«OHNE IHN KANN ICH NICHT LEBEN»

David und Philipp Degen sprechen über Frauen, die Steuerinitiative und ihr neues Tummelfeld in der Wirtschaft.

VON FRANÇOIS SCHMID-BECHTEL, DOMINIQUE WEHRLE

Wie kommen zwei Basler dazu, in Zürich Partner eines Lokals zu sein?
David Degen: Ich habe mit meinem Geschäftspartner eine Think-Tank-Agency aufgemacht und davon ist ein Projekt das «ROI». Das ROI-Restaurant ist ein Testmarkt für uns. Wir analysieren das Konsumverhalten des Kunden, schauen, wie er auf die neuen Gegebenheiten reagiert, um dann die richtigen Schlüsse für das Projekt «Zukunft» zu ziehen.

Wie sieht die Zukunft aus?
David: Das Restaurant brauchen wir lediglich als Experimentierwerkstatt. Wir wollen erfahren, wie der Kunde reagiert, wenn er 50 oder 100 Prozent seines Rechnungsbetrags als ROI-Punkte zurückbekommt und mit diesen online shoppen kann.

Noch vor drei Jahren gab es für euch kaum etwas ausser Fussball.
David: Ich interessiere mich sehr fürs Wirtschaftsgeschehen. Aber Fussball ist mein Hauptberuf.
Philipp Degen: Als Fussballer hat man die eine oder andere Minute frei, um sich neben dem Platz weiterzuentwickeln.

Interessiert ihr euch auch für Politik?
David: Natürlich. Ich will wissen, was im Land passiert und in welche Richtung es geht. Für mich ist das entscheidend, um auch die richtigen Schlüsse für das Business zu ziehen. Denn die Grundlagen werden in der Politik erarbeitet.

Heute erfahren wir die Abstimmungsresultate der Steuerinitiative. Wie habt ihr abgestimmt?
David: Die Schweiz war bisher sehr erfolgreich und für viele Unternehmen ein interessanter Standort. Die Schweiz ist ein innovatives Land, ein Nischenland. Wir sind stark im Bankensektor, weil wir Vorteile gegenüber anderen Ländern haben. Deshalb bin ich dagegen, an der Steuersituation etwas zu verändern.
Philipp: Wenn man in England sagt, dass man aus der Schweiz kommt, dann reden alle von den Banken. Die Schweiz geniesst im Ausland immer noch ein hohes Ansehen.
David: Dieses gute Image muss man pflegen. Die Schweiz ist ein Begriff. Für jeden. Egal wo man hingeht. Warum soll man jetzt etwas ändern, was sich in der Vergangenheit bewährt hat?
Philipp: Man soll etwas ändern, wenn es nicht gut läuft.
David: Aber im Gegensatz zu anderen Ländern stehen wir ja hervorragend da. Andere Länder steuern auf den Ruin zu. Die Befürworter der Steuerinitiative argumentieren mit der Fairness. Aber in der Schweiz hat schon jetzt praktisch jeder die gleichen Möglichkeiten etwas zu erreichen. Im Grundsatz kann jeder selbst entscheiden, wohin sein Weg führt. Wenn man ehrgeizig ist, Opfer bringt und an etwas glaubt, dann erreicht man seine Ziele auch.

Was haben Sie gefühlt, als Philipp am Pfeifferschen Drüsenfieber erkrankte?
David: Als ich es selbst im Februar bekommen habe, war es für mich ein grosser Schock. Ich befand mich gerade in einer sehr guten Phase. Dass Philipp fünf Monate später ebenfalls am Pfeifferschen Drüsenfieber erkrankte, hat mir sehr leidgetan für ihn. Da habe ich mich gefragt, ob es damit zu tun hat, dass wir die gleichen Gene haben.

Philipp, haben Sie damit gerechnet, dass Sie ebenfalls krank werden?
Philipp: Nein. Aber die Erfahrung, die David gemacht hatte, war für mich Gold wert. Ich habe sofort alles in die Wege geleitet.

Was kann man da in die Wege leiten?
David: Es gibt viele Möglichkeiten. Zum Beispiel Naturheilpraktiken. Die Natur hat das Virus hervorgebracht und darum glaube ich, dass die Lösung des Problems zu einem gewissen Teil auch in der Natur liegt.

Ivan Ergic war in eine depressive Phase gefallen. Hattet ihr Angst davor?
Philipp: Nein, ich nicht.
David: Ich auch nicht.
Philipp: Aber ich muss noch was ergänzen. Das Pfeiffersche Drüsenfieber kann einen wirklich grausam mitnehmen. Ich weiss, dass nicht jeder gleich darunter leidet. Aber wenn ich die Symptome fünf oder sechs Monate gehabt hätte, wüsste ich nicht, was passiert wäre. Die ersten vier Wochen bin ich in der Nacht 20-mal aufgestanden, ich habe also vier Wochen lang praktisch nicht geschlafen. Wenn man das auf lange Zeit hat, kann ich nachvollziehen, wenn man ins Grübeln kommt.

