Als Kind litt er unter dem alkoholsüchtigen Vater und den fiesen Mitschülern. Als Erwachsener verlor er nicht nur viel Geld, sondern auch einen Sohn. Trotzdem steht Jürgen Blin wieder auf den Beinen und traut sich immer noch in den Ring.

Bald tut er etwas, das er sich nicht gewohnt ist. Jürgen Blin macht das Licht aus. Auf der Südseite des Hamburger Hauptbahnhofs, in der Unterführung an der Kirchenallee, wird es seine Bier- und Snackbar nicht mehr geben. Raucherlokale sollen künftig vom Areal verschwinden. Blin zieht nicht um. Der Box-Europameister von 1972 steht aufrecht hinter dem Tresen, macht mit der offenen rechten Hand eine kurze Bewegung von links nach rechts. «Ich höre ganz auf», sagt der 68-Jährige. Höchstens noch anderthalb Jahre, dann ist Schluss.

Aufhören, aufgeben, das ist nicht seine Art. Der Ruhestand beunruhigt ihn. «Ich habe ein wenig Angst davor», sagt Blin. Er, der sich vor niemandem gefürchtet hat. Nicht vor Gerhard Zech, Wilhelm von Homburg oder Ray Patterson, nicht vor Joe Bugner, George Johnson oder Ron Lyle. «Es konnte kommen, wer wollte», sagt Blin, «mir war es egal. Ich habe alle geboxt.» Er hatte auch keine Angst vor dem Grössten aller Zeiten, vor Muhammad Ali, mit dem er sich am Stephanstag 1971 im Zürcher Hallenstadion einen «mitreissenden Kampf» lieferte, wie die «NZZ» am darauffolgenden Tag berichtete. Heute fürchtet sich Blin vor einem bedrohlicheren Gegner – vor der Langeweile.

Fast jeden Tag macht er hier um 6 Uhr früh das Licht an. Seine Kneipe ist sein Ring. Kaum grösser ist sie als sein früherer Arbeitsplatz. Rauch kräuselt im Kegel eines Spotlichts über dem Tresen. Es ist morgens um 10 Uhr. Die Bar ist gut besucht. Ständig halten die Gäste leere Bierflaschen in die Luft und schwenken sie nach links und rechts. Blin winkt in den Hinterraum, wo sich gelbe und rote Bierkisten stapeln. «Was denkst du, was hier täglich verbraucht wird?», fragt er. Die zerzausten Haare, die zerfurchten Gesichter auf den Hockern verraten, dass es viel sein muss. Nur an Bier fliessen hier von 6 bis 24 Uhr täglich 150 Liter die Kehlen runter. Auch Bacardi Colas muss Blin immerzu ausschenken, selbst jetzt mitten im Vormittag.

Alkohol, Rauch und Spiel. In den zwei Automaten an der gegenüberliegenden, vergilbten Wand verschwinden jede Woche an die 50 000 Euro. Die danebenstehende Jukebox vertont mit Bryan Adams und Wolfgang Petry womöglich geplatzte Träume. Zu Blins Gästen zählen Durchreisende, die kurz einen Kaffee trinken oder für 50 Cent die Toilette benutzen. Stammgäste hat er auch viele. An diesem Morgen sind einige Nachtarbeiter am Trinken und Zocken: ein Bäcker, ein Lagerist vom Grossmarkt. Auch Hartz-IV-Empfänger kommen.

Grosszügig sind sie trotzdem. Blin bekommt pro Schicht an die zwanzig Cuba Libre spendiert. Er trinkt sie nicht. Ein Glas Wein zu einer Feier geht in Ordnung, sonst nichts. Bis vor kurzem rannte er dreimal die Woche sieben Kilometer. Jetzt hat er aufgrund eines schiefen Beckens verkrampfte Oberschenkel. Das ist auch an seinem hinkenden Gang sichtbar. Trotzdem trainiert er.

In seinem Haus in Hamburg Boberg läuft er alle paar Tage 15-mal die fünfzig Treppenstufen schnell hoch und langsam runter. Deshalb ist er so geblieben, wie er es als Boxer war. Wendig, schnell. Wie im Ring tanzt er hinter der Bar. Er greift in der Kühlschublade nach Bier, öffnet es, wirft den Deckel in den Abfall, stellt die Flasche vor den Kunden, kassiert die Zeche und tippt den Betrag in die Kasse – oder er schreibt ihn auf einen Notizblock. Nicht jeder kann sogleich zahlen. Jürgen Blin drückt ein Auge zu, vielleicht gar beide. Die Striche auf dem vergilbten Block sind unzählig. Mehrmals hat er den Betrag «50.–» notiert. Er weiss, dass sie irgendwann zahlen werden, am Ende der Woche.

