem Abflug nach Brasilia gleichen sich. Kann er die riesigen Erwartungen an ihn überhaupt erfüllen? Shaqiri, am 10. Oktober wird er 23 Jahre alt, ist die grosse Hoffnung einer Schweizer Nation, die in Brasilien den grossen Coup ersehnt.

Shaqiri ist mehr als ein Fussballer. Er ist ein Lifestyle-Produkt. Seine Frisur sitzt immer. Seine Geschichte, aber auch sein Auftreten interessiert nicht nur die Fussball-Fanatiker. Seine Facebook-Seite gefällt 1 219 801 Leuten.

Shaqiri gilt als Musterbeispiel für gelungene Integration. Er scheut sich nicht zu sagen: «Wenn ich von Ausländern höre, die ‹Seich› machen, schäme ich mich.» Gleichzeitig ähnelt Shaqiri eben gerade nicht dem typischen, zurückhaltenden Schweizer. Er ist Vertreter einer Generation, die selbstbewusst ist und dazu steht. Seine Herausforderung ist, dass dieses Selbstbewusstsein nicht ins Überhebliche kippt. Das gelingt nicht immer. Sätze, wonach er beim grossen FC Bayern München nichts mehr zu beweisen habe, halten einige für ziemlich unangebracht.

Es gibt Momente mit Shaqiri auf dem Fussballplatz, in denen sich manch ein Zuschauer fragt: «Halten die Albaner Shaqiri wirklich für einen Helden?» Obwohl er manchmal gegen sie spielt? Nach den Pfiffen im WM-Qualifikations-Heimspiel der Schweiz gegen Albanien sagt Naim Malaj, der kosovarische Botschafter zu uns: «Shaqiri ist kein Verräter, sondern ein Held! Das ist die wahre Meinung im Kosovo über ihn. Die Schweizer Spieler mit kosovarischen Wurzeln sind die besten Botschafter für unser Land, die es überhaupt gibt.» Ein Besuch der «Schweiz am Sonntag» in seinem kosovarischen Heimatdorf Zheger bestätigt dies.

Seine Karriere beginnt Xherdan Shaqiri mit vier Jahren beim SV Augst. Er weint manchmal, wenn ihn sein Vater ins Training bringt. Bald aber, er war schon damals der Kleinste, schiesst er Tor um Tor. Mit acht wechselt er in die Juniorenabteilung des FC Basel. Der Aufstieg zum Star ist nicht vorprogrammiert. Der FC Basel sucht für Shaqiri eine Lehrstelle. Eines Tages erhält Shaqiris späterer Chef einen Anruf des FCB. «Ich habe einen Junior bei mir, der sich für Mode interessiert. Hättet ihr nicht eine Lehrstelle für ihn? Aus ihm wird nichts, der ist viel zu klein.» Shaqiri beginnt eine Lehre als Mode-Verkäufer in Basel. «Mein Chef war leidenschaftlicher GC-Fan. Wir hatten die lustigsten Diskussionen», sagt Shaqiri.

Sein ehemaliger Chef arbeitet mittlerweile in Pfäffikon. Er sagt: «Ich finde es peinlich, wenn jeder, der mit Roger Federer schon einmal einen Kaffee getrunken hat, sich in den Vordergrund drängen will.» Die Bitte, seinen Namen nicht in der Zeitung zu veröffentlichen, gewähren wir.

Shaqiri kam in die Schule oder ins Büro, das schon. Sein Chef blickt zurück: «Ich habe schnell gemerkt: Xherdan ist mit seinen Gedanken immer beim Fussball. Er litt, wenn er lernen musste. Schliesslich habe ich ihm gesagt: ‹Wenn immer du kannst, geh ins Training!›»

Mit 16 erhält Shaqiri ein Angebot von GC. «Ich habe ihm davon abgeraten, auch wenn ich die Vorstellung natürlich reizvoll gefunden hätte», sagt sein Chef. Es ist der richtige Entscheid. Unter Thorsten Fink darf Shaqiri immer mehr mit der ersten Mannschaft des FCB trainieren. Im Sommer 2008 nimmt er am Trainingslager teil. «Danach haben wir ihn immer weniger gesehen im Büro.»

Als der FCB merkt, dass Shaqiri nicht Büro-Weltmeister ist, wird eine Krisensitzung einberufen. «Sie sagten ihm, er müsse lernen, hinten anzustehen, eine eigene Persönlichkeit zu bilden und dürfe die Lehre nicht vernachlässigen», erinnert sich sein Chef. Shaqiri lässt es über sich ergehen. Im Januar 2009 unterschreibt er seinen ersten Profi-Vertrag beim FC Basel. Es ist der Beginn einer Erfolgsgeschichte. «Danach überlegten wir uns: Bringt es noch etwas, die Lehre weiterzumachen?» Nein. «Shaqiri hätte vier Wochen am Stück voll arbeiten und lernen müssen. Diese Zeit hatte er nicht mehr.» Er bricht die Lehre ab. Eine Erlösung.

Aus dem 16-jährigen Talent, das viel zu klein schien für den Profifussball, ist der Schweizer Hoffnungsträger an der WM in Brasilien geworden. Die Zähne schmerzen nicht. Beiss zu, Xherdan!

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