VON FELIX BINGESSER

Es war in den frühen Achtzigerjahren, als ein junger Trainer den Schweizer Fussball revolutionierte. Ottmar Hitzfeld überrumpelte mit dem kleinen FC Aarau die hochkarätigen Gegner. Er liess Pressing spielen, sein Team attackierte die Gegner in deren eigener Platzhälfte.

Da war ein Trainer, der mit bescheidenem Spielermaterial dank einer taktisch geschickten Ausrichtung und einem frechen Fussball die Leute begeisterte und sensationell anmutende Erfolge feierte. Hitzfeld wurde zu einem Trainer von Weltruf. Er arbeitete mit Stars, konnte Millionentransfers tätigen, drehte am ganz grossen Rad.

Seit etwas mehr als zwei Jahren ist Hitzfeld nun Schweizer Nationalcoach. Er kam als «Messias», allein sein klangvoller Name sorgte für eine Aufbruchstimmung. Er war der richtige Mann nach einer gegen Ende eher zähen Amtszeit von Köbi Kuhn. Hitzfeld ging mit diesem Engagement ein grosses Risiko ein.

Er wusste um das beschränkte Potenzial des Schweizer Fussballs. Er setzte seinen Namen aufs Spiel für einen Job, den er immer auch als «Herzensangelegenheit» bezeichnete. Er musste eine Schmach gegen Luxemburg wegstecken. Und fand eine Antwort darauf. Er führte die Schweiz an die WM-Endrunde nach Südafrika.

Er tat dies vor allem mit realistischem Resultatfussball. Mit diszipliniertem Spiel, mit klarem Schwerpunkt auf der defensiven Kompaktheit. Er schaffte das Husarenstück gegen Spanien in Südafrika. Keine Tore zu erhalten und «zu null» zu spielen, das können aber andere auch.

Ein Team wie Neuseeland hat bei der WM-Endrunde nie verloren. Wer aber weiterkommen will, wer sich entwickeln will, wer die Anhänger auch mal wieder begeistern will, der muss ein Spiel gestalten können. Der muss einem Gegner, der in Reichweite liegt, das

eigene Spiel aufzwingen können. Das ist Ottmar Hitzfeld gegen Teams wie Costa Rica (0:1), Honduras (0:0), Norwegen (0:1), Australien (0:0) oder nun auch gegen Montenegro (0:1) nicht gelungen. Die Schweiz hat kein unerschöpfliches Reservoir an Spielern. Aber sie hat mehr Potenzial, als sie derzeit abruft.

Das Team braucht einen Plan, eine Strategie für ein durchschlagskräftiges Offensivspiel. Sie braucht mehr Kreativität und mehr Durchschlagskraft. Wenn das Personal dafür fehlt, dann braucht es halt eine mutige, eine freche Taktik, um den Gegner zu überraschen. Dafür ist der Trainer zuständig.

Die Frage lautet: Gökhan Inler, wollten Sie in Montenegro gewinnen? Der Schweizer Mittelfeldspieler überlegt kurz und sagt dann: «Wir wollten punkten.» Genau dies ist derzeit die Krux. Wer an eine EM-Endrunde will, der muss gegen einen mediokren Gegner, wie es Montenegro ist, anders ins Spiel geschickt werden. Die Mannschaft war mental nicht bereit für den dringend benötigen Vollerfolg. Und darum verlor sie. Nun muss auch Hitzfeld Durchhalteparolen bemühen. «Ich muss dem Team Vertrauen schenken.

Ich habe ihnen noch nach dem Spiel Mut gemacht. Bei Alex Frei ist es eine Frage der Zeit, bis er wieder trifft. Unsere Situation sieht schlimmer aus, als sie ist. Es ist noch alles offen. Wir dürfen die Nerven nicht verlieren», sagt Hitzfeld. Und dann fast trotzig: «Ich glaube nicht, dass Montenegro in dieser Gruppe Zweiter wird.

Die können das nicht durchziehen, die haben auch sehr viel Glück gehabt und werden noch einbrechen. Ich glaube, dass der zweite Platz zwischen Bulgarien, Wales und der Schweiz ausgemacht wird.» Und der Trainer mag nicht von Fehlern reden. «Wir haben den Gegner nicht unterschätzt und wir waren nicht fahrlässig. Ich habe gespürt, dass jeder will.» Fahrlässig war das Team nicht. Aber mutlos und ideenlos.

Das Schweizer Nationalteam steckt in einer Sackgasse. Vielleicht wäre es gut, Ottmar Hitzfeld würde sich vor dem «Spiel der allerletzten Chance» am Dienstag gegen Wales nochmals an die frühen Achtzigerjahre erinnern. Vielleicht wäre es gut, er würde in dieser verzwickten Situation wieder zum Mann, der Risiken eingeht.

Der nicht nur berechenbar ist, sondern seiner Mannschaft eine klare Vorwärtsstrategie verordnet. Klar, er muss mit dem Spielermaterial arbeiten, das ihm zur Verfügung steht. Aber das musste er in den Anfängen seiner Amtszeit auch. Und da hatte er einen Plan und eine Strategie.

Davon ist bei der aktuellen Mannschaft im Offensivspiel nichts zu sehen. Wenn Hakan Yakin der Mannschaft noch irgend einmal helfen kann, dann vielleicht jetzt. Oder man setzt gegen Wales auf Moreno Costanzo. Das Team braucht einfach Kreativität.

Ottmar Hitzfeld ist und bleibt ein Weltklasse-Trainer. Ob er aber der richtige Mann für das Schweizer Nationalteam ist, daran muss mittlerweile gezweifelt werden. Hitzfeld hat einen Vertrag bis 2012. Da und dort wurde schon über eine frühzeitige Vertragsverlängerung gesprochen. Herr Hitzfeld, ist dieses Thema nun in den Hintergrund gerückt? «Ich bin im Moment kein Thema. Nur das Spiel gegen Wales ist jetzt ein Thema.»


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