In den letzten drei Jahren hat sich bei euch mit Verletzungen und Transfers viel Negatives kumuliert – ein Fluch?
David: Nein es ist kein Fluch. Vielleicht ist es Pech. Aber was ist Pech und was ist Fluch? Das ist nur eine Frage der Definition.
Philipp: David hat sich eindrücklich aus dem Schlamassel befreit. Ich meine nicht nur die Krankheit, sondern auch seine sportliche Situation in Bern. Er stammt aus Basel, wird von den eigenen Fans ausgepfiffen und spielt am Anfang nur selten. Doch nun überragt er. David ist kein Spieler für die Super League, sondern ein Spieler für eine europäische Top-Liga.

War die Durststrecke notwendig für den nächsten Schritt?
David: Das ist ein Prozess, der erst aufhört, wenn ich sterbe. Man muss den Punkt erreichen, um in den Spiegel zu schauen und zu erkennen, was man bei sich ändern muss, um wieder einen Schritt nach vorne zu machen.

Zu welchen Ergebnissen sind Sie bei der Analyse gekommen?
David: Entscheidend war die Erkenntnis, dass ich bereit bin, Hilfe anzunehmen. Leider ist es immer noch verbreitet, dies als Schwäche zu werten. Aber für mich ist das eine Stärke. Ich habe in der Vergangenheit viele Fehler gemacht. Aber ich bin selbstkritisch geworden. Nach einem Match bin ich mit mir praktisch nie zufrieden.

Laden Sie sich da nicht zu viel auf?
David: Eine Belastung wäre es erst, wenn ich mich auch am nächsten Tag noch damit beschäftigen würde.
Wieso hat kein Verein und kein Trainer den Mut, Sie im Doppelpack zu verpflichten?
David: Wir sind zwei offene, kommunikative Spieler, die immer den Weg nach vorne suchen. Damit kommen einige Trainer nicht klar. Ich glaube aber, ein junger, moderner Trainer weiss, wie er uns anpacken muss.

Christian Gross, der beim FC Basel auf Sie beide gesetzt hat, steht nicht im Ruf ein junger, moderner Trainer zu sein.
David: Stopp! Christian Gross hat uns von A bis Z geprägt. Ohne ihn wären wir heute nicht so selbstbewusst. Er hat aus uns das Letzte herausgekitzelt, auch was die Persönlichkeit betrifft.
Philipp: Teilweise war es auch schwierig für uns. Aber genau das hat er beabsichtigt.
David: Als Junger muss man auch mal beissen. Aber Gross hatte immer das Ziel uns weiterzubringen. Und das ist ihm sehr gut gelungen. Philipp und ich sind keine Spieler, die wie Schachfiguren bewegt werden wollen.

Haben Sie so überhaupt einen Platz in der Nationalmannschaft?
David: Ich hole mir meinen Platz. Ich will Ottmar Hitzfeld mit guten Leistungen überzeugen, so dass er nicht mehr an mir vorbeikommt.
Philipp: Ich bin sicher einer der besten rechten Aussenverteidiger der Schweiz. Mein oberstes Ziel ist es, den Stammplatz, den ich noch vor zwei Jahren hatte, zurückzuerobern.

Was hat sich verändert, seit Gross nicht mehr Trainer in Stuttgart ist?
Philipp: Gross war der Hauptgrund, dass ich zum VfB Stuttgart gewechselt bin. Jetzt ist der ehemalige Assistent Jens Keller der Trainer. Es ist eben eine neue Situation.

Spüren Sie Gegenwind?
Philipp: Es ist noch zu früh, um darauf zu antworten. Ich bin erst seit drei Wochen wieder bereit für Wettkämpfe und habe auch noch nicht das Level, das ich vorher hatte.
David: Für mich als Aussenstehender ist klar, dass es für Philipp keine einfache Situation ist. Ich hoffe einfach, dass ihm Keller eine faire Chance gibt. Und ich hoffe, dass Philipp nicht benachteiligt wird, nur weil er von Gross geholt worden ist. In einer Mannschaft sollte eine Leistungs- und nicht eine Politkultur herrschen.

Wie häufig habt ihr im Profifussball schon gegeneinander gespielt?
Philipp: Zweimal. Aarau gegen Basel und Gladbach gegen Dortmund. Doch am Mittwoch gehts richtig zur Sache.
David: Die Situation ist klar. Sie sind schon qualifiziert und wir wollen den Sack daheim zumachen. Ich werde alles geben, damit ich da als Sieger vom Platz gehe. Ich habe im Hinspiel, als ich zuschauen musste, die Krise bekommen, als wir gegen eine Mannschaft, gegen die man eigentlich gewinnen muss, 0:3 verloren haben.

Telefoniert ihr immer noch 15-mal am Tag miteinander?
David: Nein, aber so fünf- bis zehnmal am Tag sind es schon.

Und der Traum vom Zusammenleben in einer Doppelhaushälfte mit Swimmingpool in der Mitte, gibt es
den noch?

David: (lacht) Da müssten wir erst mal Land finden, das ist ja nicht so einfach in der Schweiz. Aber für mich ist klar, dass ich später in der Region Zürich wohnen will. Neben dem Platz spielt sich alles im Grossraum Zürich ab.

Schwieriger als die Suche nach Land ist jene nach den Frauen.
David: (lacht) Ja, ja, die alte Geschichte. Philipp wird immer die wichtigste Person bleiben. Ohne ihn kann ich nicht leben. Das muss eine Frau akzeptieren. Und das ist erst die erste Hürde. Denn wenn diese Frau dem Philipp nicht passt, dann gehts auch nicht.
Philipp: Genau so ist es und wird es auch immer bleiben.


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