VON RICHARD HEGGLIN AUS VAL GARDENA



Als das Klassement schon festzustehen schien und Didier Cuche mit dem Hauch einer Hundertstelsekunde vor Klaus Kröll wie der sichere Sieger aussah, stellte Silvan Zurbriggen mit einer fantastischen Leistung die Wertung auf den Kopf. Und ein paar Minuten später musste auch er nochmals zittern, als sich Romed Baumann zwischen ihn und Cuche schob. Lediglich elf Hundertstelsekunden trennten den Ersten und den Vierten. Zusammen mit Carlo Janka (9.) gelang den Schweizern eine Bilanz, mit der nach dem Training nicht gerechnet worden war – vor allem von Cuche nicht: «Die Österreicher haben zu uns aufgeschlossen und teilweise überholt. Deshalb ist dieser Erfolg enorm wichtig für das Team, für die Trainer, uns Fahrer – für alle. So denkt man vielleicht weniger daran, warum die österreichischen Anzüge pfeifen.»

An den Tagen zuvor hatte Cuche Bedenken geäussert, dass die Österreicher wegen ihrer neuen Anzüge, die so eigenartig pfeifen, einen Materialvorteil besitzen. «Es sind nicht die Anzüge, die so pfeifen – das ist das Wachs», frotzelte Österreichs Ski-Verbandspräsident Peter Schröcksnadel. Mit Genugtuung nahm er aber zur Kenntnis, dass sich seine Rieseninvestition in die Anzugsentwicklung – man spricht von weit über einer halben Million Franken – gelohnt hat. Trotz des Schweizer Triumphes landeten drei Österreicher unter den ersten fünf. Im letzten Jahr hätte man sich bei dieser Bilanz die Finger abgeleckt.

Cuche betrachtete Zurbriggens Sieg als «kleine Überraschung. Aber er ist in letzter Zeit mit hohen Nummern in den Speedrennen so stark gefahren, dass man ihn auf der Rechnung haben musste. In dieser Verfassung ist er ein Anwärter
auf den Weltcup-Gesamtsieg. Als ich beim Saisonauftakt in Sölden seinen Namen nannte, hat man mich noch ausgelacht.»

Tatsächlich befindet sich Zurbriggen in der Form seines Lebens. Dass er seinen ersten «echten» Sieg – neben der Kombination 2009 von Kitzbühel – ausgerechnet in der Abfahrt holte, hätte sich der Slalom-Spezialist wohl selbst nicht erträumt. Zuvor war er nie Vierter geworden. Und mit der «Saslong» pflegte er eine eigenartige Beziehung. Nach seinem schweren Unfall bei den Kamelbuckeln hatten ihm die Ärzte sogar den Karrieren-Abbruch nahegelegt: «Je näher das Rennen rückte, desto mehr haben mich diese Buckel beschäftigt. Ich habe deswegen schlecht geschlafen und bin schon morgens um fünf Uhr aufgewacht.»

Und als der Franzose David Poisson mit der Nummer 4 dort fürchterlich stürzte, schien es um Zurbriggen geschehen: «Ich stand mit Michael Walchhofer vor dem Fernseher und musste wegschauen». Zurbriggen steckte den Zwischenfall aber weg, wie er in den letzten Wochen einiges weggesteckt hatte. Eine zu einer Staatsaffäre emporstilisierte Geschichte in einem Hotel in Lake Louise hatte ihm zugesetzt. «Solche Dinge gehen an einem nicht spurlos vorbei», meinte Zurbriggen. Dass der Verband «200 Prozent» hinter ihm stand, wie Präsident Urs Lehmann sich ausdrückt, gab ihm jenes Vertrauen, das so sensible Athleten wie er nun mal brauchen.

Als Einziger der Abfahrer, die heute am Riesenslalom in Alta Badia teilnehmen, verzichtete Zurbriggen auf den offerierten Heli-Flug über das Grödner Joch: «Ich bin im Moment zu müde, um mich dort einzufahren». So nutzten nur Cuche und Janka die Gelegenheit. Und Zurbriggen genoss den Erfolg.