VON PATRIK SCHNEIDER UND ADRIAN HUNZIKER

Russell Coutts, der America’s Cup sollte ein freundschaftlicher Wettbewerb sein. So steht es zumindest in der Stiftungsurkunde, der «Deed of Gift». Haben beide Teams versagt?
Klar sind viele Leute enttäuscht über das, was in den letzten beiden Jahren passiert ist. Nach dem erfolgreichen Cup 2007 konnte man eine solche Entwicklung nicht erwarten. Die Gerichtshöfe haben bereits elf Beschlüsse fassen müssen. In zehn von diesen elf haben wir recht bekommen, zehn von elf Entscheiden fielen also gegen die Société Nautique de Genève (SNG), den Organisator und Treuhänder des Cups, aus. Da wird doch langsam jeder merken, dass da etwas faul sein muss. So etwas hat es noch nie gegeben.

Sie haben die besseren Anwälte.
Nein, ausschlaggebend sind allein die Fakten. Wir haben nie den Anspruch erhoben, die besseren Anwälte zu haben. Wenn das jemand tat, dann die SNG.

Gehen Sie gerne vor Gericht?
(lacht) Nein, überhaupt nicht. Weil es keine internationale Jury gibt, musste bedauerlicherweise alles vor Gericht behandelt werden. Gewisse Dinge wären zweifellos schneller gelöst gewesen, wenn sich Alinghi und die SNG nicht gegen eine Expertengruppe gesträubt hätten, die sich der segeltechnischen Fragen annimmt. Es bedurfte einer Anordnung des Gerichts. Beide Parteien haben daraufhin je einen Experten bestimmt und diese beiden einen dritten. Innert weniger Tage behandelte dieses Dreiergremium fünf Punkte. Und alle ihre Entscheidungen waren einstimmig. Das Gericht hätte dafür wahrscheinlich Monate oder noch länger gebraucht. Es gibt keinen Grund, warum das nicht schon viel früher hätte passieren können. Denn als Cup-Treuhänder – so sollte man meinen – hat man die Verpflichtung, alles darnazusetzen, um die Probleme aus der Welt zu schaffen.

Hat die SNG nie versucht, mit Ihnen zu verhandeln?
Nein, nicht ein einziges Mal. Es gab einmal ein Meeting, aber das war keine Verhandlung. Sie hatten viele Chancen, wir haben viele Lösungen vorgeschlagen, aber sie haben alles abgelehnt. Ebenso unsere Offerte, in gegenseitigem Einvernehmen zu ähnlichen Regeln wie bei der letzten Austragung zurückzukehren, dafür mit neuen Booten. Warum dies nicht möglich sein soll, darauf gaben sie uns nie eine Antwort. Sie sagten, wie so oft: Die wollen nur wieder vor Gericht. Aber wir hatten doch gar keine andere Wahl. Wenn jemand solch verrückte Regeln aufstellt, müssen wir diese doch bekämpfen.

Nennen Sie uns ein Beispiel.
Die Dimensionen unseres Bootes hätten gemäss SNG nicht nur der «Deed of Gift», sondern exakt jenem Zertifikat entsprechen müssen, das wir damals eingereicht haben. Ein Ding der Unmöglichkeit. Jeder Physikstudent wird bestätigen, dass das Vermessen eines Bootes in Genf allein aufgrund der temperaturbedingten Ausdehnung des Materials nicht dasselbe Resultat liefert wie an einem anderen Ort der Welt. Eine einzige Partei kann nicht einfach alles diktieren. Das funktioniert doch in der heutigen Zeit nicht mehr. Ein solches Verhalten ist durchwegs inakzeptabel. Oder können Sie sich vorstellen, dass ein Fussballteam hier in der Schweiz die Macht hätte über die ganze Liga, die Offiziellen und Schiedsrichter bestimmen und einfach die Regeln ändern könnte? Im Wissen, dass der Gegner keine Chance mehr hat, sie einzuhalten? Der America’s Cup soll schwierig zu gewinnen sein. Es soll aber nicht unmöglich sein, ihn zu verlieren. Das wollen die Sportfans nicht. Wenn man keine Chance hat zu gewinnen, weil die Regeln so einseitig ausgelegt werden, dann ist ein Wettkampf sinnlos.

Gehören solche Streitereien nicht zum America’s Cup?
Nein, solch riesige Probleme hat es in der Geschichte des Cups noch nie gegeben. Es gab Unstimmigkeiten, aber nie in diesem Ausmass.