Blin weiss, wie hart das Schicksal zuschlagen kann. Er weiss es von der Wiege auf. Sein Vater trank. Immer wieder gab es Ärger mit den Bauern, bei denen dieser als Melker angestellt war. Immer wieder musste die Familie umziehen. Sechsmal kommt Jürgen Blin in eine neue Schule. Er ist es, der anstelle des Vaters um 4Uhr morgens im Stall melkt und danach im Klassenzimmer nach Mist stinkt. Niemand will sich neben ihn setzen. «Kinder können grausam sein», sagt er. Nie mehr möchte er zurück. «Ich war vollkommen verstört. Oft ging ich in den Wald und heulte.»

Mit vierzehneinhalb flüchtet er nach Hamburg. Er arbeitet auf Schiffen, reist nach Liberia, Kanada, Norwegen, putzt Messing für 100 Mark im Monat. «Wäre ich über Bord gegangen, hätte kein Hahn nach mir gekräht.» Doch er hatte auch Glück. Zurück in Hamburg, lernt er einen Metzger kennen, der sich um ihn kümmert, ihm eine Lehre und ein Zuhause anbietet. Was sollte er abends machen? Gegenüber der Fleischerei gab es eine Boxhalle. «Ich habe meine Chance gesehen», sagt Blin. Beim Boxen hat er erstmals gemerkt: «Du kannst ja doch etwas.»

Training um Training, Kampf um Kampf, Sieg um Sieg steigt sein Selbstvertrauen. «Ich wollte unbedingt Profi werden, um raus aus dem Dreck zu kommen.» Er schafft es. Blin wird Hamburger Meister, Deutscher Amateurmeister, Deutscher Meister. 1970 und 1971 kämpft er erfolglos um den EM-Titel, dann bekommt er den Kampf seines Lebens.

Für 180 000 Mark steigt er am 26. Dezember vor 40 Jahren im Zürcher Hallenstadion gegen Muhammad Ali in den Ring. Was grundverschieden aussah, war eigentlich ein Treffen zweier Gleichgesinnter: Der stille Blonde, der sich mit seinen Fäusten von seiner Vergangenheit emanzipiert, trifft auf Ali, der mit voller Lautstärke gegen die Diskriminierung der Schwarzen einsteht. Nach sieben rabiaten Runden ist der mutige Blin ausgepumpt, geht in die Seile, dann in die Knie.

Sportlich habe der Kampf nichts gebracht, sagt Blin. «Ich hatte ohnehin keine Chance. Der EM-Titel 1972 war mir viel wichtiger.» Mit Ali hat er dennoch gewonnen. «Wenn ich heute in die USA fliege, darf ich in der Buisness-Class zurückreisen. Alles geht leichter.» In diesem Moment rasselt es in einem Automaten. Ein Kunde hat 260 Euro gewonnen. Die Münzen klirren.

Lange taten sie das auch in Blins Kassen. Eine Million Mark hatte er in seiner Karriere verdient. Er eröffnet mehrere Imbissbuden, besitzt Immobilien. Doch kaum senkt er die Deckung, trifft ihn erneut das Schicksal. Nach der Scheidung gibt er einen Teil seiner Geschäfte an die Ex-Frau und an die Söhne ab. In Zerstreutheit unterschreibt er eine Bürgschaft, die ihn später eine Million kosten wird. Fast sein ganzes Vermögen ist dahin.

Und Blin erlebt nicht nur finanzielle Sorgen. Knut, der jüngste der drei Söhne, ist ab dem 20. Lebensjahr manisch-depressiv. Der begnadete Boxer und deutsche Juniorenmeister beendet seine Karriere und quält sich 16 Jahre lang bis zu seinem Freitod 2004 mit seiner Krankheit. Jürgen Blins neue Partnerin, mit der er seit 18 Jahren glücklich liiert ist, kämpfte zweimal erfolgreich gegen schwere Krebsformen. Blin blickt auf all das zurück. «Das waren schwere Schläge», sagt er nachdenklich an seiner Bar stehend, «ich bin froh, ist alles vorbei.»

Er steht wieder. Er hat sein Haus, einige Wohnungen und noch eine Weile lang die Kneipe. Er sieht glücklich aus. «Man kann sich vor den Bahnhof stellen und man kann etwas dagegen machen», sagt er. Das wollte er Jugendlichen im Problemviertel Jenefeld anhand des Boxens beibringen, konnte bei den Projektleitern aber nicht seine hohen Disziplinansprüche durchbringen. In der «Ritze», dem legendären Hamburger Box-Keller, zeigt er, dass er immer noch Biss hat. Er springt Seil, hebt Gewichte, lässt den Sandsack baumeln. Und er traut sich in den Ring, auch gegen einen 30-Jährigen. «Kneifen gilt nicht», sagt Blin. In allen Lebenslagen.

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