Der FC Luzern trennt sich von Mahmoud Kahraba, doch der Sportchef kommuniziert nicht – warum?
Alex Frei: Als der Präsident, der Trainer und ich darüber beraten haben, wie wir die Trennung kommunizieren, wollte der Trainer diese Aufgabe übernehmen. Für den Präsidenten und mich war das in Ordnung. Ich finde es scheinheilig, wenn mir nun Passivität vorgeworfen wird. Denn wäre ich an die Öffentlichkeit gegangen, hätte es geheissen, die Trennung sei einzig und allein mein Entscheid gewesen. Wir treffen Entscheide gemeinsam, nicht einzeln.

Aber Unruhe kam nicht wegen der Trennung allein auf, sondern weil Sie an jenem Tag untergetaucht waren.
Ich war an diesem Tag immer erreichbar. Wichtig bei dieser Trennung war einzig, dass die gesamte Klubleitung in diesem Fall einer Meinung war.

Spezielle Menschen brauchen auch eine spezielle Behandlung. Wollen Sie nur brave Befehlsempfänger?
Man muss differenzieren. Was verträgt es im positiven, was im negativen Sinn? Ich bin der Erste, der eigenwillige Spieler mit Ecken und Kanten begrüsst – aber immer zum Wohl des Klubs. Selbst wenn man egozentrisch ist, muss es immer im Rahmen des Erträglichen sein. Hoffentlich gibt es noch eigenwillige Spieler. Die braucht es. Es muss auch die geben, die sagen: «Hey Trainer, oder hey Sportchef, du hast nicht recht.» Aber dann erwarte ich auch, dass er in jedem zweiten und nicht nur in jedem achten Spiel eine bestimmende Rolle spielt.

Hat sich der Spieler Alex Frei immer in diesem Rahmen bewegt, wie ihn der Sportchef Alex Frei nun definiert?
Immer. Sie können fragen, wen sie wollen. Ich habe nie einen Trainer oder Sportchef beleidigt. Ich habe kontrovers diskutiert. Aber die Kinderstube habe ich dabei nie vergessen. Selbstverständlich habe auch ich Fehler gemacht, die ich nicht rückgängig machen kann. Es sind Dinge passiert wie 2004 (Frei bespuckte den Engländer Steven Gerard – die Red.). Ja, in diesem Fall hat der Anstand gefehlt. Damit muss ich leben.

Sie fordern, dass die Spieler nicht ihre ganze Freizeit vor der Playstation verbringen. Geht dieser erzieherische Ansatz nicht etwas zu weit?
Es geht um die Sensibilisierung der Spieler und darum, dass man sich auch in der Freizeit mit seinem privilegierten Job auseinandersetzen muss. Es sollte doch für einen fremdsprachigen Spieler selbstverständlich sein, einen Deutschkurs zu besuchen.

Das heisst, man sieht dies auch auf dem Trainingsplatz? Und hat ein Spieler, der seine Freizeit sinnvoll nutzt, bei Ihnen einen Stein im Brett?
Bestimmt. Natürlich hat die Leistung auf dem Platz erste Priorität. Aber klammert man mal die unberechenbare Komponente aus, findet man häufig eine Erklärung für einen Leistungsabfall oder eine Leistungsexplosion. Wenn ein Leistungsabfall darin gründet, dass sich der Spieler zu wenig intensiv mit seinem Beruf auseinandersetzt, wird er Probleme mit dem Trainer oder mir kriegen.

Sehen Sie einen Zusammenhang zwischen den ernüchternden Resultaten und dem Fakt, dass Spieler wie Rangelov, Puljic, Renggli und wohl auch Stahel und Lustenberger in Luzern keine Zukunft mehr haben?
Lustenberger hat einen Vertrag bei uns und kämpft um seinen Stammplatz. Bei Rangelov stehen die letzten Gespräche noch an. Wir hätten aber kein Verständnis dafür, sollte dies die Ursache sein. Natürlich ist es für einen Spieler im ersten Moment enttäuschend, wenn wir ihm mitteilen, dass sich unsere Wege zum Saisonende trennen. Aber trotzdem dürfen wir erwarten, dass die Spieler bis zum letzten Tag ihre Leistung bringen.

Mussten Sie gewisse Erwartungen – Stichwort erzieherische Massnahmen – runterschrauben?
Ja. Was für mich normal ist, kann nicht für alle anderen der Massstab sein. In dieser Hinsicht musste ich einen Weg finden. Ich war aber auch nicht davon ausgegangen, dass alle Spieler wie ein Magnin, ein Huggel oder ein Kehl funktionieren. Aber irgendwann kann man die Spieler schon etwas beeinflussen.