Der Golden Gate Yacht Club (GGYC) hat vor Gericht gefordert, die SNG aufgrund mehrerer Verletzungen ihrer Pflichten durch einen unabhängigen Treuhänder zu ersetzen. Wann erwarten Sie das Urteil?
Wir müssen erst noch weitere Beweise präsentieren. Sobald alles vorhanden ist, hoffe ich, dass bald ein Entscheid gefällt werden kann. Die Beweislage ist ziemlich klar. Es ist zwar legitim, wenn ein Organisator mit dem America’s Cup Geld verdienen will. Es ist aber eine andere Geschichte, wenn man gleichzeitig noch Nebengeschäfte abwickelt.

Mit welchen Konsequenzen muss Alinghi rechnen?
Das muss das Gericht entscheiden, dazu kann ich nichts sagen, ich bin kein Anwalt. Wir wissen es schlicht nicht, weil kein vergleichbarer Fall vorhanden ist. Aber es ist ein grundlegendes Problem. Wir müssen die Werte des Cups schützen. Diese Art, sich zu benehmen . . . das kann so nicht weitergehen.

Wäre die Geschichte anders verlaufen, wenn nicht zwei egozentrische Milliardäre hinter den beidenTeams stehen würden?
Das ist die Story, die die Medien gerne erzählen. Man sucht eine einfache Lösung, folglich entsteht das Gerücht, dass es um die Rivalität zwischen zwei Personen geht, die sich nicht mögen. Doch das ist nicht die Realität. Wenn die SNG behauptet, wir seien die, die alles im Gerichtshof lösen wollen, lenken sie damit nur von den echten Problemen ab. Wir sind nie vor Gericht gegangen, weil einer den anderen nicht leiden konnte. Ob das nun zwei Milliardäre, zwei Bauern oder zwei Anwälte sind, spielt keine Rolle.

Bauern könnten sich einen über zweijährigen Streit vor Gericht doch nicht leisten.
Da haben Sie natürlich recht. Zum Glück gab es jemanden wie Larry Ellison, der das Geld aufbringt, um all die Fragen, die wir der SNG stellen mussten, zu beantworten. Team New Zealand hätte das, obwohl es ebenfalls eine Beschwerde eingereicht hat, nie geschafft. Letztlich wollen wir aber doch alle nur das eine: ein grossartiges Duell auf dem Wasser.

Sie kennen Ernesto Bertarelli seit Jahren. Wie würden Sie ihn charakterisieren?
Diese Beurteilung überlasse ich anderen.

Was werfen Sie ihm denn vor?
Die Details stehen in der Beschwerde und sie richten sich gegen den Treuhänder, die SNG, und nicht direkt gegen Bertarelli. Weder ich noch das Team haben unsere Anliegen je personalisiert. Es geht rein um die Fakten.

Wann kehrt der America’s Cup aufs Wasser zurück?
Ich bin optimistisch, dass wir wie vorgesehen im Februar in Valencia segeln werden. Die letzte Berufung von Alinghi wurde zwar noch nicht behandelt, aber ich erwarte nicht, dass der Entscheid gegen Ras Al-Khaimah wieder umgestossen wird. Auf den Zeitpunkt, da das Duell endlich stattfinden kann, haben nicht nur wir lange gewartet. Darauf wartet die ganze Welt. Dieses leidige Kapitel soll endlich beendet werden.

Ist der Imageschaden, den der Segelsport erlitten hat, reparabel?
Ich glaube, ja, aber es braucht Zeit. Ein fantastisches Rennen zweier spektakulärer Jachten kann sicherlich helfen. Vor allem aber muss ein System mit einem neutralen und unabhängigen Management eingesetzt werden. Das hören wir von allen Parteien. Alinghi ist da völlig isoliert.

Was passiert, sollte Alinghi den 33. America’s Cup gewinnen?
Die Schweizer haben einmal gesagt, sie würden weiterhin auf Mehrrumpfboote setzen. Für uns ist das Wichtigste, für die Zukunft eine Einigkeit zu schaffen. Es ist nicht korrekt, die 158-jährige Geschichte des Cups einfach wegzuwerfen und dem Rest der Welt ein neues Konzept aufzudrängen, obwohl das gar niemand will. Die letzten zwei Jahre zeigen deutlich, dass dieses System nicht funktionieren kann.

Vermissen Sie eigentlich die Schweiz?
Oh, wir liebten es, hier zu leben. Die Schweiz hat einen fantastischen Lifestyle. Die Schweizer wissen gar nicht, wie viel Glück sie haben. Wenn man nach draussen will, um Sport zu treiben, ist die Schweiz perfekt.

Wo ist Ihre Familie zurzeit?
Die ist seit kurzem wieder in Valencia. Unser Boot ist ebenfalls auf dem Weg dorthin. Es sind ja auch nur noch zwei Monate bis zum ersten Rennen.

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