VON REINHOLD HÖNLE

Dieter Baumann, in Barcelona waren Sie eingeschlossen und fanden noch den Weg zum Olympia-Sieg. Haben Sie nach den Dopingvorwürfen 1999 Ihren Mut ebenfalls nie verloren?
Dieter Baumann: Für mich sind das zwei unterschiedliche Lebenssituationen, die ich nicht vergleichen möchte. Die Auseinandersetzung vor dem Sportgerichtshof war für mich kein sportives Event. Eine Niederlage hätte ich nicht einfach wegstecken können. Es ging dort um meine Glaubwürdigkeit.

Fühlen Sie sich heute wieder so gut wie nach Ihrer Goldmedaille?
Leistungsmässig bewege ich mich natürlich nicht mehr auf dem gleichen Niveau. Aber das ist ja das Spannende am Leben: Alles hat seine Zeit. Wenn man jung und körperlich auf seinem Zenit ist, betreibt man Leistungssport. Obwohl ich noch nicht wirklich alt bin – ich bin 44 – spüre ich, dass dies heute nicht mehr so ist. Trotzdem ist es mir noch nie besser gegangen.

Wie viel laufen Sie noch?
Ich versuche noch jeden Tag zu laufen, aber meistens fällt es ein oder zweimal pro Woche aus. Ich laufe auch nicht mehr so lange, selten viel mehr als eine Stunde – ausser mir hat gerade jemand den Floh ins Ohr gesetzt, ich müsste an einem Ultralauf mitmachen . . . (lacht)

Sie folgen also mehr dem Lustprinzip?
Ja, natürlich. Wenn ich es wissenschaftlich einstufe, trainiere ich nicht mehr, ich laufe. Training beginnt dort, wo man sich zielgerichtet auf einen Wettkampf vorbereitet. Ich gehe einfach raus und mache, was mir einfällt. Gestern habe ich zwei Leute getroffen, die ich schon lange nicht mehr gesehen hatte. Da war klar: Wir gehen gemeinsam laufen. Und weil wir so viel zu erzählen hatten, wurden aus sechs eben zwölf Kilometer.

Weshalb klappte Ihr geplanter Umstieg auf die Marathon-Distanz nicht?
Ich habe schon in der Vorbereitung auf meinen ersten Marathon gemerkt, dass ich einfach kein Marathonläufer bin. Mein Metier ist die Mittelstrecke. Es hätte klappen können, da man in Ausdauerdisziplinen länger mithalten kann, aber letztlich war es doch so, als ob jemand sagt: «Ich bin gut im Diskuswerfen. Nun probiere ich mal Kugelstossen.» Für die Umstellung hätte ich etwa fünf Jahre gebraucht – und dann wäre ich auch für den Marathon zu alt gewesen.

Wo lag der Knackpunkt?
Das Spannendste war für mich die Erkenntnis, dass die psychische Belastung im Wettkampf beim Marathon eine völlig andere ist als auf der Bahn über 5000 Meter, wo man vom Startschuss an immer auf 180 ist, um sofort reagieren und entstehende Löcher stopfen zu können. Wenn man einen Marathon auf die gleiche Art läuft, ist man sehr schnell mental ausgepowert. Weil ich das Erfolgsgeheimnis «warten, warten, warten» nicht beherrschte, fühlte ich mich in Hamburg schon nach 30 Kilometern leer und gab auf.

Wie erklären Sie sich, dass Sie 1992 gegen die Überzahl der Afrikaner eine Chance hatten?
Mein grosses Glück war, dass sich meine Gegner bezüglich ihrer Taktik unschlüssig waren und letztlich nicht auf ein schnelles Rennen setzten. Sie waren dann offensichtlich etwas überrascht, dass ein Europäer den besseren Spurt hatte als sie. Ich hatte aber auch Glück, dass ich mich überhaupt noch aus meiner unkomfortablen Situation befreien konnte. Schliesslich war ich zuvor alles andere als ein Seriensieger. Ich habe auf dieser höchsten Ebene nur ganz selten gewonnen, eigentlich nur einmal! (lacht)

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