Warum zählen Sie nur Spieler auf, die eher als wertkonservativ gelten? Warum zählen Sie nicht einen divenhaften Exzentriker wie Cristiano Ronaldo auf?
Selbstverständlich verhält sich Ronaldo bisweilen divenhaft. Aber wenn man in Madrid nachfragt, wer lange vor und lange nach dem Training auf dem Platz steht, lautet die Antwort stets: Ronaldo.

Aber Sie stehen auf bodenständige Typen mit grossem Arbeitsethos.
Wir möchten Spieler, die dankbar sind und ehrlichen Fussball spielen. Wir wollen Spieler, die alles für den maximalen Erfolg tun. Wenn der maximale Erfolg Tabellenplatz fünf ist, dann ist es so. Aber dann weiss ich, dass jeder einzelne zu Hause in den Spiegel schauen kann. Es darf nie sein, dass man Ende Saison sagt: «Oh hätten wir doch.» Das darf nie sein.

Ich behaupte, Sie nutzen erst einen Bruchteil Ihres Wissens. Kaum einer vertieft sich so intensiv in den internationalen Fussball. Doch Transfers tätigen Sie fast ausschliesslich in der Schweiz.
Bevor wir einen Spieler verpflichten, fragen wir uns: Passt er in die Mannschaft? Kann sich das Publikum mit diesem Spieler identifizieren? Ausserdem gibt es die internationalen Richtlinien der Ausbildungsentschädigung, die uns immer mal wieder abschrecken. Der Markt für den FC Luzern ist begrenzt. Bei einer erfolgreichen Super-League-Mannschaft muss das Grundgerüst aus Schweizer Spielern bestehen.

Wie frustrierend ist es, dass Sie wegen der begrenzten finanziellen Mittel Ihr Netzwerk und Ihr Wissen nur begrenzt nutzen können?
Überhaupt nicht. Luzern ist eine ungemein tolle und herausfordernde Aufgabe. Es gilt, mit bescheidenen Mitteln viel zu machen. Etwas nach unserer Idee und unserer Philosophie zu konstruieren ist viel interessanter als in den grossen Lollipop-Laden zu marschieren und wahllos alles einzupacken.

Klar ist, dass Thuns Stürmer Marco Schneuwly ab der kommenden Saison für Luzern spielt. Warum glauben Sie, macht ein Spieler aus Thun den FC Luzern stärker?
Weil er mit seiner Art, Fussball zu spielen, hierher passt. Und auch mit dem grösseren Druck, der hier herrscht, umgehen kann. In Thun definieren sich die Spieler als Mannschaft und holen so das Maximum aus ihren Möglichkeiten heraus. Ich habe seine sehr gute Statistik erst bemerkt, als wir das Transfer-Communiqué verschickt haben. Für mich war wichtiger, dass Schneuwly ein ehrlicher, aufopferungsvoller Spieler ist. Ihm blutet das Herz, sollte Luzern zu Hause 0:2 verlieren. Solche Spieler brauchen wir.

Aber mit dem 29-jährigen Schneuwly machen Sie nicht mehr das grosse Geschäft. Sie brauchen Neuentdeckungen, um ein grosses Geschäft zu machen.
Richtig. Aber diese Neuentdeckungen kann man auch in der Schweiz machen. Das Beispiel Remo Freuler stützt meine These. Natürlich ist es noch zu früh, um von einer internationalen Karriere zu sprechen. Aber hält Freuler sein Level, bleibt er kaum noch drei Jahre bei uns. Er kam erst vor eineinhalb aus der Challenge League (Winterthur – die Red.) zu uns und hat in fünf Einsätzen seine Aufgabe ordentlich gelöst.

Warum stehen Sie nach der Pause jeweils am Spielfeldrand?
Weil ich die Mannschaft und die Bank spüren will.

Auch, um Einfluss auf den vierten Offiziellen zu nehmen?
Und was würde das bringen? Die nehmen leider viel zu wenig Einfluss.

Oder auch, um taktisch einzugreifen?
Nie, nie, nie würde ich dem Trainer die Aufstellung diktieren. Nie, nie, nie würde ich einem Trainer in die Taktik dreinreden. Ich frage hinterher nach. Aber ich mische mich nicht in seine Verantwortlichkeit ein. Die Zeiten, in denen der Trainer als Alibi benutzt worden ist, sind beim FC Luzern vorbei. Eher laufen Kudi Müller, Thomy Wyss und ich nochmals gemeinsam für Luzern auf, als dass wir in den nächsten Monaten auch nur ansatzweise über einen Trainerwechsel sinnieren werden. Das garantiere ich.

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